Wirtschaft

Klimaschutz über den Finanzmarkt Ein Billionenpoker namens Taxonomie

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Der Bau neuer Atomkraftwerke wie hier in Flamanville kostet viele Milliarden. Um das weiterhin finanzieren zu können, wollen die Betreiber unbedingt in die Taxonomie aufgenommen werden.

(Foto: REUTERS)

Die angestrebte Klimawende in der EU erfordert Hunderte Milliarden Euro im Jahr. Investoren stehen mit ausreichend Kapital bereit. Doch es fehlt bisher an der notwendigen Transparenz und Orientierung. Das soll die neue Taxonomie leisten. Doch es gibt ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Die EU hat ein ehrgeiziges Ziel: Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts soll die Gemeinschaft nahezu CO2-neutral wirtschaften. Damit das gelingt, muss nahezu die gesamte Wirtschaft umgebaut werden. Das kostet Hunderte Milliarden Euro - pro Jahr. Um dieses teure Unterfangen durchzusetzen, setzt die EU nicht nur auf Vorschriften und Verbote, sondern vor allem auf den Kapitalmarkt als Steuerungsinstrument. Nachhaltiges Investieren ist das Zauberwort.

Tatsächlich ist das Interesse sowohl von riesigen Fondsgesellschaften als auch von Kleinanlegern an nachhaltigen Investments groß. Der Markt für sogenannte ESG-Investments (an ökologischen und sozialen Kriterien sowie guter Unternehmensführung ausgerichteten Anlagen) ist innerhalb weniger Jahre von einer winzigen Nische auf ein Volumen von rund 250 Milliarden Euro im Jahr 2020 angewachsen. In diesem Jahr dürften Unternehmen allein in Deutschland weit über eine Billion Euro an nachhaltigen Anleihen ausgeben.

Bislang ist jedoch jedem Investor, jeder Bank oder jedem Fondsanbieter weitgehend selbst überlassen, welche Kriterien er für grüne Investments anlegt. Greenwashing, das "grün Anstreichen", von unverändert umweltschädlichen Geschäften, ist Kritikern zufolge weit verbreitet und für Anleger nur schwer durchschaubar. Ordnung und Transparenz in dieses Billionen-Geschäft soll die sogenannte Taxonomie-Verordnung der EU bringen. Taxonomie bedeutet Klassifizierung. So enthält die Verordnung unter anderem eine Hunderte Seite lange Auflistung, welche Wirtschaftsaktivitäten als nachhaltig gelten, und wie jedes Unternehmen ab einer bestimmten Größte das berechnen und veröffentlichen muss. Zunächst betrifft dies nur Konzerne und größere Mittelständler.

Diese Berichtspflicht soll jedoch nach und nach ausgeweitet werden und könnte bald indirekt auch kleine Handwerksbetriebe und Bauernhöfe betreffen. Denn wenn Banken solchen Betrieben Kredite gewähren oder große Unternehmen Aufträge an Zulieferer vergeben, müssen diese wiederum berichten, inwieweit entsprechende Tätigkeiten von Geschäftspartnern der Taxonomie entsprechen.

Herkömmliche Anleihen könnten selten werden

Unternehmen von der Energie- über die Auto- bis zur Immobilienbranche spüren bereits Druck von Investoren, ihr Geschäft klimaschonender auszurichten. Wer keine ESG-Plakette auf seinen Anleihen hat, ist am Kapitalmarkt bereits im Nachteil. Vielleicht werden solche Unternehmen sogar bald weitgehend ausgeschlossen sein. In wenigen Jahren schon könnten herkömmliche Anleihen die große - und für den Emittenten deutlich teurere - Ausnahme werden.

Das könnte insbesondere für kapitalintensive Branchen zum Problem werden, etwa für Unternehmen, die in Zukunft noch neue milliardenschwere Atomkraftwerke oder teure Infrastruktur für Erdgas-Nutzung bauen wollen. Der Einschluss dieser beiden Arten von Energieerzeugung ist zum größten politischen Streitpunkt der Taxonomie geworden. Die Sorge ist dabei nicht nur, dass weiter Milliarden in diese umstrittenen Formen der Energieerzeugung fließen.

Kritikern zufolge steht die Wirksamkeit der gesamten Taxonomie auf dem Spiel. Schließlich handelt es sich nur um eine Klassifizierung, die ihre Wirkung erst entfaltet, wenn Investoren sie bei ihren Entscheidungen anwenden. Laut der Organisation "Bürgerbewegung Finanzwende" ist das aber fraglich, wenn beispielsweise Atomenergie als nachhaltig eingestuft wird. Denn laut einer im vergangenen Sommer im Auftrag der Organisation durchgeführten Umfrage, sieht die große Mehrheit der Menschen in Deutschland das anders. Damit ist die Glaubwürdigkeit der ganzen Taxonomie zumindest in Deutschland und ihre erhoffte Lenkungswirkung über den Kapitalmarkt in Gefahr.

Quelle: ntv.de

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