Wirtschaft

Milliarden Dollar im Feuer Bald dürfte Russland pleite sein

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In Russland sind Proteste gegen den Krieg verboten.

(Foto: AP)

Die Wirtschaft leidet, der Rubel stürzt ab, die Kreditwürdigkeit ist nicht der Rede wert, ausländische Firmen verlassen Russland. Nun wird der Kreml wohl Schulden im Ausland nicht begleichen und sich damit der Staatspleite nähern. Das hat es seit 1917 unter den Bolschewisten nicht gegeben. ntv.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Worum geht es eigentlich?
Am Mittwoch muss Russland Schulden aus zwei Staatsanleihen in Höhe von 117 Millionen Dollar bedienen. Die Gläubiger sitzen vor allem im Ausland. Aller Voraussicht nach wird Russland die Schulden aber nicht in Dollar begleichen wollen, sondern in Rubel.

Hat Russland keine Dollar mehr?

Doch. Die Summe wäre ohne den Krieg in der Ukraine überhaupt kein Problem. Russland galt bis zum Angriff als überaus kreditwürdig und hat hohe Devisenvorräte im Volumen von umgerechnet mehr als 600 Milliarden Dollar. Die Hälfte dieser Vorräte liegt allerdings im Ausland und ist vom Westen eingefroren worden. Außerdem wurden auch einige Geschäftsbanken mit Sanktionen belegt. Finanzminister Anton Siluanow kündigte deshalb an, dass Schulden an "unfreundliche Länder" in Rubel bezahlt werden dürfen, bis die Sanktionen aufgehoben werden. Das heißt: Entweder zahlt Russland gar nicht oder in Rubel.

Was bedeutet das?
Die fälligen Zahlungen aus den Staatsanleihen müssen der ursprünglichen Vereinbarung zufolge in Dollar beglichen werden. Die meisten Gläubiger dürften aber nicht in der russischen Währung ausgezahlt werden wollen, die massiv unter Druck steht. Die Ratingagenturen, die Russlands Kreditwürdigkeit tief in den Ramschbereich gesenkt haben, könnten Russland dann aller Voraussicht nach für zahlungsunfähig erklären, weil es seinen Verpflichtungen nicht nachkommt.

Passiert das sofort?
Kommt ein Land seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nach, tritt automatisch eine Schonfrist in Kraft. Sie dauert 30 Tage. Währenddessen können sich Gläubiger und Schuldner einigen. Das bedeutet in diesem Fall, dass bis zum 15. April Zeit bleibt. Erst wenn es dann keine Einigung gibt, erklären Ratingagenturen Länder in der Regel für pleite. Sie können das allerdings vorziehen. Auch Gerichte können die Zahlungsunfähigkeit eines Landes feststellen.

Wie wahrscheinlich ist eine schnelle Einigung?
Das wird ein langer Weg. Normalerweise sieht eine Einigung so aus: Die Gläubiger verzichten auf einen Teil ihrer Forderungen. Sie tauschen die alten Anleihen gegen neue, die entweder direkt weniger wert sind, schlechter verzinst sind oder eine längere Laufzeit haben - oder eine Kombination dieser Punkte sind. Doch einen solchen Deal verhindern die vom Westen verhängten Sanktionen.

Welche Konsequenzen hat das für Russland?

Kann oder will ein Land seine Schulden nicht begleichen, wird es schwieriger und teurer, sich in Zukunft Geld zu leihen. Da der Westen Russland aber ohnehin mit Finanz-Sanktionen belegt hat, ist das Land jetzt schon weitgehend isoliert. An den großen Finanzplätzen wie New York oder London kann sich Russland kein Geld mehr leihen. Die Sanktionen engen den Spielraum der Regierung bereits ein und dürften die Regierung zwingen, entweder Ausgaben zu reduzieren oder Steuern zu erhöhen.

Wie hoch sind die Schulden Russlands?
Russland hat der Investmentbank JP Morgan zufolge rund 40 Milliarden Schulden in Fremdwährung. Rund die Hälfte wird von ausländischen Gläubigern gehalten. Russlands Schulden lagen damit vor dem Krieg bei rund 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist im internationalen Vergleich gering. Doch auch russische Konzerne sind im Ausland verschuldet. Am Mittwoch etwa werden Zahlungen des Stahlkonzerns Severstal fällig, am Donnerstag des Bergbaukonzerns Evraz, am Sonntag der Bank Tinkoff. Der Energie-Gigant Gazprom ist nächste Woche an der Reihe, gefolgt vom Raffinerie-Unternehmen Silur und dem Goldminen-Betreiber Polyus.

Was heißt das für russische Unternehmen?

Für sie gilt das gleiche wie für den Staat: Wenn sie ihre fälligen Zahlungen nicht begleichen, dürfte es noch komplizierter werden, an Fremdkapital zu kommen. Auch hier muss sich aber noch zeigen, inwiefern Zahlungsausfälle ihre Situation weiter verkomplizieren. Schon aufgrund der Sanktionen wird es für die meisten über die Zeit immer schwerer, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Denn ihre Einnahmen sinken kräftig.

Was bedeutet das für die Gläubiger?
Für die wird es teuer. Zur Einordnung: Bei internationalen Banken sind russischer Staat und Firmen im Volumen von rund 120 Milliarden Dollar verschuldet. Europäische Banken haben mehr als 84 Milliarden Dollar im Feuer - den größten Anteil haben Banken aus Frankreich, Italien und Österreich.

Droht eine neue Finanzkrise?
Das hält der Internationale Währungsfonds für nahezu ausgeschlossen. Das Gesamtengagement der Banken gegenüber Russland sei zwar nicht unbedeutend, aber zugleich "nicht systematisch relevant", sagt IWF-Chefin Kristalina Georgieva. Sollte Moskau alle Zahlungen auf Staatsanleihen einstellen, dann hätte das ein Volumen der Staatspleite Argentiniens im vergangenen Jahr. Das sei für die Finanzmärkte ein "Nicht-Ereignis" gewesen.

Quelle: ntv.de

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