Wirtschaft

Abspaltung von Unternehmen "Das ist ein klarer ökonomischer Trend"

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Viele große Firmen spalten sich immer weiter auf - so auch Siemens.

(Foto: picture alliance / Matthias Balk)

Siemens bringt seine Gesundheitstechnik-Sparte Healthineers an die Börse. Die Deutsche Bank will mit ihrem Vermögensverwalter DWS nachziehen. Im Interview mit n-tv.de erklärt Marc Zinkel von KPMG, ob sich große Unternehmen in Zukunft immer weiter aufspalten werden.

n-tv.de: Wieso stoßen große Firmen Konzernbereiche ab?

Marc Zinkel: Abspaltungen von Geschäftsbereichen haben oft einen strategischen Hintergrund. Im Prinzip gibt es aber vier wesentliche Treiber. Ein ganz wichtiger Anreiz ist die Kapitalbeschaffung. Oftmals werden Firmen aus einem bestehenden Konstrukt gelöst und an die Börse gebracht, um frisches Geld in die abgespaltete Firma fließen zu lassen. Entscheiden sich Unternehmen dafür, sich auf einen bestimmten Kern konzentrieren zu wollen, werden andere Konzernbereiche im Sinne einer klassischen Portfoliobereinigung abgestoßen.

Was sind die anderen beiden Gründe?

Zwei weitere wesentliche Gründe lassen sich aus einer externen Sicht erklären. Zum einen versprechen sich Unternehmen von einer Abspaltung auch eine höhere Flexibilisierung und damit mehr Agilität am Markt, weniger Konzernstrukturen und weniger interne Barrieren. Gerade der Hightech-Bereich, der stark von der Digitalisierung getrieben ist, fordert zum anderen kleinere Strukturen, um besser auf die jeweiligen Marktforderungen eingehen zu können.

Ist das ein neuer Trend?

Ich würde nicht zwingend von einem neuen Trend sprechen. Portfoliobereinigungen hat es schon immer gegeben. Früher haben Unternehmen aber eher konsolidiert und auf Größeneffekte gesetzt. Das hat sich nicht unbedingt umgekehrt. Die Marktdynamik und auch die Kostenstrukturen erfordern Konsolidierungen in der Art aber nicht mehr zwangsläufig. Die Gründe, die Unternehmen früher veranlasst haben, sich für eine Konsolidierung zu entscheiden, sind heute aber nicht mehr so offenkundig.

Inwiefern entsteht durch einen Börsengang mehr Transparenz über einzelne Geschäftsteile?

Zunächst ist es so, dass die abgespaltenen Geschäftsbereiche Körperschaften mit eigenen Finanzsystemen sind. Bestimmte Prozesse und Bücher sind gekapselt und somit auf die Unternehmenskonstruktion zugeschnitten. Durch die Kapselung wird im Zweifel die Transparenz über den getrennten Unternehmenssteil erhöht.

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Marc Zinkel ist Partner und Head of Managed Services bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Auf welche Weise spielt bei dieser Entscheidung auch die wachsende Macht der Anleger eine Rolle?

Für Anleger zählt Gewinnmaximierung beziehungsweise eine hohe Rendite. Letztendlich ist es eine wirtschaftliche Entscheidung: In welcher Konstruktion kann ein Anleger die Rendite auf seine Investition maximieren? Er hat natürlich ein massives Interesse an der Agilität am Markt und einer hohen Investitionsgeschwindigkeit. Der Einfluss der Anleger ist nach wie vor hoch und wird meines Erachtens auch aktiv getrieben – gerade, wenn starke Wachstumsprognosen gibt.

Entwickeln sich abgespaltete Unternehmen besser als der Gesamtmarkt?

Ich glaube, pauschal gibt es darauf keine Antwort. Wenn die Abspaltung dazu führt, dass die strategischen Ziele, die ich mir als Unternehmen gesetzt habe auch ausgeführt werden, dann ist es in jeden Fall ein lohnender Schritt. Und es gibt eine gewisse Tendenz: Kleinere Strukturen lassen sich besser vernetzen und stecken weniger stark in hierarchischen Strukturen fest. Das ist ein klarer ökonomischer Trend. Insofern würde ich schon sagen, dass das eine Art Zukunftsmodell ist. Zumal die negativen Effekte von solchen Aufspaltungen im Zuge der Digitalisierung gar nicht mehr so stark ins Gewicht fallen.

Wann lohnt sich dieser Schritt für Unternehmen nicht?

Wie bereits angedeutet, gibt es auf der anderen Seite auch eine Tendenz zur Konsolidierung. Das ist sehr stark von den Märkten abhängig. Es kann durchaus ein Wettbewerbsvorteil sein, wenn Unternehmen durch einen Zusammenschluss eine entsprechende Marktmacht entwickeln. Doch das ist von Branche zu Branche unterschiedlich. In Märkten mit wenigen großen Wettbewerbern und langen Produktzyklen – wie es beispielsweise in landwirtschaftlichen Betrieben der Fall ist – wäre eine Aufspaltung in kleinere Marktteilnehmer eher wenig vorteilhaft.

Was passiert mit den Mitarbeitern?

Die Abspaltung eines Konzernbereiches führt zunächst zu einem größeren Personalbedarf. Ich würde davon ausgehen, dass der gesamtwirtschaftliche Einfluss aber gar nicht so immens ist. Die Effekte auf Dissynergien und Effizienzen aus der Digitalisierung heben sich ein Stück weit auf. Ich gehe nicht davon aus, dass es zu großen positiven, aber auch nicht zu großen negativen Auswirkungen führt. Was aber sicherlich gilt: Das Anforderungsprofil der Mitarbeiter ändert sich. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit nimmt zu und von Mitarbeitern wird eine tiefere Fachkompetenz erwartet.

Mit Marc Zinkel sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de