Wirtschaft
Carsten Maschmeyer.
Carsten Maschmeyer.(Foto: picture alliance / dpa)
Mittwoch, 19. Oktober 2016

Claassen gegen Maschmeyer: Das Ende einer Männerfreundschaft

Von Jan Gänger

Carsten Maschmeyer und Utz Claassen kämpfen um ein kleines Unternehmen. Die einstigen Weggefährten liefern sich einen erbitterten Streit. Was steckt dahinter?

Einst waren Carsten Maschmeyer und Utz Claassen regelrechte Buddies. Doch die Männerfreundschaft endete jäh. Auch hier bewahrheitet sich: Beim Geld hört die Freundschaft bekanntlich auf. Beide Unternehmer kämpfen um ihren Einfluss in einem vielversprechenden Start-up – und es sieht nicht so aus, als ob einer klein beigeben wird.

Utz Claassen.
Utz Claassen.(Foto: picture alliance / dpa)

Es geht um eine Firma namens Syntellix. An dem Start-up sind beide Unternehmer beteiligt. Es wurde von Utz Claassen gegründet und aufgebaut, später stieg Maschmeyer ein. Claassen - größter Aktionär und Aufsichtsratschef - wirft Maschmeyer nun unter anderem vor, er wolle die Mehrheit an dem Unternehmen an sich reißen. Der bestreitet das. Oder ist es andersherum: Will Claassen Maschmeyer loswerden?

Claassen ist - wie Maschmeyer - ein durchaus polarisierender Unternehmer. Er hatte Führungsjobs in der Autoindustrie, war dann Vorstandschef eines Biotech-Unternehmens und von ENBW - und wurde dann Kurzzeit-Chef von Solar Millennium. Dieses Unternehmen verließ er nach nur zweieinhalb Monaten, als sich die Firma als unseriös erwies. Das hielt Claassen allerdings nicht davon ab, seine Antrittsprämie von neun Millionen Euro zu behalten und weitere rund sieben Millionen Euro Schadenersatz zu fordern.

Zwischendurch gründete Claassen Syntellix. Das Start-up stellt Schrauben her, die bei Operationen nach Knochenbrüchen verwendet werden. Sie werden im Körper nach und nach vollständig zu Knochengewebe umgewandelt. Der Vorteil: Eine zweite Operation zum Entfernen der Schrauben ist nicht nötig. Das ist nicht nur gut für Patienten, sondern auch für Krankenkassen. Die Firma schreibt zwar noch rote Zahlen, doch ihr wird viel Potenzial zugetraut. Im Juni 2014 kam das Finanzhaus Mainfirst zu dem Ergebnis, dass ein Firmenwert von 75 Millionen Euro gerechtfertigt erscheint.

Als Maschmeyer Anfang 2013 in die Firma seines Freundes investierte, ahnten beide nicht: Der Grundstein für das Ende ihrer Freundschaft war damit gelegt.

Maschmeyer hatte die Finanzvermittlung AWD gegründet und sie für mehr als eine Milliarde Euro an den Versicherer Swiss Life verkauft. Ein Teil des Geldes investiert er in Start-ups - an Syntellix beteiligte er sich mit knapp 17 Prozent und wurde neben Claassen zum zweiten Großaktionär.

Nach und nach baute Maschmeyer seinen Anteil auf knapp 43 Prozent aus. Er kaufte entweder Anteile von Claassen oder beteiligte sich an Kapitalerhöhungen - und zahlte dem Vernehmen nach mindestens 15 Euro pro Aktie.

So auch im Dezember 2014, als er von Claassen ein Aktienpaket kaufte. Claassen soll einen Teil davon von einem anderen Syntellix-Investor gekauft haben - zu lediglich 3 Euro pro Aktie. Claassen bestreitet das gegenüber n-tv.de und spricht von "haltlosen Informationen".

