Wirtschaft

Rupert Stadlers tiefer Sturz Der Mann hinter Audis Erfolgsgeschichte

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Unter Stadlers Führung wird Audi zu einer globalen Erfolgsgeschichte - auch mit Hilfe manipulierter Motoren.

(Foto: AP)

Rupert Stadler macht aus Audi einen Global Player, kümmert sich um Privatstiftungen der Piëchs und verantwortet zuletzt nebenbei den Vertrieb des VW-Konzerns. Obwohl er im Abgasskandal in die Kritik gerät, kann ihm die Krise lange nichts anhaben - bis er verhaftet wird.

Früh morgens zwischen sechs und sieben Uhr kommen sie, um ihn zu holen: Vier Zivilbeamte des bayerischen Landeskriminalamts klingeln an der Haustür von Audi-Chef Rupert Stadler und eröffnen ihm, dass die Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl gegen ihn erlassen hat. So schildert es ein Sprecher der Staatsanwaltschaft München II. Die Beamten setzen den Top-Manager in ein Zivilauto und fahren ihn zum Gericht.

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Nur Stunden später berät der VW-Aufsichtsrat - zunächst ergebnislos - über die Berufung eines Nachfolgers. Als Favorit gilt der erst im Herbst als Vertriebschef nach Ingolstadt gewechselte Holländer Bram Schot. Schon seit zweieinhalb Jahren, seit der Aufdeckung des Dieselskandals im Herbst 2015, galt Rupert Stadler als Audi-Chef auf Abruf. VW-Konzernchef Martin Winterkorn und sechs Audi-Vorstände mussten ihren Hut nehmen - aber Stadler blieb. Er trage keine Schuld - nicht einmal im Falle einer Anklage sähe er einen Grund für einen Rücktritt, hatte Stadler einmal gesagt. Selbstbewusst und aufgeräumt präsentierte er noch vor wenigen Wochen seinen "Angriffsplan 2022" und zeigte sich optimistisch, dass er die Früchte als Vorstandschef dann selbst ernten werde.

Aber in nur einer Woche hat sich der Wind vollkommen gedreht. Die Münchner Staatsanwaltschaft hat nicht nur ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs gegen Stadler eingeleitet - er soll Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung in Europa wissentlich in den Verkehr gebracht haben. Eine Ermittlungsrichterin erlässt einen Haftbefehl, wegen Verdunkelungsgefahr: Es habe Hinweise gegeben, dass Zeugen oder andere Beschuldigte im Dieselskandal beeinflusst werden sollten, sagte ein Staatsanwalt.  

Der Aufsichtsrat des VW-Konzerns berät derzeit über die Konsequenzen. Bisher hatten die wichtigsten VW-Aktionäre, die Familien Porsche und Piëch, Stadler loyal den Rücken gestärkt und alle Rücktrittsforderungen abgewehrt. Aber jetzt wurde der Druck enorm, rasch machten die Namen möglicher Interimschefs in Ingolstadt die Runde. Stadler soll demnach zunächst beurlaubt werden.

Größter Gewinnbringer des VW-Konzerns

Mit Stadlers Abgang würde eine Ära bei Audi enden. Mehr als elf Jahre lang stand er an der Spitze der Volkswagen-Tochter in Ingolstadt, die den Löwenanteil des Konzerngewinns erwirtschaftet und mit den technischen Entwicklungen für ihre Oberklasseautos den Weg für die anderen Konzernmodelle bahnt. Es war Stadler, der Audi zu einem globalen Unternehmen gemacht, den Umsatz von 34 auf 60 Milliarden Euro verdoppelt und den Betriebsgewinn auf rund fünf Milliarden Euro gesteigert hat. Aber das ist Lorbeer von gestern.

Der Bauernsohn aus dem oberbayerischen Landkreis Eichstätt hatte an der Fachhochschule Augsburg Betriebswirtschaft studiert, fing bei Audi im Vertrieb an. 1997 holte Ferdinand Piëch Stadler als Leiter seines Sekretariats in die VW-Zentrale nach Wolfsburg. In Stadlers Zeit als rechte Hand von Piëch fiel die VW-Korruptionsaffäre. Hochrangige VW-Manager bezahlten Betriebsräten Schmiergelder und Prostituierte. Vor Gericht nahm Stadler seinen Chef in Schutz, sagte, dieser habe von den Vorgängen nichts mitbekommen. Als Piëch Aufsichtsratschef wurde, ging Stadler als Finanzvorstand zurück zu Audi und wurde 2007 - als erster Nicht-Ingenieur - Nachfolger von Vorstandschef Martin Winterkorn, der VW-Konzernchef wurde.

