Wirtschaft

Enge Kontakte zu Geheimdiensten Ex-Wirecard-Manager bei Moskau versteckt

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Russland soll Marsalek zugesichert haben, ihn nicht nach Deutschland auszuliefern.

(Foto: picture alliance/dpa)

Tage vor dem Zusammenbruch von Wirecard setzt sich die mutmaßlich zentrale Figur des Betrugssystems aus Deutschland ab. Mit Hilfe der dortigen Geheimdienste reist Jan Marsalek auf Umwegen nach Russland. Die Verbindungen des Ex-Managers zu ausländischen Spionen beschäftigen jetzt auch den Bundestag.

Die zentrale Figur des Wirecard-Skandals, Ex-Vorstandsmitglied Jan Marsalek, hält sich einem Bericht zufolge in Russland auf. Wie das "Handelsblatt" unter Berufung auf Bekannte des in Deutschland per Haftbefehl gesuchten Managers schreibt, befindet sich der Österreicher auf einem Anwesen westlich von Moskau. Dort stehe er inzwischen unter Aufsicht des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR.

Das "Handelsblatt" zeichnet auch Marsaleks Fluchtweg nach. Demzufolge war er bereits vier Tage bevor Wirecard zugeben musste, dass die fehlenden knapp zwei Milliarden Euro auf philippinischen Treuhänderkonten vermutlich nicht existierten, in einem Privatjet in die estnische Hauptstadt Tallinn geflogen. Von dort sei er weiter nach Minsk gereist. Russische Geheimdienste, mit denen Marsalek offenbar in enger Verbindung stand, hätten ihn aus Belarus in die Nähe Moskaus gebracht, da es dort "sicherer" für den Flüchtigen sei. Marsalek habe die Zusicherung erhalten, nicht ausgeliefert zu werden. In Russland stand er demzufolge wohl zunächst unter Aufsicht des berüchtigten Militärgeheimdienstes GRU. Später sei er dem SWR übergeben worden.

Marsalek gilt als Kopf hinter den mutmaßlichen, milliardenschweren Bilanzfälschungen bei Wirecard. Er soll maßgeblich das angebliche Asiengeschäft des inzwischen insolventen Zahlungsdienstleisters aufgebaut haben. Sein ehemaliger Chef, der langjährige Wirecard-Vorstandsvorsitzende Markus Braun, und weitere Spitzenmanager befinden sich inzwischen wegen Betrugsverdachts und Marktmanipulation in Untersuchungshaft. Seit Längerem besteht der Verdacht, Marsalek habe sich nach dem Zusammenbruch Wirecards nach Russland abgesetzt. Spuren, die zunächst in die Philippinen und nach China führten, hatten sich als mutmaßlich bewusst gelegte falsche Fährten erwiesen.

Ausschuss lädt Geheimdienstbeauftragen vor

Der "Handelsblatt"-Bericht rückt auch Marsaleks offenbar enge Verbindungen zu internationalen Geheimdiensten in den Fokus. In einem Telegram-Chat nach seiner Flucht hatte er mit Beziehungen zum Mossad, zur CIA und zu anderen Geheimdiensten geprahlt. Er habe "mehrere Pässe, wie jeder gute Geheimagent", schreibt er. Unter anderem soll er sogar von einer Reise mithilfe des GRU nach Syrien und von Insiderwissen über den Giftanschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal in Großbritannien erzählt haben.

Die "New York Times" berichtete von einem Doppelleben und "unüblichen" persönlichen Investitionen abseits der europäischen Finanzbranche. Bei Recherchen und Gesprächen mit Geschäftspartnern stieß die Zeitung unter anderem auf Verbindungen nach Libyen: Neben wirtschaftlichen Beteiligungen in dem Bürgerkriegsland soll sich Marsalek besonders für den Aufbau einer 15.000 Mann starken Grenzmiliz interessiert haben.

Die mutmaßlichen Verbindungen und möglichen Tätigkeiten Marsaleks für ausländische Geheimdienste sollen heute - neben dem Versagen der Aufsichtsbehörden - auch Thema bei der Sitzung des Finanzausschusses des Bundestags zum Fall Wirecard sein. Bisher hat die Bundesregierung auf Anfragen erklärt, dem Bundesnachrichtendienst und dem für Spionageabwehr zuständigen Verfassungsschutz lägen keinerlei Erkenntnisse zu Wirecard und Marsalek vor. Damit geben sich die Ausschussmitglieder allerdings nicht zufrieden. Sie haben den Staatssekretär im Kanzleramt und Beauftragten für die Nachrichtendienste zu ihrer heutigen Sitzung geladen.

Quelle: ntv.de, mbo