Wirtschaft

Wechsel vom Büro an Küchentisch "Analoge Wirtschaft hätte massiv gelitten"

218526780.jpg

Um von zu Hause arbeiten zu können, braucht es mehr als nur einen Laptop.

(Foto: picture alliance/dpa)

Im März musste es in deutschen Firmen schnell gehen: Viele Angestellte wechselten ins Homeoffice. Kaum ein Unternehmen war auf diesen Kraftakt vorbereitet. Wie gut der Umzug geklappt hat, welche Risiken Heimarbeit birgt und ob sich die Bewährungsprobe auszahlt, erzählt Cisco-Deutschlandchef Peter.

ntv.de: Im März mussten etliche Angestellte ihren Arbeitsplatz verlagern. Quasi über Nacht sind viele vom Büro an den heimischen Küchentisch gewechselt. Wie gut hat der spontane Umzug funktioniert?

Uwe Peter: Auf diese Herausforderung ist niemand vorbereitet gewesen. Das hat die gesamte Wirtschaft, die öffentliche Verwaltung und auch die Schulen kalt erwischt. Denn um von zu Hause arbeiten zu können, braucht es mehr als nur einen Computer. Es muss die Verbindung zum Heimarbeitsplatz geschaffen werden, entsprechende Applikationen müssen skaliert werden und natürlich der Arbeitsplatz selbst. Als Fazit bleibt aber ganz klar: Deutschland kann Krise. Die meisten Unternehmen haben den Wechsel gut gemeistert. Wir haben teilweise innerhalb von zwei Wochen 40.000 Mitarbeiter eines Unternehmens fit für das Homeoffice gemacht und 3000 Schulen ans Netz gebracht. Unsere Mitarbeiter haben auch Krankenhäusern dabei geholfen, dass Patienten trotz Beschränkungen noch Kontakt zu ihrer Familie haben oder Diagnosen und Sprechstunden über Videokonferenzen abgehalten werden können.

Wie hätte dieser Wechsel ausgesehen, wenn die Corona-Krise vor 20 Jahren passiert wäre?

IMG_6932_kopie-1.jpg

Cisco-Deutschland-Chef Uwe Peter

Über die vergangenen Jahre hat sich IT unbemerkt nicht nur zur Lebensader unserer Gesellschaft, sondern auch unserer Volkswirtschaft entwickelt. Hätten Unternehmen vor 20 Jahren diesen Kraftakt meistern müssen, würden wir heute nicht darüber reden, dass das Bruttoinlandsprodukt um fünf oder sechs Prozent sinkt - sondern dann wären weite Teile der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens wirklich zum Erliegen gekommen. Eine analoge Wirtschaft hätte massiv unter der Corona-Krise gelitten. Die Ausmaße mag ich mir gar nicht ausmalen.

Wie wichtig ist Digitalisierung und IT-Infrastruktur für die deutsche Wirtschaft?

IT ist längst nicht mehr wegzudenken. Wir beschweren uns heute, wenn IT einmal nicht funktioniert. Noch vor 20 Jahren hat man sich über jede neue Leistung gefreut, die diese Technik gebracht hat. Daran sieht man auf der einen Seite: IT ist längst so wichtig wie Strom und Wasser. Auf der anderen Seite ist IT ein ganz großer Möglichmacher. Das, was an Verfahren digitalisierbar war, das ist auch digitalisiert worden. Nur in Singapur und Korea kommen beispielsweise noch mehr Industrieroboter zum Einsatz als in Deutschland. Siemens Digital Industries automatisiert und digitalisiert fast jede dritte Produktionsanlage weltweit. Anders sieht es bei der disruptiven Digitalisierung von neuen Geschäftsmodellen aus. Hier sind wir nicht so stark aufgestellt.

Während ein Großteil im Homeoffice arbeitet, hat der Datenverkehr enorm zugenommen und Anbieter an ihre Grenzen gebracht. Ist es zu größeren Ausfällen gekommen?

