Wirtschaft

Mit dem Auto in die City Forscher empfehlen "Anti-Stau-Gebühr"

Schadet eine "City-Maut" mehr als sie nützt? Das Ifo-Institut hat die Folgen einer solchen Gebühr für München untersucht und kommt zu dem Ergebnis: Es besteht kein Grund zur Beunruhigung.

Mit dem Auto in der Innenstadt unterwegs sein - das ist zwar bequem, führt allerdings häufig direkt in den Stau. Das kostet nicht nur Zeit und Nerven, sondern belastet zugleich die Umwelt. Eine Idee: Autofahrer, die in die City wollen, werden zur Kasse gebeten. Das Ifo-Institut hat am Beispiel München untersucht, welche Auswirkungen eine "Anti-Stau-Gebühr" hätte. Das Fazit: Sie würde den Autoverkehr spürbar reduzieren - und Einzelhandel sowie Gastronomie können einer solchen Gebühr gelassen entgegensehen.

Der Hintergrund: Allein im Jahr 2018 verbrachten Münchner rein rechnerisch jeweils 140 Stunden im Stau. Umgerechnet in Geldwerte entspreche das etwa 2500 Euro pro Person, heißt es in der Studie. "Das Problem dabei ist, dass die einzelnen Fahrer nicht berücksichtigen, dass durch ihre eigene Fahrt auch anderen Personen wie auch Unternehmen erhebliche Kosten entstehen", so die Forscher.

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Eine "Anti-Stau-Gebühr", über die auch als "City-Maut" diskutiert wird, soll Autofahren in der Innenstadt teurer und damit im Vergleich zu den Alternativen unattraktiver machen - und so den Autoverkehr reduzieren. Das Ifo-Institut empfiehlt, die Einnahmen aus der Gebühr in den öffentlichen Nahverkehr zu stecken. Das würde die verkehrslenkende Wirkung der Gebühr noch verstärken. "Ein Teil der Einnahmen könnte auch dafür verwendet werden, soziale Härten abzufedern. Dies macht eine Anti-Stau-Gebühr auch sozial ausgewogener als andere Maßnahmen", heißt es weiter.

"Auch für andere Städte in Deutschland wäre eine solche Gebühr vorstellbar", sagte Oliver Falck, Autor und Leiter des Zentrums für Industrieökonomik und neue Technologien am Ifo-Institut. "Wir vermuten, dass die Ergebnisse auch auf andere staureiche Städte übertragbar sind." Als besonders staureiche Städte neben München nannte er Berlin, Düsseldorf, Hamburg, Stuttgart, Nürnberg, Köln, Hannover, Bremen und Frankfurt. Eine Gebühr müsste aber immer an die lokalen Gegebenheiten angepasst werden, sagte Falck.

Nach Angaben der Forscher haben etwa Singapur, London und Stockholm gute Erfahrungen mit Gebührenmodellen gemacht: "Der Straßenverkehr konnte über mehrere Jahre hinweg zwischen 15 und 44 Prozent verringert werden. Als Folge gingen auch die Fahrzeiten und besonders die Zeiten, die Fahrer im Stau verbrachten, erheblich zurück.

Teureres Parken

Besonders erfolgreich ist eine "Anti-Stau-Gebühr", wenn zugleich Parken verteuert wird. Eine alleinige Anhebung der Parkgebühren reiche dagegen nicht aus. "Eine Anhebung der bestehenden Parkgebühren in den Parklizenzgebieten auf zehn Euro pro Tag, wie sie aktuell erprobt wird, hätte so gut wie keine verkehrslenkende Wirkung. Würde man die höheren Parkgebühren jedoch mit einer Bepreisung des fließenden Verkehrs von sechs Euro pro Tag kombinieren, könnte man den Pkw-Verkehr innerhalb des Mittleren Rings im Mittel des gesamten Tages um mehr als 23 Prozent, in der Spitzenzeit um 33 Prozent verringern."

Das liegt vor allem daran, dass viele Autofahrer auf Bus und U-Bahn umsteigen würden. "Die Anzahl der Fahrten in die Innenstadt über alle Verkehrsmittel hinweg ginge hingegen nur geringfügig zurück. Als Folge würde die Nachfrage im öffentlichen Nahverkehr steigen und es käme zu Engpässen auf einzelnen Strecken", heißt es in der Studie. Deshalb müsse mit dem Ausbau des ÖPNV gegengesteuert werden.

Durch den geringeren Pkw-Verkehr würden die Straßen stark entlastet und die Geschwindigkeit würde steigen, so die Forscher. Davon profitiere auch der Wirtschaftsverkehr. "Hier würde die Fahrzeit innerhalb des Mittleren Rings um 7,5 Prozent sinken, in der Spitzenzeit sogar um mehr als 10 Prozent."

"Insgesamt wäre die Einführung einer Anti-Stau-Gebühr für die Münchner Innenstadt ein Erfolgsrezept", lautet das Fazit der Studie. Arbeitsplätze, Geschäfte, Freizeitaktivitäten und Kunden wären wieder schneller und verlässlicher erreichbar. Zudem würden die Abgase, der Lärm und der Stress reduziert. Das käme auch dem Einzelhandel zugute - der Wirtschaftsstandort München würde insgesamt noch attraktiver und produktiver.

Lieferverkehr spart Zeit

Einzelhandel und Gastronomie müssen eine "Anti-Stau-Gebühr" den Forschern zufolge nicht fürchten. Sie würde die Fahrten in die und innerhalb der Innenstadt nicht merklich beeinflussen. "Kunden würden für Einkaufs- und Freizeitfahrten auf andere Verkehrsmittel umsteigen - ohne negative Effekte auf die Umsätze der Betriebe in der Innenstadt, wie es zum Beispiel die Erfahrungen mit Gebührenlösungen in London oder Stockholm zeigen", heißt es weiter.

Eine solche Gebühr wäre langfristig sogar positiv für Einzelhandel und Tourismus, so das Ifo-Institut. Denn sie verringere Staus und entlaste dadurch den Verkehr wesentlich. "Fahrer, ob Kunden, Touristen oder der Lieferverkehr, sparen Zeit; Stress, Lärm und Abgase gehen zurück. Die Produktivität steigt und die Innenstadt wird sogar noch attraktiver."

Es komme jedoch auch auf die spezifische Ausgestaltung der "Anti-Stau-Gebühr" an, so die Forscher. Sie regen eine Tagespauschale für Wochentage an, die mehrere Fahrten in die bepreiste Zone erlaubt. "Das kommt sowohl Privatpersonen, die nach der Arbeit einkaufen, als auch vor allem dem Wirtschafts- und Lieferverkehr zugute."

Quelle: ntv.de