Wirtschaft

Primarks Ethik-Chef im Interview "Existenz stand auf dem Spiel"

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Der britische Textildiscounter schloss seine Filialen und musste dafür herbe Einbußen hinnehmen.

(Foto: AP)

Im Frühjahr schließt Primark angesichts der Corona-Pandemie alle Läden und gibt keine neuen Bestellungen bei seinen Lieferanten auf. Das trifft Länder wie Bangladesch hart. Paul Lister, beim Primark-Mutterkonzern ABF unter anderem verantwortlich für ethischen Handel und Nachhaltigkeit, verteidigt im Interview mit ntv.de die Entscheidung - und wirbt für höhere Löhne in der Textilindustrie.

ntv.de: Im März entschied Primark, sämtliche ausstehenden Bestellungen bei den Zulieferern zu stornieren. Die Entscheidung und die anderer Modehändler löste in Ländern wie Bangladesch, die von der Textilbranche abhängig sind, einen Schock aus. Vom möglichen Zusammenbruch der Gesellschaft war die Rede. Können Sie uns schildern, wie diese Entscheidung bei Primark damals zustande kam? Wie haben Sie die Situation erlebt?

Um das nachzuvollziehen, ist entscheidend, sich vor Augen zu führen, dass wir damals keine Ahnung hatten, wie die Pandemie sich entwickeln würde. Zunächst wirkte sich Covid-19 bei Primark dadurch aus, dass Lieferungen aus China ins Stocken gerieten. Doch dann breitete sich die Epidemie weiter aus. Innerhalb von zwölf Tagen mussten im März alle unsere Geschäfte schließen - jedes einzelne, in allen Märkten! Einen Onlineverkauf haben wir nicht. Der Absatz fiel von 650 Millionen Pfund im Monat auf null - bei Fixkosten von mehreren Hundert Millionen Pfund. Wir rechneten nach, und die Zahlen waren eindeutig: Trotz solider Barreserven und einem bei Weitem nicht ausgeschöpften Kreditrahmen bei den Banken würde uns innerhalb von wenigen Monaten das Geld ausgehen. Wir haben alle bereits gelieferten Waren vollständig bezahlt, und nahmen alle Aufträge ab, die bereits auf dem Transport zu uns waren. Das allein waren Waren im Wert von rund 1,5 Milliarden Pfund. Alles darüber hinaus haben wir storniert. Niemand wusste damals, wie es weitergehen würde, wann die Geschäfte in den verschiedenen Ländern wieder öffnen könnten und selbst wenn, wie der Verkauf laufen würde. Wir mussten aus damaliger Sicht so handeln, um zu gewährleisten, dass Primark die Krise übersteht und gegebenenfalls nach längerer Pause überhaupt wieder öffnen kann.

Das heißt, die nackte Existenz des Unternehmens stand auf dem Spiel?

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Paul Lister leitet seit fast 20 Jahren die Rechtsabteilung vom Primark-Mutterkonzern ABF und ist unter anderem verantwortlich für ethischen Handel und Nachhaltigkeit.

Aus damaliger Sicht: ja. Alle Unterstützungsmaßnahmen der Regierungen wie Unterstützungen für Kurzarbeit, Unternehmens- und Mehrwertsteuersenkungen und Ähnliches kamen ja erst nach und nach. Als wir gesehen haben, dass sich die Situation etwas entspannt, haben wir als Erstes einen Fonds aufgelegt in Höhe von rund 23 Millionen Pfund, um die Gehaltszahlungen für die Arbeiter bei unseren Zulieferern sicherzustellen. Als wir uns dann sicherer fühlten, dass die Situation beherrschbar ist, haben wir im Laufe des April zusätzlich bereits fertig produzierte oder in der Herstellung befindliche Bestellungen im Wert von 370 Millionen Pfund abgenommen. Somit konnten wir den Herstellern Geld für ihre Einkäufe überweisen. Im Juli, als unsere Stores wieder offen waren, haben wir uns zudem verpflichten können, unsere Textilzulieferer für sämtliche fertig produzierten Waren zu bezahlen und darüber hinaus alle von ihnen beschafften Textilien zu bezahlen oder zu nutzen. Das bedeutet: wir haben keine offenen Verbindlichkeiten mehr bei diesen Zulieferern für die Auftragsstornierungen im März.

