Wirtschaft

Was passiert mit dem Ersparten? Corona-Billionen wecken Hoffnung auf Kaufboom

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Eine leere Einkaufsstraße in Bremen. Zur Eindämmung des Coronavirus mussten die meisten Geschäfte schließen. Wie schnell werden sich die Fußgängerzonen wieder füllen, wenn die Wirtschaft hochfährt?

(Foto: picture alliance / foto2press)

Im Corona-Jahr haben die Verbraucher in den größten Volkswirtschaften der Welt drei Billionen Dollar angespart - so viel, wie wohl niemals zuvor. Wie locker wird das Geld sitzen, wenn die Wirtschaft wieder öffnet? Für die weitere Entwicklung hängt viel davon ab.

Die Bewegungsfreiheit eingeschränkt, Geschäfte geschlossen, dazu die Unsicherheit, ob wir diese Krise jemals bewältigen: Im zurückliegenden Corona-Jahr hatten die Verbraucher weltweit viel Grund zu horten und zu hamstern - das betraf auch Geld. Insgesamt knapp drei Billionen US-Dollar haben die Haushalte in den USA, China, Japan, Großbritannien sowie den größten Ländern des Euroraums - Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien - in dieser Zeit angespart, wie aus Berechnungen der US-Finanzagentur Bloomberg hervorgeht. Nicht, weil sie es gewollt hätten, sondern weil sie zum Sparen gezwungen waren.

Genau auf diesen gigantischen Geldberg von Erspartem setzen Ökonomen und Politiker nun ihre Hoffnungen. Wird die Pandemie unter Kontrolle gebracht, soll sich der massive Konsumstau möglichst zügig auflösen und das Geld zum Wachstumstreiber werden. Das wäre das Wunschszenario. Ob das tatsächlich passieren wird, die Krise glimpflich für die Wirtschaft ausgehen wird, lässt sich jedoch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit vorhersagen. Es gibt Argumente, die dafür, und welche, die dagegen sprechen.

"Auflösen des Konsumstaus ist entscheidend"

Allein die Hälfte des gigantischen Geldberges haben die Konsumenten in den USA auf die hohe Kante gelegt: unvorstellbare 1,5 Billionen US-Dollar, in etwa so viel wie das Bruttoinlandsprodukt Südkoreas von 2019 und mehr als Spanien im selben Jahr erwirtschaftet hat. Theoretisch könnten die Konsumenten mit dem Ersparten den Nach-Corona-Boom auslösen. Würden die Amerikaner in diesem Jahr ihr Geld zum Beispiel unter der Matratze hervorholen oder auch von der Bank in die Shopping-Malls tragen, würde das Wirtschaftswachstum laut Bloomberg auf 9 Prozent steigen. Bislang prognostizieren die Experten 4,6 Prozent Wachstum. Würde das Geld gar nicht ausgegeben, würde das BIP lediglich um 2,2 Prozent steigen.

Ungeachtet des Fehlschlags beim Hochfahren der Wirtschaft im vergangenen Jahr herrscht Optimismus: "Der Sommer 2020 erwies sich als eine falsche Morgendämmerung, aber er zeigte auch, wie schnell sich die Volkswirtschaften erholen können", so die Bloomberg -Ökonomin für den Euroraum, Maeva Cousin. Die Chancen für 2021 seien gut, dass der "massive Geldpuffer aus den Ersparnissen der privaten Haushalte" sich auflöse und sich "die Nachfrage stark erholen" werde.

In Deutschland sind nach Bloomberg-Daten etwa 142 Milliarden Euro auf der hohen Kante gelandet. Hier prognostizieren die Experten der Deutschen Bank etwas zurückhaltender. "Die Auflösung des Konsumstaus wird entscheidend für die konjunkturelle Erholung sein", geben die Analysten zu bedenken. In einem Basisszenario schätzen sie, dass etwa 30 Prozent der Ersparnisse in diesem Jahr in den Konsum zurückfließen werden. Fast 70 Prozent dagegen würden in Einlagen oder Vermögenswerten verbleiben. Würden nach einem optimistischeren Szenario 40 Prozent des Ersparten in diesem Jahr ausgegeben, dann würde dies einen halben Prozentpunkt Wachstum für das deutsche BIP im Jahr 2021 bedeuten.

