Preisschock zur FrühjahrsaussaatDüngerpreise explodieren - Iran-Krieg trifft Bauern hart
Von Caroline Amme
Wegen des Iran-Kriegs wird Benzin teurer, auch die Düngemittelpreise schießen durch die Decke. In der Golfregion befinden sich einige der größten Düngerfabriken. Das ist fatal für die Landwirte: Zur Aussaat im Frühling können sie kaum auf Dünger verzichten.
Der Iran hat die Straße von Hormus mal eine "Straße des Friedens" genannt. Heute ist die Meerenge eher eine "Straße des Krieges" - und eine Geisterstraße. Wegen des Iran-Kriegs und der Blockade kommen dort aktuell praktisch keine Schiffe mehr durch. Normalerweise fahren pro Tag im Durchschnitt bis zu 140 Schiffe durch die Straße von Hormus - aktuell sind es nur noch einige wenige.
Durch die etwa 50 Kilometer breite Meerenge wird nicht nur Öl und Flüssiggas in die ganze Welt transportiert. Sie ist auch die wichtigste Düngemittel-Handelsroute der Welt. Durch sie wird rund ein Drittel des weltweiten Düngers transportiert. Die Golfregion ist mit einem Anteil von knapp zwölf Prozent einer der größten Dünger-Exporteure der Welt. Der Grund: Stickstoffdünger wird aus Erdgas hergestellt. Und am Golf sind die Erdgasvorkommen groß und günstig.
Im Iran, in Katar, dem Oman, den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Bahrain und in Saudi-Arabian sitzen große Düngemittelhersteller. Die Unterbrechung der Lieferketten "hat dazu geführt, dass der Handel mit Ausbruch des Iran-Krieges alle Preisnennungen zurückgezogen hat und die Kriegssituation abwarten will. Eine sehr unsichere Situation", schätzt der Agrarexperte Jan Peters vom Fachmagazin "Top Agrar" die Lage ein.
"Wir bestellen zu horrenden Preisen"
Der Zeitpunkt könnte nicht schlechter sein. Jetzt im März geht's für die Landwirte wieder auf die Felder, sie pflügen und düngen ihre Äcker und beginnen mit der Frühjahrsaussaat. Genau jetzt brauchen sie also viel Dünger. Wer jetzt nicht düngt, verliert Ertrag.
Kunstdünger war schon vor dem Iran-Krieg teuer. Aber seit Kriegsbeginn explodieren die Preise, hat Bauernpräsident Joachim Rukwied nach Kriegsausbruch vor rund zwei Wochen bei ntv gesagt: "Bei Stickstoffdüngern sind die Preise in den letzten zehn Tagen um rund 30 Prozent gestiegen." Auch die Preiserhöhung beim Diesel sei eine große Belastung für die Bauern.
Wer Dünger schon früh bestellt hat, ist im Vorteil. Landwirte, die erst jetzt ihre Lager füllen, zahlen viel mehr dafür - oder bekommen gar nichts mehr. Gemüsebauer Herbert Jung aus Hessen hat 60 Prozent seines Jahresbedarfs schon im Herbst eingekauft. Die anderen 40 Prozent bestellt er gerade "zu horrenden Preisen, die die Situation für den Betrieb sehr schwierig gestalten", berichtet Jung bei ntv.
Zwar kommt nur wenig Dünger direkt aus der Golfregion nach Europa, aber die Blockade führt zu Preissteigerungen. Der Gaspreis steigt - und mit ihm auch der Düngerpreis. Der Stickstoffdünger Harnstoff kostete im Nahen Osten Mitte März fast 70 Prozent mehr als noch Mitte Februar, rund 650 US-Dollar pro Tonne. Auch die Transportkosten treiben die Preise in die Höhe, da die Schiffe durch die gesperrte Straße von Hormus Umwege fahren müssen.
