Wirtschaft

Aufstand der Aktionäre Dax-Chefs zittern vor US-Feuerwehrleuten

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Die Deutsche Bank kommt auch unter Vorstandschef Christian Sewing (l., hier mit Aufsichtsratschef Paul Achleitner) nicht aus der Krise. Mit Spannung wird die Abstimmung über die Entlastung des Vorstands erwartet.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wie scharf die Kritik auch war: Hauptversammlungen haben bisher immer Vorstände und Aufsichtsräte entlastet. Dies ändert sich nun, weil der Gesetzgeber den Weg für eine bessere Kontrolle bereitet hat. Auch die Manager der Deutschen Bank müssen fürchten, abgestraft zu werden.

Bei Bekanntgabe der Übernahme von Monsanto sprach Bayer im typischen selbstbeweihräuchernden PR-Sprech von einer "überzeugenden Gelegenheit, ein weltweit führendes Unternehmen" zu schaffen. Tatsächlich schrieb Konzernchef Werner Baumann Wirtschaftsgeschichte - allerdings nur bundesdeutsche und für ihn keine besonders angenehme. Er ist der erste amtierende Vorstandsvorsitzende eines Dax-Unternehmens, den die Aktionäre auf einer Hauptversammlung die Entlastung verweigerten.

Was in den USA gang und gäbe ist, geschieht nun auch verstärkt in Europa: Anteilseigner machen Stimmung gegen Konzernführungen, wenn sie der Meinung sind, dass das Topmanagement versagt hat. Auch die UBS bekam das kürzlich zu spüren. Und Donnerstagabend müssen Vorstand und Aufsichtsrat der Deutschen Bank auf der Hauptversammlung damit rechnen, von Aktionären abgestraft zu werden.   

Zufall? Mitnichten. "Gesetzgeber versuchen rund um die Welt, Anreize zu schaffen, eine vernünftige Kontrolle der Aktiengesellschaften zu gewährleisten", erklärt Katja Langenbucher, Professorin am ​Finanzforschungsinstitut "Safe", das zur Goethe-Uni in Frankfurt/Main gehört. "Wir möchten ja nicht, dass Informationsasymmetrien und Kontrolldefizite sich zu Lasten der wirtschaftlichen Effizienz auswirken." Jürgen Kurz, Sprecher ​der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), formuliert es weniger professoral: "In Europa wurden die Fondsgesellschaften vom Gesetzgeber regelrecht dazu verdonnert, ihre Stimmrechte wahrzunehmen, da sie sozusagen nicht Inhaber, sondern nur Treuhänder der Aktien sind."

"Die Fälle wie bei Bayer werden zunehmen"

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"Auch wenn es rein spekulativ ist: Ich kann mir vorstellen, dass der Bayer-Vorstand vor 20 Jahren in einer ähnlichen Krisensituation entlastet worden wäre", betont Langenbucher. "Sehr sicher bin ich, dass Fälle wie bei Bayer und der Deutschen Bank noch deutlich zunehmen werden." Denn kritisches Prüfen durch die Anteilseigner sei auch das Anliegen der reformierten EU-Richtlinie. Die setzt Deutschland gerade mit dem Ziel um, die Hauptversammlung zu stärken sowie "eine Erleichterung der grenzüberschreitenden Information und Ausübung von Aktionärsrechten" zu erreichen, wie es im Gesetzentwurf des Bundesjustizministeriums heißt.

In keinem Unternehmen haben die Aktionäre so wenig Zugriff auf das Management wie in Aktiengesellschaften. Fachleute wie Langenbucher sprechen von "der Trennung von Eigentum und Kontrolle". Sie erklärt: "Das liegt zunächst auch nahe, denn die Investoren im Besitz einer Handvoll Aktien wollen und können mit dem täglichen Geschäft nichts zu tun haben." Es rechne sich schlicht nicht für sie. Insbesondere den Streubesitzaktionären gehe es meist allein um die Anlage ihres Geldes. Mit anderen Worten: Es lohnt sich für die Aktionäre finanziell nicht, jeden Tag detailliert das Treiben eines Vorstandes eines Unternehmens zu beobachten.