Wie eng Stadler zu den Mächtigen im VW-Reich steht, zeigte seine Berufung zum Vorstandsmitglied im Gesamtkonzern 2010. In den Folgejahren berief ihn die Piëch-Familie auch in den Vorstand zweier Privatstiftungen. Daneben bekam Stadler noch eine Honorarprofessur an der renommierten Universität St. Gallen und zog in den Aufsichtsrat des FC Bayern ein.

Das Jahr 2015 war Höhe- und Wendepunkt seiner erstaunlichen Karriere. Als Audi-Chef war er damals fast ein Star. Audi überholte Mercedes-Benz bei den Verkaufszahlen und gab im Frühjahr 2015 das Ziel aus, bis 2020 auch BMW zu überholen und Audi zur Nummer eins in der Oberklasse zu machen. Stadler wurde zum Unternehmer des Jahres gekürt und als Nachfolger von VW-Chef Winterkorn gehandelt, als Piëch Anfang 2015 auf Distanz zu Winterkorn ging.

Der "Kämpfer" ist angezählt

Aber dann flogen die Abgastricksereien von VW in den USA auf. Dass Stadler Manipulationen beim Sechszylinder-Turbodiesel von Audi erst bestritt und dann doch zugeben musste, sorgte für Ärger - nicht nur bei den stolzen Audianern, auch bei VW und Porsche, die den Audi-Motor auch in den Cayenne und den Touareg einbauten. Kritiker riefen schon damals nach einem Neuanfang, gerade bei Audi.

Im Dieselskandal machte Stadler auch danach keine gute Figur. Er lavierte herum, legte sich vor einem Jahr mit dem damaligen Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt an, als der einen Rückruf manipulierter Audis anordnete, und wurde deshalb VW öffentlich zurückgepfiffen. Aus Wolfsburg hieß es: "Viel darf er sich nicht mehr erlauben."

Auch geschäftlich läuft es nicht mehr rund für Audi. Im vergangenen Jahr war der China-Absatz eingebrochen. Der Rückstand auf Mercedes und BMW ist immer größer geworden. Für die Folgen des Diesel-Skandals musste Audi bereits 2,25 Milliarden Euro beiseite legen. Immer neue Razzien und Rückrufe beschädigten das Image der Oberklasse-Marke.

Auch auf Arbeitnehmerseite verlor Stadler Rückhalt. Nicht ausgelastete Fließbänder, erst späte Zusagen für den Bau von Elektroautos auch in den deutschen Werken - es gab Buhrufe auf der Betriebsversammlung in Ingolstadt, Gesamtbetriebsratschef Peter Mosch zeigte ihm auf einer Betriebsversammlung vor einem Jahr die gelbe Karte. 

Stadler galt als angezählt. Doch als der Aufsichtsrat im August 2017 gleich vier der sieben Vorstände vor die Tür setzte, schien seine Position für den Augenblick sogar gefestigt. Gegen mögliche Nachfolger wie Opel-Chef Karl Thomas Neumann oder den früheren Skoda-Chef Winfried Vahland gab es Vorbehalte. Wenn noch mehr passiere bei Audi, solle Stadler noch selbst den Kopf hinhalten, hieß es aus Aufsichtsratskreisen. Die neuen Audi-Vorstände unter Stadler sollten sich erst einmal einarbeiten.

Gewinner des Konzernumbaus

Nach dem Sturz von Konzernchef Müller gab dessen Nachfolger Herbert Diess Stadler sogar noch mehr Macht, indem er ihn im Zuge des Umbaus der Konzernstrukturen die Führung über die Markengruppe "Premium" übertrug, zu der neben Audi auch noch Lamborghini und Ducati gehören. Außerdem wurde Stadler verantwortlich für den gesamten Vertrieb im Konzern.

"Ich bin ein Kämpfer!", hatte Stadler immer wieder gesagt. Im Untersuchungsgefängnis hat er jetzt eine ganz neue Agenda. Seinem Nachfolger hinterlässt er große Baustellen und einen Plan. Audi steckt mitten in einer raschen Folge von Modellwechseln. Im Sommer soll das erste Elektro-Serienauto von Audi in Brüssel präsentiert werden, viele weitere sind geplant, die Fabriken müssen dafür umgebaut werden. Das alles kostet viel Geld. Die Früchte können erst ab dem nächsten Jahr geerntet werden. 2018 werde "erneut ein herausforderndes Geschäftsjahr" mit stagnierenden Verkaufszahlen und nur leicht steigendendem Umsatz, so die Prognose des Audi-Vorstands: "Ein Jahr des Übergangs, aber auch des Aufbruchs."

Der Niederländer Schot kam erst im September von VW-Nutzfahrzeuge zu Audi. Aber er kennt den Konzern und hat am "Angriffsplan 2022" mitgearbeitet. Jetzt könnte er durchstarten.

Quelle: ntv.de, mbo/AFP/dpa