Wirtschaft

Wunsch nach Vier-Tage-Woche Corona hat Spuren in der Arbeitswelt hinterlassen

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Auch wer noch ein Angestelltendasein führen will, hat massiv veränderte Erwartungen an das Arbeits- und Alltagsleben.

(Foto: picture alliance / Jochen Tack)

Veränderte Arbeitsmodelle liegen eindeutig im Trend. Gleichzeitig zieht sich der Wunsch nach weniger Arbeit, gerade nach der Pandemie, quer durch alle Branchen. Hinzu kommt: Immer weniger finden offenbar in ihrem Job Erfüllung - das ist besonders für Arbeitgeber besorgniserregend.

Es ist eine bemerkenswerte Schieflage. Während die Arbeitgeber in Deutschland händeringend Fachkräfte suchen, verliert der Job für Beschäftigte zunehmend an Bedeutung. Drei Viertel der Arbeitnehmer würden lieber heute als morgen auf Teilzeit umsteigen: Die Viertagewoche mit vollem Lohnausgleich wäre dabei die erste Wahl, wie eine repräsentative Befragung der HDI-Versicherung ergab. Besonders ausgeprägt ist dieser Wunsch mit 86 Prozent in der Industrie, wo jeder Vierte dafür auch Einbußen beim Lohn in Kauf nehmen würde.

Zwar stehen die Arbeitsplätze in der Industrie nur für 14 Prozent aller Jobs. Doch der Wunsch nach weniger Arbeit zieht sich quer durch alle Branchen: Von knapp 4000 Beschäftigten stellte bei der Befragung in den Sommermonaten fast jeder zweite seinen Vollzeit-Job infrage. Ganze 48 Prozent würden in Teilzeit wechseln, wenn der Arbeitgeber dies ermöglichte. Bei den Beschäftigten unter 40 Jahren liegt dieser Anteil sogar bei 51 Prozent.

Die Ergebnisse der jährlich durchgeführten Berufe-Studie legen den Schluss nahe, dass die Coronakrise und der teilweise verordnete Rückzug ins Homeoffice am Arbeitsmarkt Spuren hinterlässt, die bleiben. Veränderte Arbeitsmodelle liegen eindeutig im Trend: So sahen Beschäftigte die Möglichkeiten der Digitalisierung vor der Pandemie noch stärker als potenziell bedrohlich für den eigenen Job an. Inzwischen loben 60 Prozent der Berufstätigen die Digitalisierung, auch weil sie stärkere Mobilität erlaubt - fast ein Drittel mehr. Und 41 Prozent der Erwerbstätigen sind heute überzeugt (nur 29 Prozent nicht), dass "mobiles Arbeiten die Qualität der Arbeitsergebnisse verbessert". Besonders unter 45-Jährige denken so - mit 48 zu 27 Prozent.

Besorgniserregend für Arbeitgeber dürfte der zweite bleibende Pandemieeffekt sein: Die Bindung der Beschäftigten zu ihrem Job und zum Unternehmen sinkt signifikant. Im Vordergrund steht besonders unter den Jüngeren das Streben nach einer verbesserten Work-Life-Balance. War noch 2020 "ein Leben ohne Beruf" für 69 Prozent der Berufstätigen unter 25 Jahren "nicht vorstellbar", so sind es jetzt 58 Prozent. Umgekehrt heißt das, vier von zehn könnten sich das sehr wohl vorstellen. Auch altersunabhängig würden 56 Prozent der Befragten "so schnell wie möglich" mit dem Arbeiten aufhören, wenn sie "es finanziell nicht mehr nötig" hätten. Das sind über ein Drittel mehr als in der ersten HDI Berufe-Studie 2019.

Auch wer noch ein Angestelltendasein führen will, hat massiv veränderte Erwartungen an das Arbeits- und Alltagsleben. "Besonders junge Berufstätige in Deutschland streben vehement nach mehr Freiräumen im Beruf", sagt der HDI-Vorstandsvorsitzende Christopher Lohmann. "Sie wollen mitbestimmen, wo, wann und wie lange sie arbeiten. Ihre Vorstellungen weichen dabei deutlich von den tradierten Arbeitsmodellen ab." Die Corona-Erfahrungen hätten diese Einstellungen offenbar stark befördert.

Erfüllung im Job finden dabei offenbar immer weniger Beschäftigte. Die Aussage "mein derzeitiger Beruf bedeutet mir sehr viel" fand 2019 noch Zuspruch von 61 Prozent. Drei Jahre später sind es im Durchschnitt noch 58 Prozent - und 55 Prozent bei Berufstätigen unter 25 Jahren.

Mit Traumjobs identifizieren sich die wenigsten: Nur etwa jeder dritte Beschäftigte gibt an, sich seinen Beruf immer gewünscht zu haben. Überdurchschnittlich definieren sich noch Lehrer und Ausbilder am stärksten über ihren Beruf (59 Prozent) - ebenso wie Mediziner und IT-Kräfte (je 44 Prozent). Das Schlusslicht der "Traumjobs" bilden das Sicherheits- und Reinigungsgewerbe (20 Prozent), während die Zufriedenheit auch noch mit anderen Faktoren zusammenhängt: mit 46 Prozent sehen sich mehr Selbstständige im Traumberuf als Angestellte (36), und mehr Berufstätige mit einem Nettoeinkommen über 5000 Euro/Monat (58 Prozent) als unter 2000 Euro (31 Prozent).

Die Ergebnisse der HDI-Untersuchung beruhen auf einer Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts YouGov Deutschland, bei der insgesamt 3891 Erwerbstätige ab 15 Jahren befragt wurden. Darunter befanden sich 368 Selbstständige/Freiberufler und 3523 Angestellte.

Quelle: ntv.de

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