Wirtschaft

Sechs Wirecard-Töchter insolvent Bilanzbetrug lief wohl schon seit 2014

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Vor einer Woche stellte Wirecard einen Insolvenzantrag, nun folgen sechs Tochtergesellschaften.

(Foto: imago images/Overstreet)

Der Wirecard-Bilanzskandal scheint immer größere Dimensionen anzunehmen. Einem Medienbericht zufolge soll die Führungsriege den Betrug schon vor Jahren geplant haben - das erhöht auch den Druck auf die Aufsichtsorgane. Sechs Tochtergesellschaften melden unterdessen ebenfalls Insolvenz an.

Der kürzlich aufgedeckte Bilanzskandal von Wirecard soll einem Medienbericht zufolge schon viel länger andauern als bisher vermutet. Wie die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft München berichtet, hat der insolvente Zahlungsdienstleister seine Umsätze und Erlöse bereits in der Jahresbilanz 2015 mit vorgetäuschten Milliardeneinnahmen aufgebläht. Ziel sei demnach seit 2014 gewesen, "den Konzern finanzkräftiger und somit attraktiver erscheinen zu lassen, als das tatsächlich der Fall war", schreibt die SZ.

Seit 2016 berichteten Zeitungen wie die britische "Financial Times" (FT) über mutmaßlich fiktive Umsätze von Wirecard. Nun stehen auch die Aufsichtsorgane wie die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) unter Druck, die die dubiosen Machenschaften des Finanzdienstleisters offenbar trotzdem fünf Jahre lang nicht bemerkten. Stattdessen hatte die Bafin 2019 Anzeige gegen die FT wegen angeblicher Manipulation des Börsenkurses von Wirecard erstattet. Der Konzern selbst gestand erst Mitte Juni ein, dass in der Jahresbilanz 1,9 Milliarden Euro fehlen und das Geld vermutlich gar nicht existiert. Vor einer Woche stellte das Unternehmen einen Insolvenzantrag.

Auch im Bundestag stößt dieses massive Versäumnis auf Kritik. Zahlreiche Abgeordnete forderten von SPD-Finanzminister Olaf Scholz schnelle Konsequenzen für eine Neuaufstellung der Finanzaufsicht. "Wir müssen jetzt endlich aus den Fehlern lernen und Strukturen schaffen, damit effektiv geprüft wird", sagte Grünen-Finanzpolitiker Danyal Bayaz in einer aktuellen Stunde des Parlaments zu den Vorgängen. Es handele sich um eine "kollektive Unverantwortlichkeit".

"Müssen auch über Politikversagen sprechen"

Scholz sei "in der Pflicht, die Finanzaufsicht so aufzustellen, dass sie effektiv prüfen kann". Seit Jahren gebe es immer wieder Vorwürfe. "Wir sprechen hier von einem Dax-Konzern", betonte Bayaz. "So etwas muss dann auch irgendwann einmal über den Schreibtisch eines Ministers gegangen sein." Auch dies müsse Teil der Aufklärung sein. Nötig sei eine "Neuaufstellung" der Bafin.

Auch der Linken-Fraktionsvize Fabio De Masi übte Kritik an Scholz, der gesagt habe, die Bafin habe in dem Fall einen harten Job gemacht. "Wenn das ein harter Job war, dann will ich nicht wissen, wie der schlechte Job aussieht", sagte er. "Wir müssen auch über Politikversagen sprechen." Der FDP-Finanzexperte Frank Schäffler kündigte an, dass seine Fraktion den Vorgang parlamentarisch untersuchen lassen wolle. "Wenn Sie da nicht mitmachen, ... dann wird das ein Fall des Finanzministers, denn er hat die Rechtsaufsicht über die Bafin", warnte er die Koalition.

Wirecard-Tochtergesellschaften ebenfalls insolvent

Im Zuge des Skandals wurden nun auch sechs deutsche Tochtergesellschaften von Wirecard unter den Schutz des Insolvenzverfahrens gestellt. Wie der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffé mitteilte, können Insolvenzanträge für weitere Tochtergesellschaften derzeit nicht ausgeschlossen werden.

Nach Angaben Jaffés ist das Ziel der Insolvenzanträge der Tochtergesellschaften, diese "nach Möglichkeit fortzuführen, da sie im Konzern Dienstleistungen an andere Gesellschaften erbringen". Dazu gehören demnach die Wirecard Technologies GmbH, die Wirecard Issuing Technologies GmbH, die Wirecard Service Technologies GmbH, die Wirecard Acceptance Technologies GmbH sowie die Wirecard Sales International Holding GmbH und die Wirecard Global Sales GmbH in Aschheim bei München.

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Die Einleitung eines vorläufigen Insolvenzverfahrens für die sechs Gesellschaften ermögliche nun auch die Vorfinanzierung des Insolvenzgelds für die dort beschäftigen insgesamt 1270 Mitarbeiter, erklärte Jaffé. Für die rund 250 Mitarbeiter der Wirecard AG sei die Vorfinanzierung des Insolvenzgeldes bereits auf den Weg gebracht worden. Die Bundesagentur für Arbeit habe bereits ihre Zustimmung dazu erteilt. Damit seien die Lohn- und Gehaltszahlungen für die drei Monate Juni bis August gesichert.

Aktionärsschützer verlangten unterdessen den sofortigen Rauswurf von Wirecard aus dem Dax. Der bisherige Verbleib des Unternehmens im deutschen Leitindex tue dem Dax, der Börse und dem Standort Deutschland nicht gut, sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler, der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Quelle: ntv.de, lri/AFP/DJ/dpa