Wirtschaft

Deutsche-Börse-Chef nimmt Abschied Ein ausgebremster Stratege

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Nach 10 Jahren an der Spitze der Deutschen Börse nimmt Francioni seinen Hut.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Chef der Deutschen Börse, Reto Francioni, verlässt das Parkett in diesem Jahr. Er könnte weiter machen. Bei einem seiner letzten Auftritte macht er deutlich, dass er das gar nicht unbedingt will. Vielleicht, weil er zuletzt nicht mehr alle Ziele erreichen konnte.

Bevor er dann wirklich als Vorstandschef der Deutschen Börse abtrete, wolle er sich auf jeden Fall noch mal "Papa ante Portas" anschauen, sagt Reto Francioni und lacht. Auch wenn er in seiner Zeit nach dem Ausstieg nicht vorhabe, Senf für die Familie zu kaufen, wie es der pensionierte Hauptdarsteller in Loriots Film macht. Viel mehr sagt der 59-jährige Schweizer nicht zu seinem Rücktritt nach zehn Jahren an der Spitze jenes Unternehmens, das als Europas größtes Haus für Wertpapierhandel gilt. "Langweilig war es mir weder vor meiner Zeit bei der Deutschen Börse, noch während meiner Zeit als Vorstandsvorsitzender, und danach wird es mir sicher auch nicht langweilig werden."

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Francioni ist gut gelaunt, als die Deutsche Börse in dieser Woche die Zahlen für das vergangene Jahr präsentiert, es ist wahrscheinlich sein letzter offizieller Auftritt vor der Presse. Aber nicht nur der nahende Ruhestand hebt seine Stimmung: Es lief gut im vergangenen Jahr, vor allem in den letzten Monaten, als wegen dem vielen von der europäischen Notenbank EZB auf den Markt gespülten Geld das Handelsvolumen massiv gestiegen ist - besonders bei Aktien. Francioni wirkt, als sei er mit sich und dem Abgang vor Auslaufen seines Vertrags im Reinen - und die Pressekonferenz zur Bilanz verwandelt sich zusehends in eine Präsentation seines Schaffens.

Gescheiterte Fusion nagt

17 Jahre ist Francioni insgesamt bei der Deutschen Börse, im November 2005 übernahm er nach einem fünfjährigen Ausflug zur Consors-Bank den Chefsessel. Grund zur guten Laune gab es nicht immer. Besonders, als die EU-Wettbewerbshüter 2012 eine Fusion mit der NYSE Euronext - der Börse New Yorks im Verbund mit den Handelsplätzen in Paris, Brüssel, Amsterdam und Lissabon - verboten haben. Wäre der Zusammenschluss gelungen, würde Francioni nun zu den Gründern einer der mächtigsten Zentren der Welt zählen, es wäre die Krone seines Schaffens gewesen.

"Ich würde das Verbot des Zusammenschlusses mit der New Yorker Börse eher als die größte Enttäuschung denn als Niederlage bezeichnen", sagt Francioni. "Denn das war auch eine Entscheidung der Brüsseler Bürokratie gegen die internationale Aufwertung der europäischen Beteiligten im Börsengeschäft." Ein bisschen Frust ist dennoch zu hören, als er sagt: "Den Rückenwind, den Wettbewerber etwa in den USA oder in Asien durch die Unterstützung ihrer heimischen Behörden etwa bei Übernahmen und Fusionen genießen, haben wir hier leider nicht."

Die Fusion scheiterte auch, weil die Partner nicht dazu bereit waren, dafür ihre jeweiligen Derviatebörsen Liffe und Eurex aufzugeben. Doch gerade deren Zusammenschluss hätte viele Regulierungen nach der Finanzkrise wesentlich vereinfacht. Mit der EU-Entscheidung sei der Handel jenseits der Börsen gestärkt worden, kritisierte Francioni damals. Der immer noch weitgehend unkontrollierte direkte Handel zwischen Banken und Instituten, der OTC genannt wird. ist mittlerweile auf ein enormes Volumen angewachsen. Der Ebit-Gewinn an der Terminbörse Eurex ging im vergangenen Jahr auch leicht zurück, was aber vor allem dem Zinstief geschuldet ist. "Bei so niedrigen Zinsen und keiner Aussicht auf schnelle Veränderung gibt es kaum einen Grund für Handelsaktivitäten in diesem Bereich." Eine Anhebung der Zinsen würde diesen Bereich wieder deutlich attraktiver machen. Darauf hofft man bei der Deutschen Börse in ein bis zwei Jahren. Da die Märkte jedoch 2015 volatil bleiben könnten, wird mit einem höheren Handelsvolumen gerechnet.

