Wirtschaft

Zweistellige Inflationsraten?Bei Lebensmitteln droht Preisschock wie nach Angriff auf Ukraine

30.03.2026, 16:05 Uhr Christina-LohnerVon Christina Lohner
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Unter anderem Milchprodukte könnten noch deutlich teurer werden. (Foto: picture alliance / CHROMORANGE)

In den vergangenen Jahren steigen die Preise im Supermarkt massiv. Die Teuerung hält sich hartnäckig. Infolge des Iran-Kriegs könnte der Blick auf den Kassenzettel noch schmerzhafter werden, vor allem für Kunden mit niedrigen Einkommen. 

Da im Iran-Krieg kein Ende in Sicht ist, könnte der Energiepreisschock zu einer Preisexplosion auch bei Nahrungsmitteln führen - in der Größenordnung der Teuerung nach Russlands Angriff auf die Ukraine. Zurzeit sei zwar noch mit einem deutlich geringeren Anstieg als vor vier Jahren zu rechnen, sagt Lebensmittelhandelsexperte Stephan Rüschen auf ntv.de-Anfrage. "Allerdings könnte eine zunehmende Eskalation zu weiter steigenden Energiepreisen führen, die zu einer ähnlichen Preissteigerung wie 2022 auch bei Lebensmitteln führen könnten."

In dem Jahr waren die Nahrungsmittelpreise in der Spitze um ein Fünftel im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Ab April 2022, also kurz nach Kriegsausbruch in der Ukraine, entkoppelten sie sich massiv von der allgemeinen Inflation. Aufs Jahr gerechnet betrug die Lebensmittelinflation insgesamt 13,4 Prozent. Ende vergangenen Jahres waren Nahrungsmittel 37 Prozent teurer als Ende 2019 - während die Preise insgesamt in dem Zeitraum um gut ein Fünftel zulegten.

Von den neuen Preissteigerungen wären besonders Produkte betroffen, die energieintensiv in der Produktion oder Verarbeitung sind, sowie Waren, die lange Transportwege zurücklegen müssen, wie Rüschen aufzählt: Getreide, Mais, Soja, Reis, auch infolge der steigenden Kosten für Düngemittel - und damit zudem Fleisch, da es sich bei Ersteren auch um Futtermittel handelt. Zu den energieintensiven Produkten zählen etwa Backwaren, Milchprodukte und Tiefkühlkost. Lange Transportwege treffen beispielsweise Obst und Gemüse sowie Fisch.

Mehr Kunden gehen zum Discounter

Daten des Marktforschungsunternehmens Accurat, die dem "Handelsblatt" vorliegen, deuten darauf hin, dass Verbraucher schon jetzt zunehmend bei Discountern statt in Supermärkten einkaufen. So steigerten demnach Aldi Nord und Süd zusammen ihren Anteil an der Zahl der Ladenbesucher in der Woche ab dem 16. März um 1,7 Prozentpunkte auf 17,7 Prozent. Auch Netto und Penny profitierten, während Rewe, Edeka, und Kaufland insgesamt 1,8 Prozentpunkte verloren. Allerdings büßte auch Lidl 0,3 Prozentpunkte ein. Ein Prozentpunkt mehr am Marktanteil entspricht dem Bericht zufolge zwei Milliarden Euro mehr Umsatz.

"Ein solcher deutlicher Ausschlag ist ungewöhnlich, das haben wir in der Vergangenheit so noch nicht beobachtet", sagte Maarten Vander Beken von Accurat der Zeitung. Der Trend sei klar und lasse sich nicht durch saisonale Effekte erklären. Handelsexperte Boris Planer sieht die Ursache demnach eindeutig im Iran-Krieg: Zum einen hätten die Konsumenten wegen der gestiegenen Spritpreise bereits weniger Geld zur Verfügung, zum anderen verunsichere sie die Befürchtung, dass die Kosten für Waren des täglichen Gebrauchs in Kürze steigen könnten. "Das führt dazu, dass sie beim Einkauf ihr Budget schonen wollen", sagte Planer dem "Handelsblatt".

Die Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie sprach bereits Anfang März von einem "drohenden Kostentsunami für die Lebensmittelbranche". Wenige Tage später kündigten Landwirte wegen der gestiegenen Ausgaben für Diesel und Dünger höhere Preise für ihre Produkte an. Von März bis Juni wird laut dem Bauernverband bis zu einem Drittel des Jahresverbrauchs an Diesel benötigt.

Wird die Mehrwertsteuer gesenkt?

Die Taskforce der Bundesregierung hat nach den Spritpreisen auch die Nahrungsmittelkosten im Visier. So schnell werden Lebensmittel zwar nicht teurer, inflationsbremsende Maßnahmen sind aber bereits im Gespräch, etwa eine Absenkung der Mehrwertsteuer auf Nahrungsmittel. Bisher fällt auf die meisten Waren eine Mehrwertsteuer von 19 Prozent an, für ausgewählte Lebensmittel ein reduzierter Satz von 7 Prozent.

Handelsexperte Rüschen sieht eine weitere Absenkung auf 0 Prozent kritisch, da es eine Entlastung der Verbraucher "mit der Gießkanne" wäre; das heißt, alle Kunden würden davon profitieren, statt etwa gezielter Haushalte mit niedrigen Einkommen zu entlasten. Außerdem wäre nicht nachvollziehbar, ob eine Abschaffung der Mehrwertsteuer an die Verbraucher weitergegeben wird, moniert der Professor für Lebensmittelhandel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn.

Kanzler Friedrich Merz schloss eine deutliche Absenkung des Mehrwertsteuersatzes für Lebensmittel nicht aus - gerade um Haushalte mit sehr niedrigen Einkommen zu entlasten. Denn diese müssen einen größeren Anteil ihres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel ausgeben, wodurch Preiserhöhungen für Nahrungsmittel stärker zu Buche schlagen.

Die allgemeine Inflationsrate ist im März infolge des Ölpreisschocks bereits deutlich gestiegen: 2,7 Prozent sind der höchste Stand seit mehr als zwei Jahren. Im Februar hatte die Inflation noch bei 1,9 Prozent gelegen. Lebensmittel waren im März 0,9 Prozent teurer als im Vorjahresmonat.

Für die kommenden Monate rechnen Ökonomen mit einer Inflationsrate um die drei Prozent. Angesichts der steigenden Energiekosten planen deutlich mehr Unternehmen in Deutschland Preiserhöhungen als vor dem Iran-Krieg. Der entsprechende Indikator des Ifo-Instituts kletterte im März um ein Viertel im Vergleich zum Vormonat. Der Wert erreichte den höchsten Stand seit drei Jahren.

Quelle: ntv.de

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