Import-Düngemittel "schon ziemlich aufgebraucht"
Die Lager sind weitgehend leer: Zwar habe der Handel Ende 2025 große Menge Import-Düngemittel in den Häfen eingelagert, die seien aber "schon ziemlich aufgebraucht", sagt Peters. "Landhandel und Genossenschaften haben für das Frühjahr nur die Mengen an Stickstoff-, Phosphor- und Kali-Düngemittel eingekauft, die sie gleichzeitig an die Landwirtschaft verkaufen konnten."
Konventionelle Landwirtinnen und Landwirte düngen mit organischem und mineralischem Dünger. Organische Dünger bestehen aus pflanzlichen Stoffen wie Gülle, Mist und Kompost. Die wichtigsten Mineraldüngemittel sind Stickstoff-, Phosphat-, Kalium- und Kalkdünger.
Der Stickstoffdünger, der am weitesten verbreitet ist, ist Harnstoff. Für diese kleinen Kügelchen braucht man Erdgas. Daraus wird Ammoniak. Zusammen mit Stickstoff aus der Luft - Kohlendioxid - wird der Dünger hergestellt.
Für dieses Haber-Bosch-Verfahren hat der deutsche Chemiker Fritz Haber 1918 den Nobelpreis für Chemie bekommen. Seine Erfindung hat die Ernährung der Menschheit gerettet: Damals hatten die Bauern wegen der britischen Seeblockade nicht mehr genügend natürliche Dünger für ihre Felder.
Stickstoffdünger wird nahe Erdgasvorkommen produziert
Weil für das Verfahren Gas benötigt wird, befinden sich die meisten Düngemittelfabriken dort, wo die Gaspreise niedrig sind. "Es handelt sich um eine wettbewerbsintensive Rohstoffbranche. Daher findet man solche Anlagen und Standorte in Ländern wie Russland, dem Nahen Osten, den Vereinigten Staaten und China", sagt Alexis Maxwell vom Finanzdienstleister Bloomberg im Bloomberg-Podcast "Odd Lots". Die Länder der Golfregion haben in den vergangenen Jahrzehnten viel in die Produktion von Ammoniak und Harnstoff investiert.
Durch den Iran-Krieg haben viele in der Golfregion ansässige Düngemittelanlagen vorsorglich zugemacht. Einer der größten Harnstoffproduzenten, Qatar Energy, hat die Produktion Anfang März eingestellt, weil er durch iranische Drohnen- und Raketenangriffe keinen Zugang mehr zu Erdgas hatte.
Das Harnstoff-Granulat direkt vor Ort zu produzieren, rechnet sich. Denn wenn man Erdgas transportieren will, muss man es auf sehr niedrige Temperaturen abkühlen - "das ist sehr teuer", sagt die Agraranalystin. Harnstoff dagegen könne als Massengut transportiert werden, "das ist viel kostengünstiger und man erreicht damit schnell eine große Anzahl von Menschen weltweit".
Normalerweise wird der Transport von Harnstoff - und anderer Düngerkomponenten wie Ammoniak und Schwefel - durch die nun blockierte Straße von Hormus abgewickelt. Die Schiffe stecken mit ihren Lieferungen fest. Ein Problem für Länder, die auf diese Vorprodukte zur Düngerherstellung angewiesen sind, wie Indien oder Afrika. In Indien mussten mehrere Anlagen ihre Produktion drosseln. Bangladesch hat vier seiner fünf Düngemittelfabriken geschlossen.
Dünger garantiert Ernährungssicherheit
Der Düngemittel-Engpass ist fatal für die weltweite Lebensmittelversorgung. Wenn die Bauern nicht düngen können, kann das Millionen Tonnen weniger Ernte bedeuten. Etwa die Hälfte der weltweiten Nahrungsmittel wird mit Dünger angebaut. "Würden wir morgen aufhören, konventionelle Düngemittel zu verwenden, alles auf biologischen Anbau umstellen und jeden einzelnen Hektar Land bewirtschaften, könnte die Erde nur eine Bevölkerung von etwa vier Milliarden Menschen ernähren", sagt Maxwell.