Erstaunlicherweise hat es wirklich wenige Probleme gegeben. Das liegt natürlich auch daran, dass all das, was wir in der Wirtschaft an Daten produzieren im Vergleich zu dem, was heute etwa über Fernsehen und Streaming-Dienste ohnehin genutzt wird, vom Volumen her nicht so hoch ist. Gleichzeitig haben alle Internetanbieter in Wochenendschichten neue Rechenzentren gebaut und angeschlossen. Auch wir haben unsere Plattform für Videotelefonie Webex massiv hochskaliert. Die Netze waren deswegen nicht überlastet. Wo es aber durchaus Herausforderungen gegeben hat und worauf wir in Zukunft achten sollten, ist die Abdeckung im ländlichen Raum. Heimarbeit funktioniert nur mit einer guten Verbindung . und da hat Deutschland Nachholbedarf. In der ersten Krisenbewältigung sind außerdem neue Strukturen ruckartig aufgebaut worden. Manchmal hat man bei der Sicherheit Kompromisse gemacht. Das muss jetzt dringend nachgebessert werden.

Millionen Menschen im Homeoffice sind abhängig von einer funktionierend digitalen, aber eben auch sicheren Infrastruktur. Welches Risiko stellen Cyberkriminelle dar?

Während Covid-19 hat es nicht mehr Attacken gegeben als zuvor. Cyberkriminelle haben aber in Betreffzeilen und Klick-Aufforderungen besonders stark auf Corona gesetzt. Das hat viele Anwender am Heimarbeitsplatz sehr verunsichert und auch zu Fehlverhalten verleitet. Dadurch konnten Angreifer beispielsweise in Firmennetzwerke eindringen. Insofern haben sie sich die Pandemie schon zunutze gemacht.

Wie wird die Arbeitswelt nach Corona aussehen?

Die meisten Firmen, mit denen ich spreche, gehen davon aus, dass mindestens ein Drittel der Arbeitszeit später auch zu Hause getätigt werden wird. Die aktuelle Entwicklung wird sicherlich Bestand haben. Eine Cisco-Studie hat ergeben, dass in Deutschland 86 Prozent der Arbeitnehmer, die während der Pandemie im Homeoffice waren, auch in Zukunft mehr Eigenverantwortung erwarten, wo und wie sie arbeiten. 64 Prozent würden als Geschäftsführer eine Homeoffice-Richtlinie erlassen. Ich sehe auch die Nachteile nicht, wenn Mitarbeiter frei entscheiden können, ob sie daheim oder vom Büro aus arbeiten. Im Endeffekt werden wir mittelfristig eine hybride Arbeitswelt sehen, die sowohl neue Technologien benötigt als auch eine neue Unternehmenskultur.

Was bleibt nach der Corona-Pandemie von dem aktuellen Digitalisierungs-Schub übrig?

Schon jetzt hat es ein Umdenken gegeben. Wir haben in der ersten Welle schnell gelernt, dass die Digitalisierung die Resilienz der Wirtschaft massiv stärkt. Agilen Arbeitsformen gehört deswegen absolut die Zukunft. Alle Prozesse, die heute noch analog sind - nehmen wir das Unterschriftsverfahren als Beispiel - werden digitalisiert werden. Da gibt es kein Zurück mehr. Es gibt keine Welt ohne Digitalisierung. Die Volkswirtschaften, die schneller sind, haben sich mit der Digitalisierung Wettbewerbsvorteile erwirtschaftet. Nachdem wir 2019 im Digitalisierungsranking von Platz 6 auf 14 zurückgefallen sind, haben wir in diesem Jahr sicherlich viel richtig gemacht und wieder aufgeholt. Ein großes Augenmerk müssen wir allerdings auf das Bildungswesen und die öffentliche Verwaltung legen. Aus meiner Sicht ist es hier am schwierigsten, große Fortschritte zu machen, auch wenn wir bereits viele ermutigende Beispiele gesehen haben.

Wird sich die Corona-Krise als technische Bewährungsprobe auch wirtschaftlich auszahlen?

Unternehmen, die schon digital waren, sind resilienter gewesen. Sie haben deutlich weniger Einbrüche verzeichnet. Was entscheiden wird, ist, dass wir die Digitalisierung auch in unseren Kernprodukten und Geschäftsmodellen etablieren. Eine Mittelstandsstudie von uns prognostiziert zum Beispiel, dass wir bis 2024 mehr als 300 Milliarden Euro mehr Bruttoinlandsprodukt generieren können, wenn wir nur 8 Prozent unserer kleinen und mittleren Unternehmen auf eine höhere Digitalisierungsstufe heben. Dazu ist die Vermeidung von Kriseneinbußen nicht zu unterschätzen. Eine stabile IT-Infrastruktur ist in Krisenzeiten wichtiger als jede Lebensversicherung.

Mit Uwe Peter sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de