Wirtschaft

Angst vor einem Knall in China Evergrande bietet Gläubigern Parkplätze an

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Wütende Demonstranten protestieren vor dem Hauptquartier von China Evergrande in Shenzen.

(Foto: REUTERS)

Der Immobiliengigant Evergrande steht unter großem Druck. Die Konzernführung spricht von "beispiellosen Schwierigkeiten" und versucht, wütende Anleger und Geschäftspartner zu beruhigen.

In der südchinesischen Stadt Shenzhen haben sich den dritten Tag in Folge Demonstranten vor dem Firmensitz des verschuldeten Immobilienriesen Evergrande versammelt. Ein Firmenvertreter habe den verärgerten Geschäftspartnern von Evergrande statt Geld Wohnungen, Parkplätze oder Lagerräume angeboten, berichteten Demonstranten einer Reporterin der Nachrichtenagentur AFP. "Doch das können wir nicht brauchen. Keiner von uns hat zugestimmt", sagte eine Frau namens Wang.

China Evergrande
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Wohnungskäufer, Lieferanten und Handwerker sowie Kleinanleger fürchten die Pleite von Evergrande. Der Konzern hat in Jahren aggressiver Expansion Schulden in Höhe von umgerechnet mehr als 260 Milliarden Euro angehäuft. Am Dienstag hatte Evergrande gewarnt, es gebe keine Garantie, dass das Unternehmen all seinen finanziellen Verpflichtungen werde nachkommen können. Der Kurs an der Börse von Hongkong fiel seit Beginn des Jahres um fast 80 Prozent. Die Unternehmensanleihen werden teils nur noch mit einem Drittel des Nennwerts gehandelt.

Im Internet zirkulieren Videos von Protesten gegen das Unternehmen. Viele Chinesen haben wie in der Volksrepublik üblich schon Vorkasse für Wohnungen geleistet, die längst nicht fertig gebaut sind. Auf Baustellen stehen Kräne still. Subunternehmer stellen ihre Arbeit ein, weil ihre Rechnungen nicht bezahlt werden. Immer mehr Kunden fürchten, dass die im Voraus bezahlten Wohnungen niemals gebaut werden.

Nach vielen Jahren des Booms auf Chinas Immobilienmarkt stellen Experten "Anzeichen eines Wendepunktes" fest. Auch spürt Evergrande die Bemühungen der Behörden, gegen Spekulationen vorzugehen und Luft aus der Immobilienblase zu nehmen. Mieten sollen nicht mehr so stark steigen. Aufsichtsbehörden gehen gegen die ausufernde Kreditvergabe der Banken an Immobilienunternehmen vor, beschränken die Kreditaufnahme und legen Obergrenzen fest - auch, um die wachsenden Risiken im Finanzsektor insgesamt einzudämmen.

Es ist Teil der Regulierungskampagne von Staats- und Parteichef Xi Jinping, der mächtige Tech-Konzerne, Online-Handel und Finanzdienste, Gaming, Fahrdienste sowie die Unterhaltungs- und Bildungsindustrie an die Leine legt. "Chinas Führer kollidiert mit der wirtschaftlichen Realität", beschreibt US-Investor George Soros in der "Financial Times" das Problem. Das Vorgehen gegen private Unternehmen sei eine große Belastung für Chinas Wirtschaft, wobei Immobilien der "verletzlichste" Sektor seien.

"Beispiellose Schwierigkeiten"

Viele der etwa 60 Demonstranten vor dem Firmensitz in Shenzhen forderten ausstehende Zahlungen. Frau Wang aus Chongqing etwa sagte, Evergrande zahle seine Schulden nicht. Ein Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte, sagte, Evergrande biete dafür "schlechte Grundstücke" an, doch "die kann man nicht verkaufen".

Der Konzern ist in mehr als 280 chinesischen Städten präsent und eins der größten Privatunternehmen in der Volksrepublik. Ende Juni lag der Bestand an Wohnungen im Bau nach Angaben der Beratungsfirma Capital Economics bei 1,4 Millionen, ihr Wert bei umgerechnet 170 Milliarden Euro.

