Wirtschaft
Viele Aktienhändler glauben ihren Augen kaum, als sie den größten Tagesverlust in der Geschichte des US-Leitindex Dow Jones auf den Anzeigetafeln sehen.
Viele Aktienhändler glauben ihren Augen kaum, als sie den größten Tagesverlust in der Geschichte des US-Leitindex Dow Jones auf den Anzeigetafeln sehen.(Foto: dpa)
Dienstag, 06. Februar 2018

Zinsen treffen Computerhandel: Der Crash aus dem Nichts

Von Daniel Saurenz

Noch Anfang des Jahres scheinen die meisten Anleger tiefenentspannt: Die Wirtschaft rund um den Erdball brummt, die Unternehmen werfen Rekordgewinne ab. Ein Ende der Aktienrally schien nicht absehbar. Dann bricht plötzlich Panik aus. Was ist passiert?

Börsianer können sich den Chart des Angstbarometers Vix vom 5. Februar ins Poesiealbum pinnen. Um mehr als 100 Prozent legte der Indikator in den USA allein am Montag zu auf 37 Punkte in der Spitze. Anfang Januar lag der Vix, der die Angst der Anleger - das heißt ihre Erwartung heftiger Schwankungen - misst,  noch völlig entspannt bei einem Tiefstwert von neun Punkten. Diese Entspannung ist mit einem Mal in Panik gekippt. Doch was ist los an den Aktienmärkten, warum verzeichnet der Dow Jones mit zeitweise minus 1600 Zählern plötzlich den größten Tagesverlust in Punkten seiner Geschichte?

Im Fußball gibt es das geflügelte Wort "Haste Sch... am Schuh, haste Sch... am Schuh". Am Aktienmarkt bedeutet dies, dass eine ausgesprochen euphorische Stimmung für Aktien in den USA auf plötzlich merklich steigende Zinsen und infolgedessen auf computergesteuerte Verkaufsprogramme traf. Es kommt eben häufig eines zum anderen, auch am Aktienmarkt.

Zinsen sind entscheidend

Der Auslöser für die schwachen Tage bei Dow Jones und Dax ist schnell identifiziert. Jedem Investor ist klar, dass ein gehöriger Teil der Aktienmarktrally der letzten Jahre auf das Konto niedriger Zinsen geht. Ist am Anleihemarkt nichts zu holen, investiert man in risikoreichere Anlagen. Nun kletterten die 10-jährigen US-Bonds zuletzt auf fast 3 Prozent - ein Alarmsignal für die Aktien und ein hohes Niveau im Vergleich der letzten Jahre. Die niedrigen Zinsen schoben übrigens bisher auch den Immobilienmarkt an, wo als Nächstes mancher ins Grübeln kommen könnte, ob ein Kauf noch eine gute Idee ist bei überhitzten Preisen.

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Doch zurück zum Crash vom Montag. Auf eine plötzlich drehende Stimmung traf dann das Phänomen des Computerhandels. Automatische Programme, die vorher über Jahre an der Schnur gezogen Kauforders in den Markt drückten, spucken auf einmal "verkaufen" aus. Der Markt fällt und daraufhin werden sogenannte Stopp-Loss-Orders ausgelöst. Mit den Verkäufen soll das Computerprogramm den Verlust fürs eigene Depot begrenzen. Alle Programme zusammen machen so aus der Kurskorrektur einen Kurssturz.

Wirtschaft brummt weiter

So pulverisierte der Dow Jones ähnlich wie der Dax am Montag nachbörslich die Hundertermarken nach unten, da erst einmal keiner zugreift und stützt. Dabei hat sich an den Rahmendaten abgesehen von den Zinsen bisher wenig geändert. Die Konjunktur brummt weltweit, die Europäer freuen sich über sattes Wachstum und in Deutschland sind Aktien nicht einmal extrem teuer. In den USA könnte man davon schon eher sprechen, dort gab es zudem einen Extra-Kursbonus aufgrund der Steuersenkungen.

Der Blick zurück zeigt, dass solch extreme Ausschläge bei der Volatilität eher einen vorübergehenden Ausverkauf anzeigen als den Beginn eines kurzfristigen Absturzes. So könnten sich die Notierungen in den nächsten Tagen durchaus stabilisieren, das Angstbarometer Vix in den USA und der VDax-New durchaus kräftig zurückgehen. Auf die leichte Schulter sollte man diesen ersten Warnschuss aber nicht nehmen. Auch 2000 und 2008 gab es einen ersten Rutsch, dann stabilisierten sich die Märkte über Monate, um danach mit schwächer werdenden Wirtschaftsdaten völlig einzubrechen.

Auch der Boom am Markt für Fusionen und Übernahmen ist ein Signal für die Überhitzung der letzten Zeit – nachzulesen im Beitrag vom Sonntag.

Quelle: n-tv.de