Wirtschaft

Bayer-Chef im Interview "Bestehende Medikamente größte Hoffnung"

Im Kampf gegen Covid-19 setzt Bayer-Chef Werner Baumann auf das bereits vorhandene Medikament Resochin des Leverkusener Pharmakonzerns. Im Interview mit ntv spricht er über Corona-Medikamente, Ausgangsbeschränkungen und die Zeit im Homeoffice.

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ntv: Wie erleben Sie die Corona-Krise in diesen Tagen?

Werner Baumann: Unsere Aufgabe ist, absolut kritische Medikamente und auch Produkte zur Herstellung von Lebensmitteln in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen. Darauf fokussiert sich die Gesamtbelegschaft, darauf fokussieren wir uns auch im Vorstand und in der Unternehmensführung. Das machen wir - man kann das wirklich fast sagen - 24 Stunden am Tag.

Wie ändert sich Ihr Arbeitsalltag? Sie sind im Homeoffice, machen keine Reisen mehr. Das muss sich ungewohnt anfühlen.

Ja, das Arbeiten ist für alle anders. Für viele ist es natürlich auch das erste Mal im Homeoffice. Aber unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - vor allem diejenigen, die nach wie vor jeden Tag in die Produktion kommen - müssen unter erheblichen Auflagen ihre Aufgaben wahrnehmen. Das tun wir zu deren Schutz, es ist aber trotzdem ein wahnsinniger Aufwand: die Trennung von Schichten, eine vollkommen andere Art der Belegschaftsverpflegung, Sicherheitsmaßnahmen an der Schleuse ins Unternehmen mit Temperaturmessungen. Das macht das Arbeiten in vielen Bereichen beschwerlicher. Und unsere Leute bewältigen das mit einer wirklich bewundernswerten Art und Weise und einem unglaublichen Engagement.

Wie lange kann das ein so großer Konzern wie Bayer, wie lange kann die Gesellschaft diesen Lockdown durchhalten?

Für uns als Organisation sind wir ehrlich gesagt sehr überrascht, wie gut es geht, dass die Firma jetzt mehr oder weniger online und in Teilen virtuell geführt wird. Dass wir nach wie vor extrem kurze Kommunikationswege haben, in sehr engem und gutem Austausch stehen, insbesondere im Krisenmanagement - und vor allen Dingen eine sehr gut funktionierende IT. Das sind schon besondere Umstände, die wir sicher auch für einige Wochen noch durchhalten können.

Für die Volkswirtschaft ist meine Antwort eine andere. Wir müssen mit Augenmaß und dann allerdings so schnell wie möglich aus dem derzeitigen sehr flächigen Lockdown herauskommen, damit die Wirtschaft wieder in Gang kommt. Keine Volkswirtschaft dieser Welt kann den Zustand, in dem wir jetzt sind, wirklich lange durchhalten.

Mit welchen wirtschaftlichen Auswirkungen rechnen Sie für Deutschland?

Wir sehen es ja allenthalben. Die Bundesregierung macht das ausgesprochen gut, auch die Landesregierungen, mit den Lockdown-Maßnahmen, die implementiert sind in der akuten Krise - und auch mit der Vielzahl von Hilfsprogrammen, die auf den Weg gebracht worden sind. Aber wir hören bereits jetzt die ersten Firmen, die sagen, dass sie eine Insolvenz kaum vermeiden werden können. Und ich befürchte, dass wir hier das Ende noch nicht gesehen haben, sondern dass es jetzt gerade erst anfängt. Deswegen nochmals: Wir müssen so schnell wie möglich aus dieser Situation wieder heraus.

Sie stellen in Pakistan das Malaria-Mittel Resochin her. Das wird immer wieder in die Diskussion gebracht, wenn es um die Bekämpfung dieser Lungenerkrankung Covid-19 geht. Kann das aus Ihrer Sicht ein Hoffnungsträger sein?

