Wirtschaft

KPMG-Experte zu Türkei-Streit "Firmen wünschen sich Deeskalation"

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Integriert: Die deutsche und die türkische Wirtschaft sind so dicht ineinander verwoben, dass jeder Riss in den Beziehungen schwere Verluste verursachen kann.

(Foto: picture alliance / Marijan Murat)

In den deutsch-türkische Beziehungen herrscht seit Wochen Dauerfrost. Wenn die Politiker beider Länder nicht bald abrüsten, sei massiver Schaden auch für deutsche Firmen kaum abzuwenden, sagt Marcus Schüller, Experte der Wirtschaftsberatung KPMG.

Das deutsch-türkische Verhältnis befindet sich seit Wochen auf einem Tiefststand. Wenn die Politiker beider Länder nicht bald abrüsten, sei ein massiver wirtschaftlicher Schaden auch für deutsche Unternehmen kaum abzuwenden, sagt Marcus Schüller, Partner bei der Unternehmensberatung KPMG.

n-tv.de: Auf politischer Ebene scheint das deutsch-türkische Verhältnis in offene Feindschaft umgeschlagen zu sein. Welcher Schaden droht der deutschen Wirtschaft?

Marcus Schüller ist Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und leitet in Deutschland den Bereich Operations Consulting. Er ist Experte für Einkauf und das Management von Lieferketten und berät Unternehmen in Europa, Amerika und Asien.

Marcus Schüller ist Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und leitet in Deutschland den Bereich Operations Consulting. Er ist Experte für Einkauf und das Management von Lieferketten und berät Unternehmen in Europa, Amerika und Asien.

Marcus Schüller: Man kann gar nicht genug betonen, wie eng Deutschland und die Türkei wirtschaftlich miteinander verflochten sind. Als Handelspartner rangiert die Türkei für Deutschland auf Platz 15 - beispielsweise vor Japan und Russland. Deutschland ist der größte Handelspartner der Türkei. Im Jahr 2016 ging knapp ein Zehntel aller türkischen Exporte in die Bundesrepublik - hauptsächlich Textilwaren, Motorteile und Kfz-Zubehör. Aber die Handelsbilanz zeigt keineswegs die ganze Bedeutung dieser Partnerschaft für die deutsche Wirtschaft. Türkische Zulieferer und Produktionsstandorte deutscher Unternehmen in der Türkei sind elementare Bestandteile der Liefer- und Produktionsketten unserer Industrie. Man denke nur an die großen deutschen Autozulieferer und -hersteller, die alle in der Türkei produzieren. Jede Beeinträchtigung dieser Wirtschaftsbeziehungen würde sowohl der Türkei als auch Deutschland massiv schaden.

Deutsche und europäische Politiker drohen unter anderem mit der Kürzung von EU-Finanzhilfen, der Einstellung von Hermesbürgschaften und anderen Sanktionen. Welche Folgen hätte das für Unternehmen?

Noch ist in dieser Hinsicht ja nichts passiert. Es handelt sich bislang nur um Ankündigungen. Allerdings sollten die politischen Äußerungen Unternehmen dazu bringen, genauer hinzuschauen und die Entwicklung im Auge zu behalten. Denn die ganzen Auswirkungen der jetzigen politischen Krise werden sich erst mittel- bis langfristig zeigen. Wir beraten zum Beispiel große Konzerne bei Investitions- und Standortentscheidungen. Das sind langfristige und hochkomplexe Fragen, bei denen auch die politische Stabilität als ein wichtiger Faktor einfließt. Was das angeht, hat sich der Blick der Entscheider in deutschen Unternehmen auf die Türkei bereits stark verändert.

Vor dem Hintergrund der Verhaftung Tausender Oppositioneller, Menschenrechtler und Journalisten, warnen viele Kritiker vor einem Ende der Rechtsstaatlichkeit in der Türkei. Für Investoren gilt Rechtssicherheit doch als ein wichtiger Faktor bei der Standortwahl.

Entscheider in Unternehmen sind natürlich auch Menschen, die solche Entwicklungen wahrnehmen und die solche Nachrichten nicht kalt lassen. Von den von Ihnen angesprochenen Vorgängen sind deutsche Unternehmen bisher allerdings nicht direkt betroffen. Sie könnten daher eher indirekt in Investitionsentscheidungen einfließen. Fragen der Business-Ethik können beispielsweise dazu führen, dass darüber nachgedacht wird, die Produktion in andere Länder zu verlagern oder bei anderen Partnern einzukaufen. Das ist aber natürlich nicht ohne weiteres möglich.

Was wünschen Sie sich von der Politik in der aktuellen Situation?

Politiker müssen natürlich Politik machen und die Wirtschaft sollte sich da möglichst wenig einmischen. Doch was Unternehmen sich wünschen, ist klar: Deeskalation! Ich wünsche mir, dass auf beiden Seiten die Emotionen aus der Auseinandersetzung herausgenommen werden und dass die Lage neutral und sachlich analysiert wird.

Mit Marcus Schüller sprach Max Borowski.

Quelle: n-tv.de, mbo

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