Die Unternehmensführung versicherte derweil, Berichte im Internet über einen Bankrott seien "nicht wahr". Sie räumte aber "gegenwärtig beispiellose Schwierigkeiten" ein. Evergrande versuche "jeden möglichen Weg", den normalen Betrieb wiederaufzunehmen.

Schuldner sollen demnach überzeugt werden, Zahlungsziele zu verschieben oder sich auf alternative Vereinbarungen einzulassen. Evergrande räumte ein, dass es nicht gelungen sei, "wesentliche Fortschritte" beim Verkauf von Anteilen zu machen. "Es sieht so aus, als wenn sie an einer Restrukturierung der Schulden arbeiten, weil es keine konkreten Fortschritte bei den Vermögensveräußerungen gibt", meinte Daniel Fan von Bloomberg Intelligence.

Undurchsichtige Konzernstruktur

"Eine Zahlungsunfähigkeit irgendeiner Art erscheint wahrscheinlich", fand die Agentur Fitch und stufte die Kreditwürdigkeit von Evergrande herab. "Wir glauben, dass das Kreditrisiko hoch ist." Die Agentur verweist auf knappe Liquidität, rückläufige Verkäufe, verschobene Zahlungen an Zulieferer und Baufirmen. Im August fiel der Absatz der Wohnungen von Evergrande danach um 26 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, obwohl die Preise um 26 Prozent gesenkt wurden.

Wie bei vielen chinesischen Großkonzernen sind die Beteiligungen Evergrandes an mehr als 200 Tochterunternehmen extrem verschachtelt. Die Kredite und gegenseitigen finanziellen Verpflichtungen sind kaum durchschaubar. Um "alle möglichen Lösungen" zu erkunden, seine Liquiditätskrise zu mildern, beauftragte Evergrande diese Woche die beiden Beratungsfirmen Houlihan Lokey und Admiralty Harbour Capital, sich die Kapitalstruktur anzusehen.

Der Immobilien-Gigant baut nicht nur Häuser, sondern kaufte 2010 einen kostspieligen Fußballklub, investierte in andere Bereiche von Mineralwasser über Babymilch bis hin zu Elektroautos. Sein Messestand auf der internationalen Autoshow im April in Shanghai gehörte zu den größten, obwohl das Unternehmen noch nicht einmal richtig angefangen hat, Autos zu bauen. Im ersten Halbjahr verbuchte die E-Auto-Sparte allein einen Verlust von umgerechnet 630 Millionen Euro. Die Autofirma und ihre "Hengchi"-Marke stehen nun zum Verkauf. Keiner will sie bislang haben. Auch in die Sektoren Tourismus, Internet, Digitalwirtschaft, Versicherungen und Freizeitparks investierte das Unternehmen.

Ein Bankrott hätte enorme Auswirkungen - nicht nur auf die chinesische Volkswirtschaft, sondern auch auf die politisch erwünschte soziale Stabilität. Eigentlich gilt Evergrande als "too big to fail", also zu groß, als dass die Regierung sein Scheitern zulassen könnte. Würden die Schwierigkeiten des Konzerns nachhaltig den Immobilienmarkt erschüttern, würden nicht nur Banken, sondern auch Millionen Wohnungsbesitzer getroffen, die sich hoch verschuldet haben und zumindest bisher mit steigenden Preisen rechnen konnten.

Aber auch wenn die soziale Stabilität auf dem Spiel steht, ist eine staatliche Rettungsaktion nicht garantiert. Die Regierung ist schon lange der Meinung, dass in China viel zu oft darauf spekuliert wurde, dass der Staat am Ende schon einspringen werde. "Die Tage garantierter Rettungen sind vorbei", schrieb das Wirtschaftsmagazin "Caixin".

Quelle: ntv.de, jga/AFP/dpa

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