Ja. Resochin ist ein sehr altes Produkt, es wurde von Bayer in den 30er Jahren erfunden. Das heißt, es gibt über 80 Jahre Erfahrung mit dem Produkt, mit seiner Wirkung, mit seinen Nebenwirkungen. Aber für Covid-19 ist es nicht getestet und auch nicht zugelassen. Es gibt jedoch aus China heraus sehr vielversprechende Indizien, dass Resochin beim Einsatz gegen Covid-19 möglicherweise wirksam ist, denn es wurde dort eingesetzt. Es laufen nun einige klinische Studien. Unsere Aufgabe besteht zunächst einmal darin, dieses Produkt möglichst breit verfügbar zu machen, nicht nur in Pakistan. Wir werden auch in Europa wieder unsere Produktion anfahren. Alles, was wir herstellen können, werden wir spenden - so wie wir das auch jetzt schon tun.

Sie sind in Ihrem Unternehmen anders als andere Konzernchefs von vielen Medizinern und Biologen umgeben. Gibt es da Aussagen, wann es in etwa ein Medikament geben kann, das diese Pandemie ausbremst oder davor schützt?

Hier müssen wir realistisch sein. Es gibt eine Reihe von Medikamenten, denen antivirale Wirkung zugeschrieben wird und die dann auch gegen Covic 19 wirken können. Das sind alles Medikamente, die bereits auf dem Markt sind. Und das ist eigentlich das Naheliegendste: dass bereits zugelassene Medikamente in einer neuen Verwendung getestet werden. Neue Medikamente, die noch nicht mal in der bisher verfolgten Anwendung geprüft sind, werden wahrscheinlich nicht rechtzeitig und auch dann nicht in ausreichender Menge verfügbar sein. Also: Bestehende Medikamente sind die größte Hoffnung.

Sie stellen eine ganze Reihe weiterer Medikamente her und sind auf Lieferketten angewiesen. Nun gibt es Meldungen, wonach Vorprodukte beispielsweise aus China und aus Indien nicht mehr reibungslos in ihre Produktionsstätten kommen. Wie ist da die Lage?

Wir arbeiten in unserem Krisenstab intensiv daran, und zwar wirklich 24 Stunden am Tag, unsere Lieferketten aufrechtzuerhalten. Es gibt von der einzelnen Regierungen Exportbeschränkungen. Das müssen wir wieder aus dem Weg räumen - das geht, teilweise mit einer gewissen Verzögerung.

Sind wir da ein Stück weit Opfer der Globalisierung geworden? Haben wir es übertrieben ?

Das glaube ich nicht. Wir leben in einer arbeitsteiligen Welt, von der wir insbesondere in Deutschland als exportorientierte Nation sehr profitieren. Und es ist ja nicht ein Problem dieser arbeitsteiligen Aufstellung, wenn die Lieferketten zusammenbrechen, sondern sehr oft das Ergebnis einer politischen Intervention. Hier wird sicherlich auch für die Regierungen weltweit eine große Aufgabe bestehen, eine bessere Pandemie-Planung mit einer besseren, auch internationalen Abstimmung auf den Weg zu bringen.

Wie wird diese Krise unsere Gesellschaft verändern?

Es wird eine Wertediskussion geben, es wird eine Rückbesinnung auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben geben. Zurzeit müssen wir auf Dinge verzichten, die uns sehr wichtig sind. Viele Dinge werden wir auch als nicht ganz so wichtig ansehen wie wir sie vielleicht vorher gesehen haben. Ich glaube, es wird auch eine neue Diskussion über den Wert der Wissenschaft und vor allen Dingen der wissenschaftlichen Leistungen geben, die dazu führen, dass Menschen ein gutes und sicheres Leben führen können geben. Das ist in den letzten Jahren vielleicht etwas in den Hintergrund getreten.

Mit Werner Baumann sprach Ulrich Reitz.

Quelle: ntv.de