Angebot abgelehnt

Im Sommer vergangenen Jahres kam es bei einer Aufsichtsratssitzung - unter Vorsitz von Claassen - zum Knall: Es war wieder Zeit für eine Kapitalerhöhung. Das ist bei Start-ups nicht verwunderlich. Sie brauchen immer wieder frisches Geld. Entweder ziehen die gegenwärtigen Investoren bei einer solchen Kapitalerhöhung mit – oder sie nehmen neue Investoren an Bord.

Der Vorstand will einen weiteren Großinvestor, Sigmund Kiener, beteiligen - und ihm die neuen Aktien zu einem Preis von jeweils 12 Euro verkaufen. Das bringt Maschmeyer auf die Palme. Schließlich soll er für seine Anteile im Schnitt mehr Geld bezahlt haben. Und das Unternehmen steht aus seiner Sicht mittlerweile sehr viel besser da als früher – und jetzt soll Kiener bessere Konditionen bekommen? Maschmeyer habe die Suche nach einem weiteren Investoren selbst angeregt, sagt Claassen. Außerdem habe der Vorstand zwei Monate vor der Aufsichtsratssitzung die Anteilseigner über den dritten Investor informiert.

Maschmeyer fühlt sich ganz offensichtlich angesichts des Ausgabepreises der neuen Aktien überrumpelt: Zu Beginn der Aufsichtsratssitzung am 27. August 2015 legt sein Vertreter im Kontrollgremium ein eilig aufgesetztes Schreiben vor. Maschmeyer bietet darin an, die gesamte Kapitalerhöhung zu zeichnen - und 13,50 statt 12 Euro pro Aktie zu bezahlen, insgesamt also drei Millionen Euro.

Doch daraus wird nichts. Der Vorstand habe die Offerte aus "formalen, inhaltlichen und strategischen Gründen verworfen (...) und sich für das beste vorliegende Angebot entschieden", sagt Claassen gegenüber n-tv.de.

Mit anderen Worten: Kiener steigt ein - und Maschmeyers Anteil wird damit auf ein knappes Drittel reduziert. Dem neuen Investor gehören rund 19 Prozent, Claassen etwa 45 Prozent. Dass Kiener seine Stimmrechte für mehrere Jahre an Claassen übertragen habe, bestreitet Claassen. Auch dass er Maschmeyer aus dem Unternehmen drängen wolle, bestreitet er. Maschmeyer habe bei zwei Hauptversammlungen in diesem Jahr gegen Kapitalerhöhungen gestimmt und anders als er selbst die Bezugsrechte nicht ausgeübt, sagt Claassen gegenüber n-tv.de.

Umstrittenes Sponsoring

Claassen wirft Maschmeyer vor, dieser habe mit seinem Last-Minute-Angebot vor der turbulenten Aufsichtsratssitzung die Mehrheit an Syntellix übernehmen wollen. Doch Maschmeyer hatte nach Informationen von n-tv.de in der Vergangenheit mehrfach angeboten, auf Bezugsrechte bei Kapitalerhöhungen zu verzichten. Zudem hält der Unternehmer an keiner seiner zahlreichen Beteiligungen die Mehrheit.

Und warum sollte Maschmeyer einen Coup geplant haben? "Ich will nicht über seine Motive spekulieren", sagte Claassen der "Hannoverschen Allgemeinen" und tat es dann doch: "Ich mag mir gar nicht vorstellen, dass jemand ein hoffnungsvolles Start-up in die Insolvenz treiben und so günstig an die Mehrheit kommen möchte oder aber die Vernichtung der Gesellschaft zum Vorteil eines Hauptwettbewerbers betreiben würde."

"Diese irrsinnige und völlig frei erfundene These stellt die Tatsachen total auf den Kopf", sagt Maschmeyers Sprecher, Stefan Ebner, gegenüber n-tv.de. "Gerade weil Herr Maschmeyer die größte Summe aller Aktionäre in das Unternehmen investiert hat - 6,9 Millionen Euro - hat er das größte Interesse aller Beteiligten am zukünftigen Erfolg von Syntellix." Claassen habe vor allem durch die Aktienverkäufe an Maschmeyer 1,15 Millionen Euro mehr erlöst, als er in das Unternehmen investiert habe. "Herr Claassen will anscheinend von seinen undurchsichtigen Machenschaften ablenken, um sich damit von der Täter- in eine Opferrolle zu flüchten."