Zukunftsmarkt Asien

Die Fusion mit NYSE Euronext, die vorher medienwirksam angekündigt war, fraß viel unternehmerisch Energie. Eine Erklärung, weshalb die Deutsche Börse erst spät in den zukunftsträchtigen asiatischen Markt eingestiegen ist. Seit 2014 kooperiert die Deutsche Börse mit der Bank of China und eine Zusammenarbeit mit der Börse in Schanghai ist geplant. Doch die 100 Millionen Euro Umsatz aus Asien machen lediglich fünf Prozent des Gesamtumsatz aus. Der Nachfolger Francionis wird hier in die Offensive gehen müssen, damit die Deutsche Börse den Anschluss nicht verliert. Denn klar ist: "Das Kerngeschäft, aber auch die Randbereiche, primär der Derivatemarkt, wird künftig in Asien stattfinden", sagt Francionis Vize Andreas Preuß.

Vielleicht wagt sich der Nachfolger Carsten Kengeter auch wieder an große Fusionen heran. Das Thema war für Francioni nach 2012 erledigt. "Wir kaufen zielgerichtet und wertvermehrend in einzelnen Geschäftsbereichen zu; das sind zum Teil ganz kleine Projekte, die aber bei uns eine große Hebelwirkung entfalten.", sagt Francioni. Da seien einige Perlen darunter. Aber große Übernahmen - nein, das nicht mehr. Nachdem Francioni am europäisch-transatlantischen Handelsplatz gescheitert war, hat er die Unternehmensstrategie der Deutschen Börse umgelenkt.

Die Deutsche Börse wandelt sich Dienstleister

Dabei ist der Handel in den Hintergrund gerückt, im Vordergrund stehen nun Dienstleistungen: Die Verwahrung von Wertpapieren etwa in der expandierenden Tochter Clearstream, die zudem Risikomanagement anbietet. Dort konnte die Deutsche Börse das Ebit-Ergebnis steigern und zwar trotz des Zinstiefs, welches das Anlegen von rund 10 Milliarden Kundengeldern erschwert.

Ein weiterer Zweig ist die Technologie. Francioni, der in den 90er Jahren das elektronischen Handelssystem Xetra mitentwickelt hat, das den umstrittenen Hochfrequenzhandel ermöglicht hat, legt Wert darauf, den Anschluss nicht zu verlieren. Da ist es wichtig, zu betonen, dass die Börse aus technologischer Sicht Extremsituationen, wie etwa einen sogenannten Grexit, verkraften kann: "Wir können sowohl extrem hohe Handelsaktivitäten abwickeln als auch jederzeit eine korrekte Preisfindung für Wertpapiere sicherstellen."

"Aktienmarkt ist Link zur deutschen Volkswirtschaft"

Doch was bedeutet Francioni, der oft als "Vater des Neuen Marktes" bezeichnet worden ist, das Aktiengeschäft dann noch? Die Zahl der IPOs ist nach dem Crash des neuen Marktes nach der Jahrtausendwende nie mehr relevant gestiegen, im letzten Jahr haben nur acht Unternehmen den Schritt aufs Parkett gewagt. Die deutschen Privatinvestoren sind nach wie vor Aktienmuffel und auch die Versicherungen haben sich zurückgezogen. Und in der Bilanz spielt der sogenannte Kassamarkt auch keine übergeordnete Rolle mehr.

Danach gefragt, wird Francioni energisch: "Der Aktienmarkt ist unser Link zur deutschen Volkswirtschaft, das ist ein Schlüsselbereich - und das wird er auch bleiben." Die volkswirtschaftliche Bedeutung sei um so vieles höher einzuschätzen, als die betriebswirtschaftliche für die Deutsche Börse. Eine heilige Kuh also. Dass das Parkett geschlossen wird, wie unlängst in Chicago, an einer der ältesten Börse der Welt – für Francioni undenkbar.

So vieles ist in Bewegung an den Märkten. Will Francioni da wirklich gehen? "Es gibt da nicht den richtigen oder falschen Zeitpunkt. Aber es ist nicht gerade entspannt hier oben zu sitzen", sagt er. Klar sei, dass am 4. April sein Nachfolger das Büro neben ihm beziehe und er ihn bis zum 13. Mai einarbeiten will. Und danach könne der ihn noch auf dem Handy erreichen - obwohl Francioni hofft, dass Kengeter das gar nicht muss.

Quelle: ntv.de