Die Professorin verweist auf den Wandel der Eigentümerstruktur. In der sogenannten "Deutschland-AG" hielten Dax-Konzerne gegenseitig große Aktienpakete, was "unter dem Blickwinkel aktiven Monitorings durchaus nicht nur Nachteile" gehabt habe. Die EU habe viel dafür getan, einen liquiden und breiten Kapitalmarkt zu schaffen. Der Anteil ausländischer Investoren sei kontinuierlich gestiegen. "Etwas mehr als die Hälfte der Anteile an den Dax-Konzernen sind in internationaler Hand. Allein Amerikaner halten 20 Prozent. Das hat die Sichtweise auf das Kontrollproblem verändert."

"In den USA ist traditionell seit jeher ein sehr hoher Anteil der Wertpapiere in Streubesitz. Die Kontrolle der Unternehmensführung hat sich hierauf eingestellt", sagt Langenbucher. Mit der internationalen Verflechtung der Geldströme und der Kapitalzufuhr aus Übersee sei es kaum überraschend, dass Kontrollinstrumente aus den USA nach Europa gekommen seien. "Dazu gehören unter anderem auch Stimmrechtsberater."

Neue Kontrollmechanismen durch Internationalisierung

Langenbucher beschreibt deren Tätigkeit anhand eines Fonds, der die Pensionsansprüche kalifornischer Feuerwehrleute verwaltet. "Der muss auf der einen Seite sehr genau hinschauen, wo er investiert, damit die Einzahler ihre Altersbezüge erhalten. Für einen solchen Fonds wäre es aber auf der anderen Seite sehr teuer, sich in die Führung und das Management jedes einzelnen Unternehmens einzuarbeiten, in welches er sein Geld steckt."

Deshalb engagiert der Fonds Stimmrechtsberater, die für ihn die Performance einzelner Konzerne begutachtet, selbst auf die Hauptversammlung gehen oder Vorschläge machen, wie er abstimmen soll. Weltweit führend sind die zwei US-Stimmrechtsberater Institutional Shareholder Services (ISS) und Glass Lewis, deren Einfluss und Macht in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist - auch deshalb, weil der Gesetzgeber es so wollte. Rund um den Erdball checken sie Zehntausende Konzerne. Inzwischen werden die Dienstleister gerne "Einflüsterer" genannt, die Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder das Fürchten lehren. 

Die Berater sind angehalten, auf Schieflagen und Risiken zu reagieren. „Auch deshalb sieht man heute möglicherweise mehr Widerstand gegen eine Konzernführung als früher“, sagt Langenbucher. "Denn der kalifornische Feuerwehrfonds mag bei fehlender Reaktion von Stimmrechtsberatern durchaus fragen: Wieso habt ihr stillgehalten?"

"Einflüsterer" - der neue Vorstandsschreck

"Das ist noch kein großer Trend", erklärt DSW-Sprecher Kurz. Das Gros der Beschlüsse der DAX-Konzerne falle nach wie vor mit mindestens 90 Prozent. "Aber wir sehen jetzt schon bei einigen Unternehmen, dass die Vorstände nicht mehr auf der Hauptversammlung sitzen und denken: Na gut, jetzt lassen wir drei Stunden Reden von Privatanlegern über uns ergehen, bevor am Ende 90 Prozent zustimmen, weil am Ende ja doch die institutionellen Anleger das Sagen haben." Die hätten sich bislang kaum gekümmert, "weil sie ihre Aktien mehr als Kapitalanlage und nicht als Unternehmensbeteiligung gesehen haben". Dies ändere sich, zumal Stimmrechtsberater strenger und härter zu Werke gingen, als es die Fonds früher getan hätten.  

Dass Fondsgesellschaften Stimmrechtsberater engagieren, hat laut Kurz auch mit dem Renditedruck und der Konkurrenz zwischen aktiv gemanagten sowie Index-Fonds (Exchange Traded Funds) zu tun. ETFs bestehen aus Aktien von Unternehmen bestimmter Börsenbarometer wie dem Dax. Sie sind preiswerter als jene Fonds, bei denen Analysten täglich entscheiden, welche Wertpapiere sie kaufen oder abstoßen. Kurz sagt: "Die haben gemerkt, sie können über ihr Stimmrecht etwas bewegen, damit das Unternehmen bessere Rendite erzielt und der Anleger nicht sagt: Da kann ich mir gleich einen ETF kaufen, der ist viel billiger."

Quelle: n-tv.de

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