Wirtschaft

Deutsche Post im Corona-Modus "Natürlich kann es Einschränkungen geben"

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Pilotprojekt in Heinsberg: Ein Postzusteller trägt Lebensmittel zu einer Anwohnerin in Quarantäne.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Mitarbeiter der Deutschen Post halten das Land in der Pandemie am Laufen. Aber werden sie standhalten? Kommt es noch schlimmer, greift ein Worst-Case-Plan, sagt Betriebschef Thomas Schneider im Interview mit ntv.de. Der Stresstest zu Ostern wird entscheidend sein.

ntv.de: Die Post gehört zu den wenigen Betrieben der Wirtschaft, die in der Corona-Krise keine Eiszeit, sondern ihre Feuertaufe erleben. Kommen Sie mit der Post- und Paketzustellung noch hinterher?

Thomas Schneider: Es läuft gut, es gibt bundesweit keine betrieblichen Einschränkungen. Mehr als 90 Prozent der Briefe und 85 Prozent der Pakete sind am nächsten Tag beim Empfänger. Ich bin sehr stolz auf unsere Mitarbeiter - ob in der Zustellung, der stationären Bearbeitung, im Transport oder auch in der Verwaltung.

Wie hat sich die Arbeit Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch die Pandemie verändert?

Unser Kerngeschäft ist dasselbe: Sortieren, transportieren, zustellen. Aber verändert hat sich die Arbeit durch die zahlreichen Schutzmaßnahmen, die wir in allen Bereichen auf Basis der Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts und des Arbeitsschutzes konsequent umsetzen.

Das heißt, es gibt jede Menge Einschränkungen, die es normalerweise nicht gibt. Was bedeutet das für den Betriebsablauf?

Die Lage ist äußerst dynamisch. Sie können kaum vorhersehen, was in den nächsten Tagen passieren wird. Es können Grenzschließungen sein, die zum Beispiel einige unserer Fachkräfte aus der Tschechischen Republik oder Polen betreffen. Das führt zu Transport- und Lieferverspätungen. Oder es könnten lokale Quarantäne-Gebiete entstehen, in dem Fall müssen wir noch strengere Sicherheitsvorkehrungen für unsere Mitarbeiter treffen. Bisher ist es uns aber immer gelungen, für all diese Fälle - in Abstimmung mit den zuständigen Behörden - schnelle und pragmatische Lösungen zu finden, um die Versorgung sicherzustellen.

Und wie schützen Sie Mitarbeiter und Kunden konkret vor der Ansteckung mit dem Virus?

Wir teilen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beispielsweise in zwei Schichten ein, um den Kontakt untereinander zu minimieren. Außerdem arbeiten wir in der Zustellung kontaktfrei. Wir verzichten bei der Paketübergabe bis auf Weiteres auf die eigenhändige Empfangsbestätigung durch den Empfänger. Zudem haben wir in den letzten Tagen rund 30.000 Liter Handdesinfektionsmittel zur Verfügung gestellt. Und dann werden wir in den kommenden Wochen alle Zustellfahrzeuge mit einem Wasserkanister ausstatten, sodass sich die Kollegen auch während der Zustelltour die Hände waschen können.

In den USA haben Angestellte des Online-Handelsriesen Amazon gegen mangelhaften Schutz vor Corona-Infektionen während der Arbeit protestiert. Sie forderten die Schließung und Desinfizierung des Gebäudes, nachdem ein Mitarbeiter positiv getestet wurde. Desinfizieren Sie Ihre Logistikzentren?

Ja, neben den bereits genannten Schutzmaßnahmen desinfizieren wir unsere Betriebsstätten und Arbeitsmittel auch regelmäßig.

Belohnen Sie Ihre Mitarbeiter dafür, dass sie dem Risiko einer Ansteckung mehr ausgesetzt sind als andere? Zum Beispiel in Form von Gefahrenzulagen?

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt planen wir keine ergänzenden Sonderzahlungen. Hinsichtlich der Entlohnung gelten die vereinbarten Tarifverträge. Diese bieten Vergütungsniveau und Sozialleistungen. Mit denen sind wir als Arbeitgeber in unserer Branche führend.

Aber wären Risikozuschläge momentan nicht eine gute Idee? Schließlich suchen doch alle händeringend Personal. Sie auch?

Wir haben momentan noch keinerlei Engpässe beim Personal. Wir sind auf temporäre Schwankungen, sowohl bei Mengen als auch beim Personal eingestellt und können diese in der Regel gut bewältigen. Derzeit spüren wir allerdings schon, dass sich der Arbeitsmarkt wandelt und mehr Menschen nach Beschäftigung suchen. Mit dem Ostergeschäft steuern wir auf die erste traditionelle Bewährungsprobe in diesem Jahr zu. Wir prüfen die Lage im Einzelfall und je nach Bedarf, insbesondere im Paketbereich.