Nun ist fast ein halbes Jahr vergangen seit dem Lockdown. Die Läden sind überall wieder geöffnet. Was ist aus Ihren Befürchtungen vom März geworden?

Die Geschäfte sind wieder offen, und vor allem sehen wir, dass die Kunden zurückgekehrt sind und wieder einkaufen. Bei Ihnen in Berlin sind es noch nicht so viele wie bei uns in Großbritannien, aber langsam kehren wir zum Vorkrisenniveau zurück. Wir bestellen auch wieder Ware in normalem Umfang. Der Mix hat sich dabei etwas verändert durch die Krise. Wir brauchen weniger formelle Herrenbekleidung und dafür mehr Freizeitmode. In Zeiten von Kurzarbeit und Homeoffice verkaufen wir kaum Anzüge. Aber das Volumen ist wieder nahezu normal.

Erscheint Ihnen angesichts der tatsächlichen Entwicklung nun die Komplettstornierung vom März noch immer als richtige Entscheidung?

Es ist einfach, mit dem Wissen von heute zurückzuschauen. Aber die Zahlen damals waren einfach eindeutig. Zu dem Zeitpunkt war es die richtige Entscheidung.

Ihre Schilderung des Krisenverlaufs, so dramatisch es zunächst für Primark auch aussah, zeigt doch auch, dass Sie als Modemarke die vollständige Kontrolle über die ganze Wertschöpfungskette haben. Sie konnten entscheiden, zunächst die eigenen Interessen zu schützen und dann, als Sie sicher waren, es sich leisten zu können, Ihre Lieferanten zu unterstützen. Die hatten keinerlei Einfluss oder Entscheidungsspielraum. Zeigt sich daran nicht auch das schon vor der Krise bestehende Machtgefälle zwischen den großen Modekonzernen in den Industrieländern und den Herstellern in meist armen Ländern?

Ich denke, das ist eine Fehleinschätzung. Alle haben in der Krise gelitten. Auch Primark hat massive Einbußen zu verzeichnen. Wir haben rund zwei Milliarden Pfund Einnahmen verloren. Manche Produzenten hatten einige Monate keine Einnahmen. Aber wir waren ständig in Kontakt mit allen Lieferanten und haben sie unterstützt, unter anderem mit der Initiative "Call to Action", die von der Internationalen Arbeitsorganisation ILO geführt wird. Hier ist es das Ziel, Überbrückungsfinanzierungen für die Lieferanten zu sichern. Zudem sind die Produzenten keineswegs vollständig abhängig von uns. 98 Prozent unserer Lieferanten arbeiten auch für andere Marken, die ihre Märkte oft in anderen Ländern oder sogar Kontinenten haben. Dadurch sind nicht alle Aufträge gleichzeitig weggebrochen. Andere Händler verkaufen im Gegensatz zu uns ja auch online, wodurch ihr Umsatz nicht so stark einbrach oder teils sogar stieg.

Ganz unabhängig von der Corona-Krise gehört der Modehandel zu den Branchen mit den größten Margen im Einzelhandel in Europa - mit gleichzeitig besonders schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen bei den Zulieferern in armen Ländern. Warum ist das so und wie kann sich das ändern?

Die Textilbranche hat Millionen von Jobs geschaffen, die Menschen in armen Ländern gute Einkommen sichern, die sie anderswo, etwa in der Landwirtschaft, nicht erzielen könnten. Die Textilindustrie ist historisch gesehen eine Art Einsteigerbranche. Das war schon im Zeitalter der Industrialisierung in Großbritannien so. Die Menschen können hier lernen, was es überhaupt heißt, einen industriellen Arbeitsplatz zu haben im Vergleich zu einer reinen Subsistenzwirtschaft. Die Elektronikbranche etwa stellt viel höhere Anforderungen, die viele Entwicklungsländer noch nicht erfüllen können. Mein Job persönlich ist es, daran zu arbeiten, dass sich die Arbeitsbedingungen weiter verbessern. Ich wünsche mir sehr, dass die Löhne der Arbeiter zum Beispiel in Bangladesch weiter steigen.

