Wirtschaft

"Zahnloser Schoßhund" Briten verspotten deutsche Finanzaufsicht

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Die Bafin bekommt einen neuen Chef.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wie unterschiedlich Wahrnehmungen sein können: Für den scheidenden Bafin-Chef gehört seine Behörde auch nach dem Wirecard-Desaster zu den besten der Welt. Die renommierte "Financial Times" wirft ihr dagegen grenzenlose Inkompetenz vor und vergleicht sie mit einem Zwergspitz.

Im Skandal um die Wirecard-Pleite hat sich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert - und muss deshalb viel Kritik einstecken. Die "Financial Times" (FT) legt heute nach: "Deutschlands Finanzaufsichtsbehörde gleicht eher einem gealterten Zwergspitz als einem dynamischen Rottweiler", heißt es in einem Kommentar. "Der riesige Wirecard-Betrug hat die Bafin als zahnlosen Schoßhund entlarvt. Ihre Inkompetenz hallt über Deutschlands Grenzen hinaus nach." Nicht viel besser sei es ihr im Skandal um Greensill Capital und deren Bremer Bank gegangen.

Die FT hatte Jahre vor dem Zusammenbruch von Wirecard Fragen zur Bilanzierung des Zahlungsdienstleisters aufgeworfen. Dabei wurden die Vorwürfe mit der Zeit immer konkreter. Die Bonner Finanzaufsichtsbehörde ging zunächst aber vor allem gegen Investoren vor, die bei Wirecard auf fallende Kurse wetteten. Gegen FT-Journalisten wurden zudem Anzeigen von der Bafin erstattet - wegen des Verdachts auf Marktmanipulation in Zusammenarbeit mit Anlegern.

Der einstige Dax-Konzern war im Juni 2020 nach der Aufdeckung eines 1,9 Milliarden Euro großen Lochs in der Bilanz in die Pleite gerutscht. Die Münchner Staatsanwaltschaft wirft mehreren Ex-Managern unter anderem gewerbsmäßigen Bandenbetrug, Bilanzfälschung und Marktmanipulation vor.

Der BaFin-Chef Felix Hufeld muss seinen Posten räumen. Auch die Leiterin der Wertpapieraufsicht, Elisabeth Roegele, verlässt die Behörde. Besonders pikant: Mittlerweile hat die Bafin einen eigenen Mitarbeiter wegen des Verdachts auf Insiderhandel mit Derivaten angezeigt.

Bafin-Chef zählt Behörde zur "Weltspitze"

"Das Finanzministerium hat einen Plan, um die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht zu stärken. Das kommt nicht zu früh: Wenn Mitarbeiter der Aufsichtsbehörde im Verdacht stehen, als Insider mit Wirecard-Aktien gehandelt zu haben, liegt einiges im Argen", so die "FT" weiter.

Der scheidende Bafin-Chef Hufeld hält die deutsche Finanzaufsicht trotz des Wirecard-Skandals für eine der besten der Welt. "Die Bafin wird weltweit - ohne jeden Zweifel - als eine der leistungsstärksten Aufsichtsbehörden angesehen", sagte der 59-Jährige im parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Bundestages. Hufeld sagte, jede Behörde stoße bei gezielter Täuschung an ihre Grenzen.

Der Behörde wird vorgeworfen, den milliardenschweren Bilanzbetrug zu spät erkannt und in dem Fall weitgehend versagt zu haben. Bundesfinanzminister Olaf Scholz hatte Hufeld lange gedeckt, Ende Januar nach neuen Details über Wirecard-Derivategeschäfte eines Bafin-Mitarbeiters aber die Reißleine gezogen. Hufeld wird in den nächsten Tagen aufhören.

Sein Nachfolger an der Bafin-Spitze wird Mitte des Jahres Mark Branson, der von der Schweizer Finanzaufsicht kommt. Er hatte diese Woche im Finanzausschuss des Bundestages gesagt, Deutschland brauche eine Aufsicht von Weltklasse und dafür Veränderungen. Der CSU-Finanzpolitiker Hans Michelbach sagte, die jüngsten Befragungen im U-Ausschuss zeichneten ein erschütterndes Bild von der Bafin. Sie sei offenbar völlig überfordert gewesen. "Das ist nicht Aufsicht der Weltklasse, das ist unterste Kreisklasse."

"Völlig überfordert"

Auch die geschasste Leiterin der Wertpapieraufsicht sieht kaum eigene Fehler. Sicherlich hätte die Bonner Behörde in dem Fall besser kommunizieren können, sagte Roegele. Die beispiellose Entscheidung im Februar 2019, Wetten auf Wirecard-Kursverluste zu verbieten, sei zum Schutz von Anlegern, vor allem Kleinanlegern, erlassen worden - nicht zum Schutz des Unternehmens.

Die Behörde sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, sie habe sich mit dem Leerverkaufsverbot auf die Seite von Wirecard gestellt - obwohl es damals schon Hinweise in Medien und von Investoren auf Ungereimtheiten in der Bilanz gab. Das Leerverkaufsverbot spielt eine zentrale Rolle bei der politischen Aufklärung des Wirecard-Skandals. Es festigte bei Investoren den Eindruck, Wirecard sei Opfer einer gezielten Attacke. Leerverkäufer spekulieren auf fallende Kurse eines Unternehmens und veröffentlichen dafür oft bewusst negative - gelegentlich sogar falsche - Informationen.

Quelle: ntv.de, jga/dpa/rts

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