Wirtschaft

Brandbrief von Conti-Vorstand "Dutzende Manager werden Job verlieren"

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Unsere derzeitige, geschäftliche Situation ist sehr ernst", heißt es in dem Schreiben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Continental fordert nach einer neuen Gewinnwarnung in einem Brandbrief mehr Einsatz von seinen Führungskräften. Im Interview mit n-tv.de erklärt Analyst Jürgen Pieper, wie der Konzern verlorenes Vertrauen wiedergewinnen kann und wie ernst die Lage wirklich ist.

n-tv.de: Der Vorstand des Autozulieferers Continental nimmt nach der jüngsten Gewinnwarnung weltweit 400 Manager in die Pflicht und fordert in einem Brandbrief stärkere Anstrengungen. Wie bewerten Sie diesen Schritt?

Jürgen Pieper: Es ist sicherlich ungewöhnlich und fällt aus dem Rahmen. Es lässt sich aber damit erklären, dass Continental schon immer ein ambitioniertes Unternehmen gewesen ist. Seit zwei Jahren allerdings ist der Zulieferer am Aktienmarkt kein besonders auffällig guter Performer mehr und hat in den vergangenen Monaten nach den zwei Gewinnwarnungen stark gelitten.

In dem Brief heißt es: "Auf diesem falschen Gleis fahren wir keinen Meter weiter. Dieser Zug stoppt genau hier und jetzt!" Ist die Reaktion in dieser Stärke angemessen?

Conti galt lange Zeit als Vorzeigeunternehmen. Es hat seine Prognosen immer eingehalten oder sogar übertroffen. Aus meiner Sicht ist diese heftige Reaktion deswegen nachvollziehbar. Conti ist kein durchschnittliches Unternehmen. Der Autozulieferer will ganz oben mitspielen. Der Brief zeigt, dass das Unternehmen nicht akzeptieren will, wenn es einige Monate unter Plan läuft und Aktionäre enttäuscht und ist deswegen auch typisch für ein ehrgeiziges Unternehmen.

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Jürgen Pieper ist Analyst und Senior Adviser bei Metzler Capital Markets.

Wieso hat der Vorstand die Probleme nicht frühzeitig und vor allem intern angesprochen?

Dass die Kommunikation nach draußen gelangt ist, war von Conti sicherlich nicht geplant. Ich glaube, dass es schon oft Ansagen gegeben hat. Was man sicherlich sagen kann, ist, dass gerade die Antriebssparte Powertrain schon lange Zeit schlecht performt und die Erwartungen nicht erfüllt hat. Auf echte Verbesserungen wartet man hier schon lange. Dort hat das Unternehmen sich das definitiv zu lange angeschaut. Für andere Bereiche gilt das aber nicht. Die eigentlichen Kernbereiche lagen jahrelang über den Erwartungen.

Etwa ein halbes Dutzend Geschäftsbereiche sollen aber wiederholt ihre selbst gesteckten Ziele nicht erreicht haben. Was ist schiefgelaufen?

Ich habe die Unternehmenskultur von Continental immer als lange Leine wahrgenommen. Die Verantwortlichkeiten wurden weitgehend auf untere Hierarchieebenen verlagert. Das hat in jüngster Zeit nicht mehr so gut funktioniert, wie das Unternehmen es gewohnt war. Insofern muss diese Kultur jetzt geändert werden. Dinge, die vor einem Jahr noch durchgewunken wurden, weil das Gesamtergebnis gestimmt hat, werden jetzt sicherlich auf den Prüfstand gestellt.

Inwiefern sind Trumps Zollandrohungen für den Autozulieferer ein Problem?

Die trumpschen Äußerungen richten sich ganz klar an die deutsche Autoindustrie und setzen die Kurse unter Druck. Für sehr global aufgestellte Unternehmen geht von Handelshemmnissen eine Gefahr aus. Die Zölle zwischen den USA und China haben bereits zu einer Gewinnwarnung bei Daimler geführt. Conti exportiert relativ viel von Mexiko in die USA. Wenn es dort Erschwernisse geben sollte, wäre Conti durchaus betroffen.

Wie ernst ist die Lage?

Die Umsatzentwicklung hat weitgehend gestimmt. Auch im Krisenjahr 2018 wächst Conti organisch um vier Prozent und damit etwa doppelt so stark wie der Automarkt. Das ist nicht herausragend, aber immer noch ein guter Umsatzverlauf. Hier sehe ich kein Problem. Denn die Abweichungen sind im Wesentlichen, zum Beispiel was das Reifengeschäft betrifft, der Marktentwicklung geschuldet. Die Probleme sind eher auf der Kostenseite zu suchen. Typisch für große Unternehmen, die sehr lange erfolgreich sind, ist, dass die Kostendisziplin allmählich nachlässt. Möglicherweise ist bei Conti eine zu entspannte Haltung eingezogen.

Welche Anhaltspunkte gibt es dafür?

Conti adressiert genau das in seinem Brief. Im Prinzip geht es um Disziplin, um die Erstellung von gescheiten Prognosen und um ihre Einhaltung. Das betrifft eben überwiegend die Kostenseite. Entsprechend wird es jetzt auch zu Personalveränderungen kommen müssen. Sicherlich gab es im Vorfeld genügend interne Ansagen. Für den Vorstand sind die aktuellen Entwicklungen so aber nicht mehr tragbar. Als Konsequenz werden jetzt bestimmt Dutzende höhere Manager ihren Job verlieren.

Wie kann das Unternehmen die aktuellen Zweifel seiner Aktionäre aus der Welt schaffen?

Ich glaube, der Brief ist ein Anfang. Allerdings herrscht momentan eine sehr negative Stimmung gegenüber der Autoindustrie. Die Reaktion des Vorstands hat ganz gravierende Folgen auf den Kurs. Das beweisen aktuelle Herunterstufungen. Conti kann jetzt fast machen es will, es wird ihnen zum Nachteil ausgelegt werden. Jedes Argument aus dem Brief wird jetzt so herumgedreht, dass Aktionäre davon ausgehen, dass Conti noch schlechter läuft als bisher angenommen. Und vielleicht auch noch schlechter als die Gewinnwarnung reflektiert. Für den Autozulieferer ist das ungewöhnlich.

Was sind jetzt die nächsten Schritte?

Die Leine ist ein bisschen zu lang geworden. Das muss korrigiert werden, indem das Unternehmen keine Abweichungen mehr nach unten akzeptiert. Die Kunst besteht darin, ehrlich zu kommunizieren. Auf der einen Seite müssen die Kostenmaßnahmen genauer beleuchtet werden. Andererseits darf es gegenüber Investoren keine Rückzieher machen, sondern im Gegenteil weiter den Kontakt zu Analysten und Investoren suchen.

Mit Jürgen Pieper sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de