Was tun Sie ganz konkret dafür?

Wir sprechen ständig mit Regierungen der Produzentenländer und plädieren dafür, die Arbeitnehmerrechte zu stärken. Wir arbeiten unter anderem in der Initiative ACT - das steht für Aktion, Zusammenarbeit, Transformation - mit mehr als 20 anderen Modemarken gemeinsam daran, etwa das Recht auf die Bildung von Gewerkschaften und deren Einfluss bei Lohnverhandlungen zu stärken. Wir setzen uns für regelmäßige Erhöhungen des Mindestlohns ein. Im Alleingang können wir allerdings die branchenweiten Arbeitsbedingungen nicht grundlegend ändern oder die Löhne erhöhen.

Warum können Sie nicht einfach mehr zahlen, wenn Sie das wollen?

Das geht leider nicht. Denn in fast allen Fabriken wird für viele verschiedene Abnehmer gleichzeitig produziert. Die Löhne sind dabei genau die gleichen, ob es nun 2-Pfund-T-Shirts für Primark oder 20-Euro-T-Shirts für eine andere Marke sind. Die Fabrik kann nicht für die gleiche Arbeit in derselben Halle unterschiedliche Löhne zahlen.

Primark positioniert sich im Wettbewerb nahezu ausschließlich über die niedrigen Preise. Ist Ihr Geschäftsmodell bei steigenden Kosten durch höhere Löhne überhaupt noch konkurrenzfähig?

Absolut. Steigende Löhne können wir kompensieren, indem vor allem die Hersteller effizienter werden. Die meisten Fabriken in Entwicklungsländern arbeiten noch sehr ineffizient. Mit Weiterbildungen für Unternehmer, Manager und Arbeiter helfen wir, die Prozesse effizienter zu organisieren. Bei den Kostensenkungen, die da möglich sind, können wir trotz steigender Löhne auch in Zukunft T-Shirts für zwei Pfund anbieten.

Deutsche Unternehmen machen sich derzeit große Sorgen wegen des Lieferkettengesetzes, an dem die Bundesregierung gerade arbeitet, das Menschenrechtsverletzungen bei Zulieferern für den deutschen Markt verhindern soll. Sie befürchten unkalkulierbare Haftungsrisiken. Sie auch?

Wir befürworten so ein Gesetz. Natürlich kommt es auf die Details an. Aber mit dem wohl vergleichbaren Gesetz gegen moderne Sklaverei, das es in Großbritannien bereits gibt, können wir gut arbeiten. Mit unserem Ethik-Team mit 120 Mitarbeitern und mit externen Partnern führen wir rund 3000 Inspektionen im Jahr durch, um sicherzustellen, dass bei allen unseren Zulieferern alle Gesetze und Standards eingehalten werden. Ein Lieferkettengesetz würde, sofern nicht jedes Land völlig unterschiedliche Standards zugrundelegt, gleiche Wettbewerbsbedingungen für die ganze Branche schaffen. Das begrüßen wir sehr.

Sie betreiben einen hohen Aufwand, um Ihre Zulieferer zu kontrollieren. Kleinere Unternehmen können das kaum leisten. Spielt so ein Lieferkettengesetz nicht den großen Playern in die Hände und benachteiligt kleinere Firmen?

Kleinere Unternehmen mit weniger Zulieferern müssten ja auch nicht 3000 Inspektionen im Jahr durchführen. Zudem gibt es externe Dienstleister, die das übernehmen können. So haben wir vor vielen Jahren auch angefangen. Ich selbst habe damals die ersten Aufträge für Inspektionen bei Zulieferern an einen Dienstleister vergeben, als Primark noch viel kleiner war und kein Ethik-Team hatte. Das kann jedes Unternehmen.

Mit Paul Lister sprach Max Borowski

Quelle: ntv.de