Wirtschaft

Flieger bleiben am Boden Das müssen Sie zur Germania-Insolvenz wissen

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Germania hat den Flugbetrieb eingestellt.

(Foto: dpa)

Erst holt Germania die Flugzeuge noch aus dem Ausland, dann meldet die Fluggesellschaft Insolvenz an. n-tv.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was ist der Stand der Dinge?

Germania hat Insolvenz beantragt und den Flugbetrieb eingestellt. In der Nacht teilte das Unternehmen mit, dass die Germania Fluggesellschaft GmbH und ihr Schwesterunternehmen für technische Dienstleistungen, die Germania Technik Brandenburg GmbH, sowie die Germania Flugdienste GmbH betroffen seien. Der Geschäftsbetrieb der Schweizer Germania Flug AG und der Bulgarian Eagle geht dagegen weiter.

Wie konnte das passieren?

Schon seit Anfang Januar war klar, dass Germania in ernsthaften Schwierigkeiten steckt. Geschäftsführer Karsten Balke war auf der Suche nach finanzieller Hilfe, um den Betrieb aufrechterhalten zu können. Das gelang ihm allerdings nicht. "Wir bedauern sehr, dass uns als Konsequenz daraus keine andere Möglichkeit als die der Insolvenzantragstellung blieb", so Balke. Im vergangenen Jahr hat die Firma mit dem grün-weißen Logo ihrem Chef zufolge rote Zahlen geschrieben.

Und warum geriet Germania in Schwierigkeiten?

Das Management begründet den finanziellen Engpass mit massiven Steigerungen der Kerosinpreise und der Abwertung des Euro zum US-Dollar. Zudem habe es "erhebliche Verzögerungen" bei der Aufnahme neuer Flugzeuge in die Flotte gegeben und die Germania habe außergewöhnlich viele technische Serviceleistungen bei ihren Flugzeugen in Anspruch nehmen müssen. Die Folge seien "große Belastungen" gewesen.

Außerdem hatte Balke Mitte 2016 auch eine teure Investitionsoffensive gestartet. Germania bestellte auf der Farnborough Airshow bei London 25 Airbus-Mittelstreckenjets der A320neo-Modellfamilie und sicherte sich Optionen auf 15 weitere Flugzeuge der Reihe. Die Auslieferungen sollten im kommenden Jahr beginnen.

Germania ist damit keine Ausnahme, oder?

Nein. Den Problemen von Germania gingen in Europa zuletzt eine ganze Reihe von Airline-Pleiten voraus. Nach den Insolvenzen von Air Berlin und der britischen Fluglinie Monarch 2017 waren im vergangenen Jahr gleich mehrere kleinere Gesellschaften wie Skyworks (Schweiz), VLM (Belgien), Small Planet und Azur Air (Deutschland), Cobalt (Zypern) und die skandinavische Primera Air kollabiert.

Woran lag das?

Neben gestiegenen Treibstoffkosten machte vielen Airlines ein regelrechtes Flugchaos in Europa zu schaffen. Eine große Zahl von Verspätungen und Flugausfällen zogen Entschädigungen und Ersatzleistungen für die Passagiere nach sich. Der Weltluftfahrtverband IATA schätzt, dass Fluglinien für Entschädigungen europaweit knapp 1,8 Milliarden Euro zahlen mussten. Zu den Ursachen zählten Streiks von Fluglotsen in Frankreich, Engpässe an deutschen Flughäfen und die Neusortierung der Luftfahrt-Branche nach der Air-Berlin-Pleite.

Wie groß ist Germania eigentlich?

Germania flog Ferienziele an und beförderte auf der Kurz- und Mittelstrecke nach eigenen Angaben mehr als vier Millionen Passagiere pro Jahr. Die Fluggesellschaft war auch für viele Reiseveranstalter unterwegs. Von 18 Abflughäfen flog die Airline zu mehr als 60 Zielen innerhalb Europas, nach Nordafrika sowie in den Nahen und Mittleren Osten. Zusammen mit der Schweizer Germania Flugbetrieb AG und der Bulgarian Eagle betrieb Germania zuletzt 37 Flugzeuge. Außerdem hatte sich das Unternehmen den Werksverkehr für den Flugzeugbauer Airbus gesichert.

Wem gehört das Unternehmen und wie lange existiert es?

Die Fluglinie gehört über eine zwischengeschaltete Beteiligungsgesellschaft komplett ihrem Chef Balke. Germania gibt es seit mehr als 30 Jahren. Die Fluggesellschaft wurde 1986 in Köln gegründet, seit 2009 ist Berlin der Firmensitz - am Saatwinkler Damm, dort war auch die inzwischen verschwundene Air Berlin zu finden.

Hatte die Geschäftsführung nicht bisher Optimismus verbreitet?

In der Tat. Am 19. Januar hatte die Fluggesellschaft mitgeteilt, sie habe eine wichtige Zusage für mehr als die angestrebten 15 Millionen Euro erhalten. "Die entsprechenden Mittel sollen uns in der nächsten Woche zufließen", sagte Balke damals. Damit sei die mittel- und langfristige Perspektive der Germania als unabhängige Fluggesellschaft gesichert. Ende vorige Woche betätigte Germania dann allerdings Medienberichte, wonach sich die Auszahlung von Löhnen und Gehälter verzögere.

Wie geht es für Germania weiter?

Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg wird einen Insolvenzverwalter bestellen. Dieser wird Germania wahrscheinlich abwickeln. Nach Angaben der "Wirtschaftswoche" war ursprünglich geplant, die Airline wie Air Berlin zunächst weiterzuführen. Doch es gelang nicht, die dafür nötigen Kredite zu organisieren. Den Angaben zufolge wurde der Insolvenzantrag bereits am Montag um 13 Uhr gestellt und bis in die Nacht geheimgehalten, um die Germania-Maschinen aus dem Ausland nach Deutschland zu fliegen. Damit kann der Insolvenzverwalter auf sie zugreifen.

Was bedeutet das für die Mitarbeiter?

Sie verlieren aller Voraussicht nach ihren Job. Da hilft es auch nicht, dass Balke die Auswirkungen des Insolvenzantrags "bedauert", die "ihr Bestes für einen zuverlässigen Flugbetrieb gegeben hätten, auch in den zuletzt angespannten Wochen".

Was bedeutet das für die Kunden?

Die betroffenen Fluggäste bat Balke um Entschuldigung. Passagiere, die ihren Germania-Flug im Rahmen einer Pauschalreise gebucht haben, sollen sich dem Unternehmen zufolge direkt an ihren Reiseveranstalter wenden, um eine Ersatzbeförderung zu erhalten. Wer sein Ticket direkt bei Germania gekauft hat, geht leer aus. Der Lufthansa-Konzern und der Ferienflieger Condor bieten betroffenen Passagieren verbilligte Tickets an. Mehr dazu lesen Sie hier.

Quelle: ntv.de, jga/dpa/rts

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