Wirtschaft

Heiße Wette auf Corona-Impfstoff Das steckt hinter dem Kurswunder Moderna

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Nicht nur das US-Unternehmen Moderna forscht an einem Impfstoff gegen das Coronavirus. Es gibt mehr als 120 Projekte weltweit.

(Foto: REUTERS)

Die kleine US-Biotechfirma, die einem Corona-Impfstoff angeblich nah ist, ist seit ihrem Börsengang vor fast zwei Jahren ein absoluter Anlegerliebling. Dabei hat Moderna bisher nicht medizinische Sensationen, sondern nur Kursfeuerwerk geliefert. Das macht misstrauisch.

Sein Einsatz hat sich auf jeden Fall mehr als gelohnt: Bob Langer, Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), zählt zu den ersten Investoren bei Moderna und damit auch zu den größten Gewinnern des Börsen-Hypes um das US-Biotechunternehmen. Das Coronavirus hat daran einen maßgeblichen Anteil. Denn Moderna wird als großer Hoffnungsträger für einen Impfstoff gehandelt. Nach einer vielversprechenden Studie schießen die Aktien am Montag auf den Rekordstand von 80 Dollar. Langers nur scheinbar kleiner Anteil von 3,2 Prozent ist da bereits, einschließlich Aktienoptionen, 934,3 Millionen US-Dollar wert. Fast ist er Milliardär.

Moderna Inc.
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Auf diesen Ritterschlag wartet der 71-Jährige, der auch Vorstandsmitglied bei Moderna ist, jedoch immer noch, vorerst bleibt er "nur" Multimillionär. Laut "Time Magazine" wäre er mindestens der dritte im Club der Moderna-Milliardäre gewesen. Dazu zählen bereits Firmenchef Stéphane Bancel sowie der Harvard-Professor und Virologe Timothy Springer, der wie Langer ebenfalls früh investiert hat. Moderna ist ein Börsenstar. Der Kurs scheint nur eine Richtung zu kennen: nach oben. Allein seit Januar hat er sich fast verdreifacht.

Zweifel an den Erfolgsaussichten des Unternehmens lassen die Rally jedoch stocken. Daran, dass Tipps auf einen Covid-19-Impfstoff derzeit zu den heißesten Wetten am Aktienmarkt gehören, ändert das jedoch eher nichts. Viele Investoren würden es wohl immer noch gern wie Langer machen, riskieren dabei aber auch, sich gehörig die Finger zu verbrennen.

Börse ist keine Einbahnstraße

Als die Nachricht von einem möglichen Corona-Impfstoff gegen das Virus die Runde macht, sind die Börsianer im Rausch. Die gute Nachricht aus der Biotechfirma zieht den Kurs um mehr als 25 Prozent nach oben - mit der Aktie steigt der gesamte Aktienmarkt. In der Spitze ist Moderna unfassbare 30 Milliarden US-Dollar wert, fast so viel wie der deutsche Autobauer Daimler. Die Wall Street erlebt ihren besten Tag seit sechs Wochen.

Dann folgt die Ernüchterung. Ein Medienbericht sät Zweifel an der potenziellen Wirksamkeit des Impfstoffs, an dem Moderna arbeitet, und schon verpuffen die Gewinne wieder: Lediglich 45 Probanden wurden in einer ersten klinischen Phase mit dem Wirkstoff mRNA-1273 geimpft. Und nur für acht von ihnen legt das Unternehmen auch Daten vor. Die Zwischenergebnisse würden eine zu kleine Datenbasis liefern, um die Wirksamkeit bewerten zu können, moniert das auf den Gesundheitssektor spezialisierte US-Onlineportal Stat News unter Berufung auf Experten.

In einer Telefonrunde mit Analysten hält Firmenchef Bancel gegen: Es sei trotzdem ein "wichtiger Schritt vorwärts auf dem Weg zu einem Impfstoff." Moderna verspricht, Gas zu geben und einen beschleunigten Zeitplan zu erstellen. Eine zweite Testphase mit 600 Personen soll noch diesen Monat und eine dritte Phase im Juli mit Tausenden Probanden beginnen. Wenn diese Studien gut verlaufen, könnten einige Dosen eines Impfstoffs bis Ende dieses Jahres oder Anfang 2021 für eine breite Anwendung verfügbar sein, schürt auch Forschungsvorstand Tal Zaks Anleger-Hoffnungen. Es ist das, was Investoren hören wollen.

