Wirtschaft

Hat die EU das Nachsehen? China will sich US-Flüssiggas schnappen

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China ist weltweit der größte Käufer von Flüssiggas.

(Foto: Yao Feng)

Gas wird immer teurer. Das liegt auch am enormen Bedarf Chinas an Flüssiggas. Konzerne aus der Volksrepublik wollen nun in den USA einkaufen. Für die EU kann das zum Problem werden.

Große chinesische Unternehmen befinden sich angesichts der Energiekrise in fortgeschrittenen Gesprächen mit US-Exporteuren über einen milliardenschweren Vertrag zur Lieferung von Flüssigerdgas (LNG). Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge verhandeln mindestens fünf Konzerne darüber, darunter die staatliche Sinopec und die China National Offshore Oil Company (CNOOC). Das Geschäft könnte sich auf einen Wert von Dutzenden Milliarden Dollar belaufen.

Das verflüssigte Gas wird mit großen Tankschiffen angeliefert. Dann wird es wieder in Gas verwandelt und anschließend in die Gasnetze eingespeist.

"Wir erwarten, dass noch vor Jahresende Verträge unterzeichnet werden", sagte einer der Beteiligten aus Peking. "Dies wird hauptsächlich durch die globale Energiekrise und die Preise, die wir jetzt sehen, getrieben. US-Lieferungen sind jetzt attraktiv." Auf US-Seite werde hauptsächlich mit Cheniere Energy und Venture Global verhandelt. Sinopec allein könnte etwa Lieferungen über vier Millionen Tonnen jährlich ins Auge fassen, sagte einer der Insider.

Die zweitgrößte Volkswirtschaft und zugleich die größte herstellende Industrie des Planeten kauft derzeit den LNG-Markt leer und zahlt Rekordpreise, um die Versorgung im nahenden Winter zu sichern. Der Grund: In der Volksrepublik wird Kohle - dort die wichtigste Quelle für die Stromerzeugung - in den Vorratsspeichern der Kraftwerke knapp. Das Land mit dem weltweit größten Hunger auf Kohle hat dabei ein großes Problem: Der Handelsstreit mit Australien, dem weltweit zweitgrößten Kohleexporteur, hat dazu geführt, dass Lieferungen nach China stark eingeschränkt wurden.

Preise schießen nach oben

Kommt es zu einem baldigen Geschäft zwischen US-amerikanischen und chinesischen Firmen, könnte das für Europa zum Problem werden. Die Gasspeicher hier sind nicht so hoch gefüllt wie im vergangenen Jahr. Die Gaspreise sind in den vergangenen Monaten in die Höhe geschossen. Zum Herbst und Winter steigen sie in der Regel weiter - etwa wegen der Heizsaison und des verstärkten Stromverbrauchs für die Beleuchtung.

Die Großhandelspreise am wichtigen niederländischen Gas-Handelspunkt TTF sind deshalb seit Januar um mehr als 400 Prozent gestiegen. Die Großhandelspreise für Strom haben sich verdoppelt. Wenn US-Tanker mit verflüssigtem Erdgas (LNG) Asien statt Europa ansteuern, dürfte das den Preisauftrieb verstärken.

Russland will nach den Worten von Präsident Wladimir Putin zwar mehr Gas nach Europa transportieren. Der staatlich kontrollierte russische Konzern Gazprom ist schon jetzt der wichtigste Lieferant Europas. Offen ist, wann die Gas-Pipeline Nord Stream 2 in Betrieb geht, die weiteres Gas von Russland nach Europa bringen kann. Die Export-Möglichkeiten Russlands seien allerdings möglicherweise begrenzt, erklärt die Bank of America. Die eigenen Speicher in Russland werden noch gefüllt, und die Produktion laufe bereits so hoch wie zuletzt vor fast zehn Jahren.

Russland wird allerdings etwa von EU-Abgeordneten vorgeworfen, den Gaspreis absichtlich in die Höhe zu treiben, um für die Ostseepipeline Nord Stream 2 schnell eine Betriebsgenehmigung zu bekommen. Ihre Argumentation: Gazprom erfülle zwar bestehende Verträge, weigere sich aber, zusätzliche Gaslieferungen durch bereits existierende Pipelines zu buchen. Trotz hoher Preise bediene Gazprom nicht die höhere Nachfrage und habe die eigene Produktion sogar gedrosselt. Gazprom weist das zurück.

EU sucht nach einer Lösung

Steigende Gaspreise und sich mehrende Stromausfälle haben in der Volksrepublik derweil die Frage der Versorgungssicherheit aufgeworfen. Die bereits zu Jahresbeginn gestarteten Gespräche mit der US-Seite hätten deshalb in den vergangenen Wochen Fahrt aufgenommen, hieß es.

Auf dem Höhepunkt des chinesisch-amerikanischen Handelskrieges im Jahr 2019 unter dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump war der Gashandel zwischen den beiden größten Wirtschaftsmächten der Welt kurzzeitig zum Erliegen gekommen.

China hat in diesem Jahr bereits Japan als weltweit größten LNG-Käufer überholt und könnte diese Position festigen. "Staatliche Unternehmen stehen alle unter dem Druck, die Versorgungssicherheit aufrechtzuerhalten", sagte ein in Peking ansässiger Händler. Der jüngste Preisanstieg habe den Bedarf an langfristigen Liefervereinbarungen erhöht. Die Erdgaspreise in Asien haben sich in diesem Jahr mehr als verfünffacht. Dadurch nimmt die Sorge über eine Stromknappheit im Winter zu.

Die EU-Staats- und Regierungschefs wollen sich auf ihrem Gipfel Ende Oktober mit den hohen Gaspreisen und möglichen Lieferproblemen beschäftigen. EU-Energiekommissarin Kadri Simson hat angekündigt, dass sie bald einen Plan zur Reform des europäischen Gasmarktes vorlegen will. Spanien und Italien haben einen gemeinsamen Gaseinkauf der EU vorgeschlagen. Damit hätten die Länder eine stärkere Position beim Einkauf.

Quelle: ntv.de, jga/rts

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