Ist sparen die neue Normalität?

Große Sprünge würde die Wirtschaft damit nicht machen. Die große Frage bleibt also: Werden sich die Konsumenten schneller oder langsamer locker machen? Kehren sie eher schnell zu ihrer alten Einkaufsroutine aus Vor-Corona-Zeiten zurück oder wird es so sein, dass sie dem Frieden nicht trauen und ihr Geld lieber noch etwas zurückhalten. Hiervon hängt viel ab für die weitere wirtschaftliche Entwicklung.

Bleiben die Menschen vorsichtig, könnte das die Schwächephase der Konjunktur um Jahre verlängern. Katastrophen wie die Pandemie verändern Menschen und ihr Verhalten. Angesichts anhaltender Unsicherheiten - das Virus wird nicht ausgerottet werden und die Arbeitsmarktsituation möglicherweise angespannt bleiben - könnten Menschen die Sicherheit vorziehen und ihr Geld für schlechte Zeiten zurückhalten oder zur Tilgung ihrer Schulden nutzen.

Auch Steuererhöhungen, die manche wegen der teuren Konjunkturprogramme befürchten, könnten bei einer Konsumentscheidung in die Waagschale fallen und Verbraucher dazu animieren, ihr Geld nicht mit vollen Händen auszugeben, wie sich die Ökonomen es wünschen. Auch in diesem Fall würde der große Nach-Corona-Booster ausbleiben. Oder zumindest erstmal auf sich warten lassen.

Inflation und Nullzins könnten Kauflust schüren

Andererseits gibt es auch gute Gründe, warum das Geldpolster schnell schrumpfen könnte. Einer dürfte in den niedrigen Zinssätzen der Notenbanken liegen. Geld auf zu horten, lohnt sich nicht. Auch die Geldentwertung könnte den Konsum ankurbeln. Die Inflation ist zum Jahreswechsel deutlich angesprungen. Noch ist unklar, was das längerfristig bedeutet: Die Preiserhöhungen könnten ein vorübergehendes Merkmal einer wirtschaftlichen Erholung nach der Pandemie sein oder der Anfang einer länger anhaltenden Inflation. Notenbanker und Investoren versuchen derzeit noch, sich ein Bild zu machen. Zu einem Impuls mehr Geld auszugeben, könnte es aber reichen.

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Corona ist ein Ausreißer. In der Regel folgen Sparquoten langfristigen Trends. Das heißt, Sparverhalten ändert sich selten abrupt, schrieb Henrik Müller im Dezember im "Manager Magazin". Die Wirtschaftsweisen gingen in ihrem Szenario davon aus, dass die deutsche Sparquote in der zweiten Jahreshälfte 2021 - also eher schneller - wieder auf ihr Vorkrisenniveau zurückfallen wird. Momentan liegt die Quote bei deutlich über 16 Prozent. Was trotzdem dagegen sprechen könnte, ist, dass gleichzeitig 43 Prozent der Menschen in der Umfrage des Sachverständigenrats angaben, dass sie wegen der unsicheren wirtschaftlichen Aussichten weiterhin mehr sparen würden.

Ängste verändern das Verhalten von Menschen. Niemand weiß, ob die Impfkampagne erfolgreich sein wird. Und selbst wenn, wie lange wird es dauern, bis der Corona-Schock in den Köpfen verarbeitet ist? Der psychologische Faktor ist schwer einzuschätzen. "Kurzfristig hängt vieles vom Verhalten nach der Pandemie ab - es könnte einige Zeit dauern, um zu den Normen von vor der Pandemie zurückzukehren", sagt Bloomberg-Ökonomin Yelena Shulyatyeva.

Quelle: ntv.de