Das könnte sich doch aber alles schnell ändern, wenn sich das Virus weiter ausbreitet. Wie hoch ist der Krankenstand durch das Coronavirus?

Wir haben weder aufgrund krankheitsbedingter Ausfälle noch sonstiger Gründe betriebliche Einschränkungen. In Bezug auf Krankenstände und mögliche Covid-19-Fälle geben wir auch aus Rücksicht auf die Privatsphäre unserer Mitarbeiter keine Wasserstandsmeldungen. Werden uns Fälle bekannt, setzen wir sofort in Abstimmung mit den örtlichen Gesundheitsbehörden die von der Weltgesundheitsorganisation WHO oder dem Robert-Koch-Institut empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen um.

Einem Medienbericht zufolge gibt es ein 20-seitiges Geheimpapier, wonach die Deutsche Post Extrem-Szenarien durchspielt. Es heißt, im Notfall sollen nur noch Einschreibebriefe und Sendungen an "bevorrechtigte Personen" zugestellt werden. 200 Millionen Briefe sollen dann liegen bleiben. Können Sie dazu etwas sagen?

Es ist doch selbstverständlich, dass wir angesichts der aktuellen Covid-19-Pandemie alle möglichen Szenarien durchspielen. Dass wir die Auswirkungen auf unsere Dienstleistung bewerten und Pläne aufstellen, wie wir die Versorgung mit Briefen und Paketen weiter sichern können. Das erwarten die Kunden auch von uns. Natürlich kann es zu Situationen kommen, in denen es zu Einschränkungen kommt. Aber derzeit gibt es diese extreme Situation in Deutschland nicht, die in Worst-Case-Planungen zugrunde gelegt wird. Grundsätzlich sind wir dazu verpflichtet, die Post- und Paketbeförderung auch in Krisen- und Katastrophenzeiten aufrechtzuerhalten. In diesem Fall werden sogenannte postbevorrechtigte Kunden vorrangig versorgt. Zu ihnen gehören zum Beispiel die Verfassungsorgane in Bund und Ländern, Behörden, Gerichte, die Bundeswehr, aber auch Aufgabenträger im Gesundheitswesen und weitere Kunden, denen behördlich eine entsprechende lebens- oder verteidigungswichtige Aufgabe zugestanden wird. So geheim sind diese Vorgaben gar nicht.

Betriebschef Thomas Schneider koordiniert alle Brief- und Paketzentren sowie Zustellstützpunkte.

Betriebschef Thomas Schneider koordiniert alle Brief- und Paketzentren sowie Zustellstützpunkte der Deutschen Post.

Im besonders vom Coronavirus betroffenen Kreis Heinsberg hat die Deutsche Post ein Pilotprojekt zur Grundversorgung für Risikogruppen gestartet. Wird die Post das Angebot ausweiten?

In Heinsberg liefern wir in Kooperation mit Rewe seit wenigen Tagen bestimmten Personen Lebensmittel nach Hause, damit sie beim Einkauf keinem Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind. Das ist besonders für Menschen im höheren Alter und bei Vorerkrankungen wichtig. Wir verteilen Bestellformulare und übermitteln diese an den lokalen Rewe-Standort. Am Folgetag holen wir die bestellten Waren ab und liefern sie aus - kontaktlos, so wie derzeit überall üblich. Im Angebot gibt es ein Sortiment aus Lebensmitteln und Haushaltswaren, für die keine Kühlung erforderlich ist. Ob das Projekt weiter ausgerollt wird, entscheiden wir nach der Testphase. Das hängt natürlich auch von der Nachfrage ab.

Wie können Kunden Ihren Mitarbeitern helfen und deren Arbeit vielleicht ein bisschen erleichtern?

Unsere Kunden helfen uns am meisten, indem sie für die aktuellen Sicherheitsmaßnahmen, wie beispielsweise den Verzicht auf die eigenhändige Unterschrift des Empfängers, Verständnis haben. Wir weisen auch ausdrücklich auf die Möglichkeit hin, einen sogenannten Ablagevertrag zu schließen. Dabei legt der Zusteller Paket-Sendungen an einen zuvor vom Kunden festgelegten Ort ab, wodurch eine direkte Übergabe gar nicht mehr nötig ist. Insgesamt freuen wir uns aber sehr über das zahlreiche und ganz überwiegend positive Feedback unserer Kunden.

Mit Thomas Schneider sprach Diana Dittmer

Quelle: ntv.de