Wirtschaft

Krise in der Luftfahrt "Bei der Liquidität geht es um Tage"

131210500.jpg

Die Lufthansa leidet stark unter der Corona-Pandemie, die den Flugverkehr fast zum Erliegen gebracht hat.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Fluggesellschaften trifft es in der Coronakrise besonders hart. Auch die große Lufthansa ist gefährdet - die Konkurrenz lauert bereits. Um die Airlines zu entlasten, bringt Luftfahrt-Experte Baublies einen Wegfall der Luftverkehrabgabe ins Spiel. Zumindest für dieses Jahr.

ntv: Die Fluggesellschaften sind die Ersten, die in diese Krise hineingeschlittert sind und womöglich die Letzten, die aus ihr wieder rauskommen werden. Wie muss die Politik die Airlines in dieser Phase unterstützen?

Nicoley Baublies: Während der ganz akuten Phase muss man dafür sorgen, dass die grundsätzliche Infrastruktur erhalten bleibt. Frachtflüge, Sonderflüge und Evakuierungsflüge müssen weiter durchgeführt werden können. Das klappt auch gut. Nach der Krise werden es die Airlines zumindest operationell schaffen, langsam wieder hochzufahren. Das haben sie auch nach Sars oder dem 11. September geschafft.

Was ist in dieser Krise anders?

Das größere Problem ist, dass die Branche dieses Mal noch viel stärker betroffen ist. Nimmt man die sonstige Industrie, die womöglich Rückgänge von bis zu 10 Prozent erleben wird, dann liegt dieser Wert bei den Airlines eher bei 20 bis 30 Prozent. Hier müssen sich die Europäische Union und Deutschland ganz klar fragen: Leisten wir uns den Luxus, auf leistungsfähige Airlines zu verzichten und nehmen in Kauf, dass dann Unternehmen wie Emirates das übernehmen? Oder gleichen wir das aus? Ganz klar muss Letzteres der Fall sein. Also ist die Forderung: Jetzt muss Liquidität zur Verfügung gestellt werden und dann muss es dauerhafte Entlastungen geben, die diese besondere Betroffenheit der Luftfahrtindustrie darstellen. Autohersteller können nachproduzieren, Flüge können nicht nachgeholt werden.

129901410.jpg

Nicoley Baublies ist der ehemalige Chef der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo.

(Foto: picture alliance/dpa)

Lauert die Konkurrenz schon?

Ja. Die Vereinigten Arabischen Emirate werden ihre Airlines schon so schützen, dass deren Flieger schnell wieder in der Luft sind. Schon bei unseren Airlines Condor und der Luftfahrtgesellschaft Walter erleben wir, dass nun konkret unterstützt werden muss. Da geht es bei der Liquidität um Tage. Die Regierung muss schnell und unbürokratisch helfen. Wenn man jetzt lange prüft, dann hat sich der Prüffall schon erledigt.

Wie gefährlich ist die Konkurrenz für die Lufthansa?

Die Gefahr ist da. Wenn es die heimischen Airlines zwar schaffen, die Arbeitsplätze in Europa zu sichern, aber am Ende das Geld ausgeht und Fluggesellschaften wie Emirates oder Ryanair mit Kampfpreisen kommen, dann ist niemandem geholfen.

Ist eine Verstaatlichung der Lufthansa ein denkbares Szenario?

Eine Verstaatlichung der Lufthansa wäre eine Thematik, wenn wir feststellen, dass diese Krise über die nächsten Monate so akut anhält. Es ist sicher gut, die Option der Teilverstaatlichung zu haben. Sie aber jetzt schon zu ziehen, wäre völlig übertrieben. Es wäre auch ein falsches Signal, einen Dax-Konzern zum jetzigen Zeitpunkt teilweise zu verstaatlichen. Das Bild sollte nicht gezeichnet werden.

Sind Insolvenzen von kleineren Airlines weiterhin möglich?

Ja. Das betrifft auch nicht nur kleinere Airlines. Auch wenn die Lufthansa ein großer Konzern ist, muss man sich anschauen, was mit den Tochter-Airlines Eurowings und Germanwings passiert. Ob der Konzern das als Ganzes bewältigen und Arbeitsplätze sichern kann. Das hängt auch davon ab, inwiefern mit Augenmaß geholfen wird - auch wenn eine Lufthansa nicht kurz vor der Insolvenz steht.

Was heißt das konkret?

Es geht darum, gewisse Zuschüsse zu gewährleisten. Eine Idee: 2020 könnte man die Luftverkehrabgabe aussetzen. Oder der Bund könnte die Luftsicherheitsgebühren übernehmen. Dann haben alle die gleichen Chancen, von sich heraus wieder hochzufahren. Und bei einer angeschlagenen Airline wie Condor ist auch eine Beteiligung des Staates nicht auszuschließen. Also könnte hier der KfW-Kredit in Besitz umgewandelt werden - zumindest temporär. Das wären Szenarien für Individualmaßnahmen. Klar muss aber auch sein: Wenn der Lufthansa-Konzern Geld bekommt, dann nur mit der Maßgabe, dass er seine Mitarbeiter anständig behandelt und alle an Bord hält.

Der Umwelt hat die Zwangspause ganz gut getan: Werden die Menschen auch nach dieser Krise weniger fliegen?

Nein, das glaube ich nicht. Aber es werden sich sicher einige Dinge verändern. Nach der Finanzkrise hat man festgestellt, dass Manager auch ganz gut in der Economy Class fliegen können. Das hat dazu geführt, dass die Premium-Segmente kleiner geworden sind, aber die Preise in der Economy höher. Was sicher ein Thema bleiben wird: Die Frage, ob es nachhaltig ist, für 30 Euro Tickets zu verkaufen oder über ein Wochenende nach New York zu fliegen. Oder ob es zumindest zu einer Delle kommt, ist nicht auszuschließen. Auch die Frage der Lieferketten wird ein Thema sein. Von einer großen Veränderung in den Köpfen der Menschen gehe ich aber nicht aus.

Mit Nicoley Baublies sprach Philipp Sandmann

Quelle: ntv.de