Wirtschaft

Image des Virgin-Chefs bröckelt Branson hat die Briten unterschätzt

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Das Image des britischen Multimilliardärs Richard Branson hat durch seinen Ruf nach Corona-Hilfen schweren Schaden genommen.

(Foto: REUTERS)

In der Finanzkrise ist Virgin-Chef Richard Branson noch strikt gegen Staatshilfen für kriselnde Firmen. Dass der britische Multimilliardär nun in der Coronakrise selber Hilfe will, empört viele Steuerzahler. Hunderttausende unterschreiben eine Petition gegen ihn.

Richard Branson ist als Vorzeigeunternehmer und PR-Genie in eigener Sache bekannt. Vielen Menschen gilt er als Vorbild für erfolgreiches Management - auch weil der Brite mit dem inzwischen in die Jahre gekommenen Sunnyboy-Flair eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Wirtschaftswelt ist. Doch der Konzernlenker steckt in großen Schwierigkeiten.

Die Corona-Krise deckt die Schwachstellen seiner Virgin Group mit mehr als 60 Unternehmen mit mehr als 70.000 Mitarbeitern in 35 Ländern - und einem Gesamtumsatz von 17 Milliarden Britischen Pfund auf. Vor allem der Fluggesellschaft Virgin Atlantic geht es sehr schlecht. "Das Coronavirus hat dem Showmann die Barthaare abgerissen und enthüllt die unappetitliche Realität, die sich darunter verbirgt", schreibt die "Financial Times".

Bislang haben unternehmerische Fehlschläge dem Image des 69-Jährigen nicht geschadet, dessen Vermögen vom US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" auf 4,9 Milliarden US-Dollar geschätzt wird. Noch schillernder als seine Persönlichkeit schien nur die PR, die Branson dem Markennamen Virgin immer wieder durch ungewöhnliche Aktionen bescherte: Mal verkleidete er sich als Stewardess, mal als Cola-Dose und mal zog er für ein Buchcover nahezu blank. Hinter den locker-lustigen Auftritten steckte eine klare PR-Strategie, die bislang aufging. Dabei produziert sein Virigin-Imperium in letzter Zeit auffallend viele negative Schlagzeilen.

Ausnahmen von der Erfolgsbilanz

Ausgerechnet das Aushängeschild der Firmen-Gruppe, die Airline Virgin Atlantic, war im letzten Jahrzehnt nur noch mäßig erfolgreich. Branson hatte die Fluggesellschaft 1984 gegründet, heute hält er 51 Prozent der Anteile. 2017 und 2018 lagen die Verluste von Virgin Atlantic bei rund 86 Millionen Euro. Ende 2018 übertraf der Schuldenstand die Rücklagen um das Dreifache.

Virgin Atlantic ist nur ein Beispiel: Die Fusion von Virgin Money mit der CYBG-Bank war von Startschwierigkeiten wegen der Verbindlichkeiten aus früheren Fehlkäufen geprägt. Seit der Fusion in 2018 fiel der Aktienkurs der neuen Großbank immer weiter ab.

Der Gesundheitsdienst Virgin Care stand 2018 wegen schlechter Leistungen in den Gemeinden in Bath und Somerset in der Kritik. Und die Brautmoden-Kette Virgin Brides und die Softdrink-Firma Virgin Cola gibt es heute nicht mehr - trotz Bransons ausgefallener PR-Stunts.

Bransons Image haben diese Fehlschläge nicht geschadet. Stattdessen ließen sie den Multimilliardär bodenständig wirken, war er doch nicht nur erfolgsverwöhnt. Die Corona-Krise macht jetzt aber nicht nur Bransons Firmenimperium zu schaffen - sondern schadet auch seinem Ruf.

Bransons Corona-Reaktionen kosten Sympathien

Die Corona-Pandemie verschärft die Lage der Virgin-Gruppe erheblich. Viele Unternehmen sind angeschlagen, darunter mehrere Airlines, Hotels und andere Tourismusanbieter. Erst Anfang März ging Flybe, Europas größte Regionalfluggesellschaft, zwei Monate nach der Übernahme durch Virgin pleite. Eine Woche später verkündete die neue Kreuzfahrtlinie Virgin Voyages, dass man die Jungfernfahrt auf unbestimmte Zeit verschiebe. Im April meldete schließlich die Airline Virgin Australia Insolvenz an. Und auch Virgin Atlantic kämpft ums Überleben.

Probleme bei seinen Unternehmen kosteten Branson bisher keine Sympathiepunkte – und das ist auch in der Corona-Krise so. Für seine Versuche, die angeschlagenen Firmen zu retten, gilt allerdings das Gegenteil. Erst im April bat Branson die Airline-Mitarbeiter, acht Wochen unbezahlten Urlaub zu nehmen. Anfang Mai kündigte Virgin Atlantic schließlich den Corona-bedingten Abbau von 3150 der etwa 10.000 Stellen an. Gleichzeitig versuchte Branson, die Unterstützung der britischen Regierung einzuholen – warf zuletzt noch seine Privatinsel Necker Island als Garantie für einen staatlichen Kredit in die Waagschale.

Ein Multimilliardär, der seine Mitarbeiter in unbezahlten Urlaub schicken will und auf staatliche Unterstützung hofft - das kommt bei vielen Briten nicht gut an. Zumal Branson in der Finanzkrise noch strikt gegen staatliche Hilfe für kriselnde Unternehmen war. Im Fall der Fluggesellschaft British Airways lautete sein damaliges Mantra: Unternehmen die es nicht aus eigener Kraft aus der Krise schaffen, sollte man pleitegehen lassen. Auch der Vorwurf, Branson habe den Sitz seiner Holding auf seine Privatinsel verlegt, weil er dort keine Einkommensteuer zahle, wird seit der Krise lauter.

Petition gegen staatliche Unterstützung

Branson reagierte auf die Vorwürfe und erklärte sich in einem offenen Brief. Darin heißt es, er lebe nur auf Necker Island aus Liebe zur Insel. Zu seinem Vermögen schrieb er, das Geld liege nicht auf seinem Konto, sondern entspreche dem Wert der Virgin-Gruppe. Auch die unentgeltliche Beurlaubung sei einstimmig von den Mitarbeitern beschlossen worden. Darüber hinaus kündigte er an, 250 Millionen Britische Pfund in die Virgin-Gruppe zu investieren.

Viele Briten kann das vorerst aber nicht besänftigen. In einer Petition forderten bereits mehr als 600.000 Bürger, Branson solle versuchen, die Fluggesellschaft erst mal mit seinem Privatvermögen zu retten - bevor es der Steuerzahler tue. Die britische Regierung reagierte ähnlich und lehnte seinen Antrag auf einen Hilfskredit in Höhe von 500 Millionen Britischen Pfund ab. Aus Insiderkreisen heißt es, die Airline habe der Regierung nicht ausreichend aufgezeigt, dass alle anderen Maßnahmen zur Firmenrettung bereits ausgeschöpft seien und habe deshalb eine Absage kassiert.

Branson scheint indes doch auf Hilfe zur Selbsthilfe zu setzen: Zuletzt kündigte die Virgin-Gruppe an, über ihre Tochtergesellschaft Vieco 10 ihre Anteile an der Weltraumtourismus-Firma Virgin Galactic im Wert von 400 Millionen US-Dollar zu verkaufen. Der Erlös könnte in die Rettung von Virgin Atlantic fließen. Zumindest würde das Ausmaß der finanziellen Krise so abgefedert. Bransons Image dürfte vorerst aber angekratzt bleiben.

Der Artikel erschien am 14. Mai 2020 bei capital.de.

Quelle: ntv.de