Eine monatelange Blockade hätte spürbare Folgen für die Verbraucherpreise, sagt Hendrik Mahlkow vom Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".
Bundesaußenminister Johann Wadephul hofft, dass die Straße von Hormus so schnell wie möglich wieder passierbar ist. "Stocken diese Transporte, hat das verheerende Auswirkungen auf die Nahrungsmittelsicherheit weltweit. Schon jetzt warnen die Vereinten Nationen, dass Missernten, Hungersnöte und Nahrungsmittelknappheit drohen, wenn Düngemittel-Lieferungen aus den Golfstaaten dauerhaft ausbleiben würden."
Russland und China können nicht einspringen
Können die Golfstaaten als einer der größten Exporteure ersetzt werden? Immerhin gibt es noch andere große Produzenten: USA, Kanada, China, Marokko und Russland. Doch die können die Lücke kurzfristig kaum füllen.
Russland hat vergangenes Jahr trotz des Ukraine-Krieges noch viele europäische Bauern mit billigem Dünger versorgt. Seit diesem Jahr gelten in der EU aber höhere Zölle auf russische und belarussische Düngemittelimporte. Außerdem produziert Russland weniger Dünger, weil die Ukraine große russische Düngerwerke angegriffen und beschädigt hat.
China behält seinen Dünger lieber selbst, um die eigene Ernährungssicherheit und niedrige Inlandspreise zu garantieren. Marokko fehlt Schwefel aus Nahost zur Herstellung von Phosphatdünger. In Europa ist die Produktion heruntergefahren worden, weil Russland als billiger Gaslieferant weggefallen ist.
"Es bleiben einem eigentlich nur noch Länder wie Ägypten oder vielleicht die Vereinigten Staaten", analysiert Maxwell. Doch auch die USA hätten keine großen Lagerbestände. Die Zölle von US-Präsident Donald Trump haben importierte Düngemittel verteuert und viele Landwirte gezwungen, ihre Vorräte aufzustocken. Und auch Ägypten ist aktuell eine eher kostspielige Alternative.
Erste Folgen: Maisanbau geht zurück
Bauern haben in dieser Krise mitten in der Aussaat-Zeit nur wenige Möglichkeiten. Sie können weniger oder gar keinen Dünger ausbringen. Sie können auf organischen Dünger umsteigen. Oder sie bauen Pflanzen an, die weniger Stickstoff brauchen - etwa Sojabohnen statt stickstoffhungrigem Mais. Erbsen oder Linsen könnten Stickstoff aus der Luft binden und den Boden für die kommenden Früchte anreichern, hat Mahlkow vom IfW Kiel dem NDR gesagt.
Einige europäische Bauern haben sich bereits für andere Kulturen entschieden: In Italien, Frankreich und Spanien bauen sie dieses Frühjahr weniger Mais an, berichtet das Branchenportal Agrarheute. Eine langfristige Lösung sei es, sich von importierten Düngemitteln aus dem Nahen Osten unabhängig zu machen, meint der Politökonom Raj Patel in der "New York Times". "Wir sind von diesen Importen abhängig geworden."
Selbst wenn der Iran-Krieg vorbei ist, dauert es einige Zeit, bis die Preise wieder fallen, sagt Agrarexperte Peters: Es braucht vier Wochen, bis sich die Märkte wieder normalisieren und Dünger wieder günstiger wird. Ein Ende der Blockade der Straße von Hormus ist momentan aber nicht in Sicht.
Ein britischer Düngemittelimporteur warnt laut Agrarheute davor, dass Europa im Frühjahr 2027 keinen Stickstoffdünger mehr haben wird. Weniger drastisch sieht das der Industrieverband Agrar (IVA): Der Krieg habe zwar Auswirkungen auf die Preise, aber von Preisspitzen wie nach Russlands Überfall auf die Ukraine vor vier Jahren sei der Markt noch weit entfernt.