Maschmeyer hatte Claassen wegen Verdachts der Untreue angezeigt. Dabei geht es um Sponsoring des RCD Mallorca durch Syntellix im Herbst 2015 in Höhe von 120.000 Euro - bei einem Jahresumsatz von rund 700.000 Euro. Claassen war damals Präsident und Miteigentümer des spanischen Fußballclubs. Der Vorwurf: Die Trikotwerbung des Zweitligisten ergebe für Syntellix überhaupt keinen Sinn. Die Firma verkauft seine Produkte nicht direkt an Endverbraucher, sondern an Krankenhäuser. Womöglich sei es darum gegangen, Claassens Klub für einen Verkauf attraktiver zu machen. Im vergangenen Juni trennte sich Claassen von seinen Anteilen.

Claassen weist die Vorwürfe zurück und betont gegenüber n-tv.de, das Sponsoring sei vom Vorstand geschäftsordnungskonform beschlossen worden. Es sei bei dem Engagement darum gegangen, die Bekanntheit von Syntellix auf dem für das Unternehmen weltweit zweitbesten Auslandsmarkt zu erhöhen.

Die Staatsanwaltschaft Hannover entschied jüngst, keine Ermittlungen gegen Claassen aufzunehmen. Doch Maschmeyers Anwälte lassen nicht locker und haben Rechtsmittel gegen diese Entscheidung eingelegt. Derweil konterte Claassen und zeigte Maschmeyer an - unter anderem wegen Verdächtigung und Verleumdung.

Fortsetzung folgt

Vor diesem Hintergrund dürfte Maschmeyer die jüngste Kapitalerhöhung im September als Provokation empfinden. Als erstmalig zur Hauptversammlung für September eingeladen wurde, ging es wieder einmal um eine Finanzspritze. 100.000 Aktien sollten ausgegeben werden - zu einem Stückpreis von 12 Euro. Später wurde die Stückzahl schrittweise auf 300.000 Aktien erhöht und der Ausgabepreis auf 6 Euro gesenkt. Begründung: "Maliziöse, gegen das Unternehmen und die Unternehmensentwicklung gerichtete Aktivitäten" aus dem Aktionärskreis. Diese seien "wertvernichtend". Adressat ist ganz offensichtlich Maschmeyer.

Auf der Hauptversammlung am 15. September wurde der Aktienpreis dann auf 4 Euro reduziert - und die Zahl der neuen Anteile auf 450.000 erhöht. Maschmeyer will sich das künftig nicht mehr bieten lassen und versucht, den angemessenen Aktienpreis durch einen unabhängigen Gutachter feststellen lassen. Auch das ist nun ein Fall für die Gerichte.

Genauso wie die Hauptversammlung: Die Maschmeyer-Seite hatte für zumindest den Tagesordnungspunkt, der das Fußball-Sponsoring betrifft, durchgesetzt, dass nicht Claassen die Versammlung leitet, sondern ein gerichtlich bestellter Versammlungsleiter - und zwar der Notar Sebastian Scherrer, der von der Maschmeyer-Seite vorgeschlagen wurde. Doch nach einem Antrag Claassens wurde dieser abberufen.

Die Hauptversammlung wurde unterbrochen und wird am Donnerstag fortgesetzt. Das Amtsgericht Hannover entschied, dass sie von Scherrer geführt wird. Es bestehe "die konkrete Gefahr, dass der satzungsmäßige Versammlungsleiter Prof. Claassen eine erneute Beschlussfassung zum Tagesordnungspunkt 7 vereitelt", so die Richterin. Gegen diese Entscheidung hat das Claassen-Lager Rechtsmittel eingelegt. Es dürfte auf der Hauptversammlung nicht gerade harmonisch zugehen.

Quelle: n-tv.de