Wirtschaft

Die neue Regierung muss ran Die EZB kann diese Inflation nicht bekämpfen

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Die Abschaffung der EEG-Umlage und Senkung anderer Energiesteuern und Abgaben würde die Verbraucher spürbar entlasten.

(Foto: picture alliance / Herbert P. Oczeret / picturedesk.com)

Die Preise steigen schneller und wohl auch noch länger, als von vielen Ökonomen und den Notenbanken erwartet wurde. Die Forderung nach Zinserhöhungen sind dennoch falsch. Die richtigen Mittel, um die Inflation zu bekämpfen, liegen bei der Bundesregierung und nicht bei der EZB.

Es sind ja nur temporäre Faktoren! So lautet seit Monaten das Mantra der Ökonomen und Zentralbanker zum spektakulären Sprung der Inflationsraten von zeitweise unter null im Laufe des letzten Jahres auf 4,1 Prozent im September. Das ist nicht falsch, eine befriedigende Antwort auf die viel höher und wohl länger als erwartet anhaltende Teuerung ist es aber längst nicht mehr.

Die im vergangenen Jahr zeitweise ausgesetzte Mehrwertsteuer verzerrt die Statistik im Jahresvergleich ebenso wie die auf dem Höhepunkt der Coronakrise eingebrochenen Energiepreise. Auch die durch Engpässe in globalen Lieferketten verursachte Knappheit und damit Verteuerung mancher Waren und Vorprodukte wird vorübergehen. Aktuelle Investitionen werden Produktionskapazitäten für viele Rohstoffe erhöhen und deren Preise stabilisieren oder sogar wieder senken. Allerdings dauert dieser Prozess der Ausbalancierung von Angebot und Nachfrage schon deutlich länger als die meisten Ökonomen erwartet haben.

Mittlerweile sind Zweit- und Drittrundeneffekte steigender Preise zu beobachten. Die explodierenden Energiepreise treffen beispielsweise Chemie- und Düngemittelhersteller, die teilweise schon Werke schließen. Für die globale Agrarproduktion wichtige Kunstdünger werden knapp und teuer. Das wird sich auf die Ernten wichtiger Grundnahrungsmittel im kommenden Jahr und damit neben den gestiegenen Energie- und Transportkosten der Produzenten auf die jetzt schon stark gestiegenen Lebensmittelpreise weltweit auswirken. Eine spürbare Verlangsamung bei den Preissteigerungsrunden ist auch im kommenden Jahr zunächst nicht abzusehen - zumal Europa und Asien in einer Energiekrise stecken, die zumindest wohl noch bis zum kommenden Frühjahr für weitere Preissteigerungen sorgen dürfte.

Ökonomen und vor allem Notenbanker, die noch vor kurzem Warnungen vor einer besorgniserregenden Inflation in den Wind geschlagen haben, sind in die Defensive geraten. Kritiker der Europäischen Zentralbank, die bereits seit Jahren das Inflationsgespenst heraufbeschwören und nun angesichts der aktuellen Inflationsentwicklung auftrumpfend ihre alte Forderung nach Zinserhöhungen wiederholen, liegen allerdings immer noch falsch.

In Europa werden die aktuellen Preissteigerungen nicht wie von einigen EZB-Kritikern behauptet von einer Ausweitung der Geldmenge oder von einer überhitzten Binnenwirtschaft, sondern von Energieknappheit und Importengpässen getrieben. Dagegen kann die EZB mit ihren Mitteln nichts ausrichten. Im Gegenteil: Eine straffere Geldpolitik, die Politiker wie CSU-Chef Markus Söder sie nun etwa fordern, Investitionen durch höhere Zinsen verteuern. Solche Investitionen in Produktionskapazitäten, Verkehr sowie Energieerzeugung- und Netze sind aber dringender denn je - nicht nur um die Wirtschaft klimaneutral umzubauen, sondern eben auch um die derzeit viel beschworenen Flaschenhälse im Wirtschaftskreislauf zu beseitigen, das Angebot zu erhöhen und die Verbraucherpreise zu stabilisieren.

Lohn-Preis-Spirale verhindern

Auch wenn die EZB diese Inflation aktuell nicht bekämpfen sollte, sind die Deutschen den steigenden Preisen nicht völlig hilflos ausgeliefert. Spürbare Entlastung für die Verbraucher könnte etwa die von fast allen Parteien im Wahlkampf befürwortete Abschaffung oder zumindest Senkung der Ökostromumlage und der Stromsteuer schaffen. Auch bei Sprit- und Heizkosten könnte die Regierung die Steuern temporär reduzieren, um die Teuerung zumindest etwas abzufedern. Steuern und Abgaben haben einen hohen Anteil an den Energiepreisen, und diese machen sowohl in der offiziellen Statistik als auch gefühlt derzeit einen Großteil der Inflation aus.

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Eine solche spürbare Entlastung der Verbraucher könnte deswegen helfen, einen sich selbst verstärkenden Inflationskreislauf zu verhindern. Denn steigende Preise, so warnen einige Ökonomen bereits, führen zu erhöhten Lohnforderungen der Arbeitnehmer. Schnell steigende Löhne bedeuten für Unternehmen höhere Kosten, die nicht durch Produktivitätssteigerungen, sondern durch höhere Preise ausgeglichen werden müssen. Die richtigen Mittel, eine solche Lohn-Preis-Spirale gar nicht erst in Gang kommen zu lassen, hat die nächste Bundesregierung, nicht die Notenbank.

Quelle: ntv.de

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