Wirtschaft

Aufstockung auf 40 Werte "Dax bekommt Frischblutzufuhr"

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Einige Aufstiegskandidaten gelten bereits als gesetzt.

(Foto: picture alliance / Klaus Ohlenschläger)

Die Dax-Erweiterung steht kurz bevor. Wer das Rennen der Aufstiegskandidaten macht, steht heute nach US-Handelsschluss fest. Im Gespräch mit ntv.de erklärt Kapitalmarktanalyst Robert Halver von der Baader Bank, welche Unternehmen das Rennen machen könnten und welche Konsequenzen die Aufstockung auf die Branchengewichtung hat.

ntv.de: Dem deutschen Aktienindex steht seine bislang größte Reform bevor. Neben der Aufstockung von 30 auf 40 Unternehmen müssen Dax-Werte als Lehre aus dem Wirecard-Skandal neue Anforderungen erfüllen. Gehen diese Änderungen weit genug?

Robert Halver: Grundsätzlich ja. Aus meiner Sicht haben die faulen Eier jetzt keine Chance mehr, in den Dax aufzusteigen. Schließlich müssen sie zuvor zwei Jahre profitabel gewesen sein und zwingend Quartalsberichte veröffentlichen. Das ist eine gute Basis für eine vernünftige Qualität im deutschen Leitindex. Natürlich gäbe es noch die Möglichkeit, auch für die alten Mitglieder Regeln aufzusetzen. Aber dadurch, dass die Gewichtung im Dax künftig zweimal im Jahr überprüft wird und auch die Regeln "Fast Entry" und "Fast Exit" gelten, fallen Werte mit Fehlverhalten allein schon aus dem DAX, weil sie bei Anlegern in Ungnade fallen.

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Robert Halver ist Kapitalmarktanalyst bei der Baader Bank.

Einige Aufstiegskandidaten gelten bereits als gesetzt. Das Rennen um die letzten Aufstiegsplätze hingegen ist noch offen. Wen haben Sie im Blick?

Ich halte es für relativ sicher, dass Airbus, Zalando, Siemens Healthineers, Hello Fresh, Symrise, Porsche Holding, Brenntag und Sartorius aufsteigen. Dann gibt es ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die zwei noch freien Aufstiegsplätze. Puma, Qiagen und LEG haben noch Chancen.

Inwiefern hat die Aufstockung Einfluss auf die Branchengewichtung im Dax?

Der klassische Leitindex Dax verliert mit der Aufstockung seine extreme Zyklik. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass einige Branchen in den letzten Jahren Probleme hatten: Banken, (Finanzkrise), Automobile (Dieselskandal) und die Versorger (fossile Energieträger). Mit der Aufstockung kommen Wachstumswerte in den Dax, die bewiesen haben, dass sie abliefern. Die zehn Werte, die jetzt aufsteigen, waren schließlich zuvor im MDax und haben mitgeholfen, dass der Index deutlich besser performte als der Dax. Ich sehe die Reform grundsätzlich positiv. Damit bekommt der Dax eine gewisse Frischblutzufuhr. Er ist weniger der Leid-Index, sondern wird wieder mehr Leit-Index.

Wie hat sich die Bedeutung des Leitindex aus Ihrer Sicht über die Jahre geändert?

