Wirtschaft

Wie reagiert Peking? China-Crash stürzt Asiens Börsen ins Minus

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Der Kursrutsch in Shanghai hat fast die gesamten Gewinne seit Jahresbeginn wieder vernichtet.

(Foto: REUTERS)

Die chinesischen Aktienmärkte bereiten den Anlegern dort seit Wochen sorgen. Nun reißen sie ganz Asien mit in den Abwärtsstrudel. Peking verspricht milliardenschwere Gegenmaßnahmen. Doch die bisherigen Ankündigungen verpuffen wirkungslos.

Die Finanzmärkte in Ostasien sind weiter in Aufruhr. Die Angst vor einem Wachstumseinbruch in China hatte wie schon in der Vorwoche die Börsen fest im Griff und sorgte für panikartige Verkäufe, diesmal nicht nur in China. Von Stabilisierung war weit und breit nichts zu sehen.

In Shanghai brach das Börsenbarometer um 8,5 Prozent ein auf 3211 Punkte und zog die Indizes an den Nachbarbörsen mit in den Keller. In Tokio knickte der Nikkei-Index um 4,6 Prozent ein auf 18.540 Punkte. Das größte Tagesminus seit Juni 2013 beförderte den Index zugleich in den Korrekturmodus. Er ist definiert als ein Minus von mindestens 10 Prozent gegenüber dem jüngsten Indexhoch. In Hongkong ging es für den HSI um gut 5 Prozent südwärts, in Sydney um gut 4 Prozent.

Enttäuschung über Notenbank

Die Börse in Shanghai hat nun sämtliche seit Jahresbeginn aufgelaufenen Gewinne wieder verloren. In der Spitze Mitte Juni betrugen diese 60 Prozent. Über die noch zu erwartenden Verluste an den Weltbörsen für den Fall einer ernsthaften Wachstumskrise in China gehen die Meinungen auseinander. Auf der einen Seite gibt es Stimmen, die die Abschläge schon jetzt für überzogen halten, auf der anderen Seite aber auch Meinungen, wonach die Märkte bislang noch zu moderat reagiert hätten.

Auslöser für den Absturz zu Wochenbeginn war vor allem die Enttäuschung darüber, dass China - vor allem die chinesische Notenbank - nicht schon am Wochenende neue Maßnahmen gegen das Debakel an seinen Börsen unternommen hatte. Zahlreiche Anleger hatten für das Wochenende auf aggressivere Unterstützungsmaßnahmen der Notenbank gehofft. So machte Markteilnehmern zufolge die Spekulation einer Senkung des Mindestreservesatzes zuletzt die Runde.

Tatsächlich aber blieb es weitgehend still um die People's Bank of China (PBoC). Einem Bericht des "Wall Street Journal" zufolge bereitet die PBoC eine Liquiditätsspritze für den Bankensektor vor, die die Kreditvergabe ankurbeln soll. Ende des Monats oder zu Beginn des kommenden Monats könne es soweit sein. Dann könnte auch der Satz für die Mindestreserven der Geschäftsbanken gesenkt werden. Eine Senkung um einen halben Prozentpunkt würde 106,2 Milliarden Dollar freisetzen, schreibt die Zeitung.

Zunächst wirkungslos blieb, dass Peking den Pensionsfonds nun erlaubt, einen Teil ihres verwalteten Vermögens in Aktien zu halten. Damit könnten umgerechnet zusätzlich rund 137 Milliarden Euro in die Aktienmärkte fließen. Pensionsfonds dürfen künftig bis zu 30 Prozent ihrer Nettovermögen in chinesischen Aktien, Aktienfonds und Mischfonds anlegen, wie der Staatsrat auf seiner Website mitteilte. Bislang konnten Pensionsfonds ihre Gelder nur in Bankeinlagen und Staatsanleihen anlegen.

Ölpreisverfall belastet zusätzlich

Zur nochmals beschleunigten Talfahrt in Ostasien trug aber auch die Entwicklung an den US-Börsen vom Freitag bei. Dow-Jones-Index & Co erlebten bei extrem hohen Umsätzen ihren schwärzesten Tag seit vier Jahren. Der Dow-Jones-Index ist erstmals seit 2011 wieder in den Korrekturmodus eingetreten, der S&P-500-Index steht kurz davor.

Zur unverändert pessimistischen Stimmung an den Finanzmärkten trug auch der anhaltende Verfall des von vielen als Konjunkturindikator gesehenen Öls bei. Das Barrel der US-Sorte WTI kostete zuletzt nur noch rund 39 Dollar. Erst am Freitag war der Preis erstmals seit 2009 knapp unter die 40er Marke gerutscht.

"Verglichen mit dem Ausverkauf im Juni und Juli, als sich die Anleger wenigstens noch an Hoffnungen über mutmaßlich kommende Rettungsmaßnahmen der Regierung klammerten, scheinen sie diesmal völlig hoffnungslos zu sein, weil die bisherigen Stabilisierungsmaßnahmen fehlgeschlagen sind", beschrieb Amy Lin, Analystin bei Capital Securities die Stimmung.