Moderna hat Glück. Es bleibt bei einem vergleichsweise kleinen Dämpfer an der Börse. Doch die Zweifel sind gesät. Moderna ist nicht das einzige Unternehmen, das unter Hochdruck nach einem Impfstoff sucht. Über 120 Impfstoffprojekte gibt es laut dem Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa), von kleinen Firmen wie Biontech aus Mainz oder Curevac in Tübingen bis hin zu Großkonzernen wie Sanofi und GlaxoSmithKline. Acht führen bereits klinische Tests durch. Angeblich liegt Moderna weit vorn. Aber das Unternehmen hat wenig vorzuweisen. Die Erfolgsgeschichte, auf die die Investoren schon so lange wetten, muss immer noch geschrieben werden.

Management macht regelmäßig Kasse

Erfolge ist Moderna seit seiner Gründung schuldig geblieben. Zwar ist der Börsengang im Dezember 2018 mit 600 Millionen Dollar der größte Biotech-Börsengang aller Zeiten. Aber bis Herbst 2018 hatte das Unternehmen auch 900 Millionen Dollar verbrannt. Auch bei den Kapitalerhöhungen im Februar und jetzt im Mai geben die Investoren nur weiteren Vertrauensvorschuss - Moderna hat nichts Belastbares vorzuweisen.

Sogar die Kern-Technologie, auf die die Branche derzeit schwört, gewissermaßen das A und O bei der Suche nach einem Corona-Impfstoff, ist bisher nur Zukunftsmusik. Kritiker geben zu bedenken, dass es trotz jahrelanger Forschungen bisher weltweit keinen einzigen zugelassenen Impfstoff oder ein Medikament auf Basis der neuen mRNA-Technologie gibt. Und sie gehen noch einen Schritt weiter: Sie hinterfragen die eigentliche Motivation des Managements des Biotech-Unternehmens.

Dass die Gründer nicht vom Fach, sondern Finanzspezialisten sind, ist ungewöhnlich und damit vielen suspekt. Hauptaktionär ist ein Venture-Capital-Fonds namens Flagshhip Pioneering, der von Firmen-Mitbegründer Noubar Afeyan 2010 aus der Taufe gehoben wurde. Auch Moderna-Chef Bancel, der ein Jahr später dazustößt, ist kein Mediziner, sondern geschulter Finanzmanager. Ebenfalls auffällig: Die ungewöhnlich vielen Börsentransaktionen der Führungskräfte. Nicht nur Bancel, auch Forschungsvorstand Tal Zaks oder Präsident Stephen Hoge stoßen regelmäßig ihre Moderna-Aktien ab, um Kasse zu machen - nicht gerade vertrauenserweckend. Bancel allein hat seit dem 21. Februar rund 200.000 Aktien veräußert. Gleichzeitig sammelte das Unternehmen erst vergangene Woche - praktisch auf dem Höhepunkt des Börsenhypes - per Kapitalerhöhung über drei Milliarden Dollar von neuen Investoren ein.

Noch kurioser ist der kürzlich erfolgte Wechsel eines Moderna-Managers in die Trump-Administration. Moncef Slaoui leitet jetzt die "Operation Warp Speed", an der der private und öffentliche Sektor gleichermaßen beteiligt sind. Die Trump-Initiative soll die Entwicklung eines Corona-Impfstoffes beschleunigen. Dass Slaoui sein Paket von 80.000 Moderna-Aktien nach seinem Wechsel zunächst behielt, kam in der Öffentlichkeit nicht gut an. Inzwischen hat das US-Gesundheitsministerium laut "New York Times" wissen lassen, Slaoui werde alle Gewinne, die seine Papiere seit dem 14. Mai erbracht haben, spenden.

Die größten Zweifler an Modernas Erfolgsgeschichte aber sind Hedgefonds. Sie wetten massiv gegen die Firma. Laut "Welt" haben sie fast ein Zehntel aller verfügbaren Moderna-Aktien leer verkauft - im Wert von 900 Millionen Dollar. In den sozialen Netzwerken säen sie unermüdlich Zweifel am neuen Impfstoff. Moderna muss also bald liefern. Der Club der Milliardäre könnte sonst weiter schrumpfen und Bob Langer möglicherweise die längste Zeit Multimillionär gewesen sein.

Quelle: ntv.de