Der Dax hat an Gewicht verloren. Früher, in der Zeit der old economy, war der deutsche Leitindex ein Klassiker. Damals hieß es: Wenn Anleger aus Amerika, Saudi-Arabien oder China in Europa investieren, dann schauten sie immer auf den Dax. Aber heute ist Deutschland auf der Hightech-Ebene, bei new economy, leider sehr schwach auf der Brust. Die Chinesen und die Amerikaner haben uns den Rang abgelaufen. Ohnehin, auch mit 40 Werten ist der Dax kein Eins-zu-eins-Abbild der deutschen Wirtschaft. Das liegt auch daran, dass Deutschland eine Aktienkultur fehlt. Wie toll wäre es, wenn ein Unternehmen wie Biontech im Dax gelistet wäre. Der Impfstoffhersteller lässt aber lieber die Finger vom deutschen Kapitalmarkt und zieht es vor, in Amerika notiert zu sein. Und auch viele deutsche Weltmarktführer mit tollen Patenten denken gar nicht daran, aktiennotiert zu sein. Ihnen sind einfach die politischen Repressalien zu hoch. Wenn zum Beispiel eine Robert Bosch GmbH an die Börse ginge, wäre das ein Jahrhundert-Börsengang. Das tut sie aber nicht, weil Berlin keine ordentliche Aktienkultur betreibt.

Deutsche investieren gerne in den Dax. Wird der deutsche Leitindex mit der Aufstockung auch für ausländische Investoren interessanter?

Wenn wir den Dax mit einer Pralinenschachtel vergleichen, dann wird die Auswahl mit 40 statt 30 Titeln attraktiver. Klar, mit Beispielen wie Biontech und anderen Weltmarktführern geht einiges verloren. Das ist sehr schade. Aber selbst, wenn mehr ausländische Anleger in den Dax investieren, wird er nie die Bedeutung eines S&P500 erlangen, der deutlich mehr Werte hat, deswegen ausgewogener ist und politisch geradezu hofiert wird.

Wieso wird eigentlich genau um zehn Unternehmen aufgestockt?

Ich formuliere es mal so: Wieso machen wir nicht einen deutschen Leitindex, der Dax und MDax gleichermaßen umfasst? Warum führt man nicht ein Startup-Segment oder ein Mittelstand-Segment ein, das SDax und TechDax umfasst? Aber wir haben schlicht nicht so viele Unternehmen, die auch von ihrer Marktkapitalisierung infrage kommen. Selbst die zehn Werte, die jetzt aufsteigen, machen maximal zehn Prozent mehr Marktkapitalisierung aus. Uns fehlt einfach die Munition.

Was müssen Anleger jetzt beachten?

Die Messe für Einzel-Aktionäre ist gelesen. Viele Fondsmanager oder Vermögensverwalter haben sich schon längst einen Reim darauf gemacht, wer neu in den Dax kommt. Anleger können davon ausgehen, wenn heute Abend klar ist, wer letztendlich wirklich aufsteigt, dass am Montag noch mal ein bisschen Schüsseltreiben stattfindet, aber nicht wirklich viel. ETF-Anleger brauchen gar nichts zu machen. Die Anbieter werden Aktien der Dax-Neulinge entsprechend ihres dann errechneten Gewichts kaufen und dafür Anteile an den bisherigen Dax-Werten verkaufen. Sie lehnen sich einfach nur zurück.

Die zehn neuen Unternehmen stammen aus dem MDAX. Er schrumpft damit von 60 auf 50 Mitglieder. Wird der MDax dadurch abgewertet?

Der MDax verliert durch die Aufstockung zehn Kronjuwelen. Die einen Analysten gehen davon aus: Mit dem Verlust der stärksten Werte ist der MDax natürlich nicht mehr so attraktiv wie vorher. Ich sehe das differenzierter und bin der Meinung: Der MDax ist jetzt viel stärker in Richtung Mittelstand unterwegs. Das heißt, der MDax spiegelt jetzt noch viel stärker unsere mittelständische Wirtschaft wider, um die uns die Welt noch immer beneidet. Der MDax wird dadurch purer, auch wenn er sich zunächst kurzfristig wahrscheinlich schlechter entwickeln wird. Das könnte zum Ende des Jahres aber schon ausgelaufen sein.

Erwarten Sie ein Kursfeuerwerk?

Nein. Die Werte, die als Aufstiegskandidaten gehandelt werden, wurden von Index-Spekulanten längst eingekauft.

Mit Robert Halver sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de

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