Yuan überraschend abgewertet

Marktbeobachter sprachen davon, dass sich institutionelle Teilnehmer aus dem Markt zurückzögen, nachdem der Shanghai-Composite durch die 3.300er Marke gefallen sei, den so genannten "politischen Boden". Damit ist das Kursniveau gemeint, von dem viele Akteure dachten, dass es mit staatlicher Hilfe halten würde. "Kernprobleme des Aktienmarkts sind die furchtbaren konjunkturellen Fundamentaldaten und die Tatsache, dass die Aktien weiter überbewertet sind", so Lin weiter.

Epizentrums des Bebens an den Börsen ist die überraschende Abwertung des chinesischen Yuan vor zwei Wochen. Peking versucht damit, das viele Jahre hochfliegende Konjunkturwachstum wenigstens einigermaßen aufrechtzuerhalten. Über den niedrigeren Yuan sollen die Exporte angekurbelt werden, was wiederum negative Rückwirkungen auf die Exportsituation vieler Nachbarstaaten hat. Viele Schwellenländerwährungen sind deshalb an den vergangenen Tagen unter Druck geraten. Der malaysische Ringgit markierte ein 17-Jarestief, der thailändische Baht ein Sechsjahrestief und der südkoreanische Won ein Vierjahrestief - jeweils zum Dollar.

Zudem schüren zuletzt überwiegend enttäuschend ausgefallenen Konjunkturdaten aus China die Spekulationen über ein Wachstumsverlangsamung in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde, die unweigerlich Rückwirkungen auf die Weltwirtschaft haben würde.

Yen gesucht

Gesucht waren an den Finanzmärkten sichere Häfen wie US-Anleihen und am Devisenmarkt der als Fluchthafen geltende Yen. Der Dollar kostete zuletzt 120,38 Yen, verglichen mit Ständen deutlich über 123 am Freitag. Auch der Euro legte zum Dollar weiter kräftig zu und kostete zwischenzeitlich schon fast 1,15 Dollar. Am Freitag war er noch für unter 1,13 Dollar zu haben.

Hintergrund der Dollarschwäche ist die sich immer stärker abzeichnende Verschiebung der von vielen Marktteilnehmern vor kurzem noch für September erwarteten Zinserhöhung in den USA. Auch hierfür ist die Krise in China verantwortlich. Sie macht die US-Notenbanker vorsichtiger, weil sie befürchten müssen, mit einer Zinserhöhung für einen zusätzlichen Dämpfer auf die Weltkonjunktur zu sorgen, auch wenn die US-Konjunkturdaten aktuell womöglich eine Zinserhöhung rechtfertigen.

Der Yen-Anstieg verstärkte wiederum den Druck auf Aktien stark exportabhängiger japanischer Unternehmen. Honda Motor verloren beispielsweise 6,5 Prozent und TDK 5,6 Prozent. In Sydney gehörten Aktien aus dem Ölsektor zu den größten Verlierern. Woodside Petroleum verloren 4,9 Prozent, Oil Search 5,7 und Santos sogar 11 Prozent. Letztere litten zusätzlich darunter, dass der Unternehmenschef nach sieben Jahren gehen will und im Zuge dessen nun ein strategischer Neuansatz und Verkäufe von Vermögensteilen erwogen werden.

Fortescue Metals Group brachen sogar um 15 Prozent ein, nachdem der Eisenerzförderer wegen des schwachen Eisenerzpreises einen 88-prozentigen Gewinneinbruch mitgeteilt hatte.

Anleihen bleiben relativ stabil

In Shanghai wurden Aktien von Brokerhäusern abverkauft. Citic Securities brachen um die für einen Handelstag maximal zulässigen 10 Prozent ein. Seit Jahresbeginn hat sich der Wert der Aktie halbiert. Die Brokerhäuser hatten mit zur Blasenbildung am chinesischen Aktienmarkt beigetragen, indem sie Anleger bei ihren kreditfinanzierten Aktienkäufen unterstützten.

Vergleichsweise gering fielen die Verluste an den Anleihemärkten der Region aus, wobei hoch verzinste Papiere, darunter von chinesischen Immobilienunternehmen und indonesischen Unternehmen, höhere Verluste erlitten. Marktteilnehmer warnten aber, dass auch dieser Anlageklasse mehr Ungemach drohen könnte. "Wenn die Unruhe an den Aktienmärkten anhält wird das eine systematischen Ausverkauf zur Folge haben. Die Anleger werden sich dann Bargeld beschaffen müssen, um ihre Verluste auszugleichen oder erhöhte Kreditanforderungen im Falle kreditfinanzierter Käufe zu erfüllen", sagte Ben Sy, Anleiheexperte für Asien bei J.P. Morgan Private Bank: "Rentenpapiere bleiben dafür dann die einzige Quelle".

Quelle: n-tv.de, bad/mbo/DJ7dpa

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