Wirtschaft

Ex-Wirecard-Chef vor Gericht Gangster oder "dümmster CEO aller Zeiten"?

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Seit inzwischen zweieinhalb Jahren sitzt Braun in Untersuchungshaft. Nun startet der Prozess gegen den ehemaligen Wirecard-Boss.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Prozess gegen den früheren Wirecard-Chef Markus Braun, einst als der deutsche Jeff Bezos gefeiert, beginnt. Seine Verteidigungsstrategie läuft darauf hinaus, sich selbst als Opfer übler Machenschaften darzustellen. Das Gericht muss klären: Kann es wirklich so gewesen sein?

Wer in den vergangenen zwei Jahren als Journalist dem Anwalt von Markus Braun Anfragen via Mail zuschickte, musste bisweilen mehrere Tage auf eine Antwort warten - falls sie jemals kam. In Rückmeldungen von Herrn Prof. Alfred Dierlamm stand, dass "vor dem Hintergrund des laufenden Verfahrens" keine Erklärung abgegeben wird, "weder schriftlich noch telefonisch". Danach folgte eine Aufforderung, bei der man rätseln durfte, ob sie freundlich oder drohend gemeint war: "Bitte beachten Sie im Rahmen Ihrer Berichterstattung, dass für Herrn Dr. Braun die Unschuldsvermutung gilt." Vorsorglich stand eine Medienanwältin im CC.

Vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages verweigerte der frühere Vorstandschef von Wirecard folgerichtig die Aussage. Dann tauchte der PR-Berater Dirk Metz auf, der als Sprecher Brauns fungierte, und gab im Mai 2021 der "Zeit" ein ausführliches Interview, weil er - so zitierten ihn die Fragesteller - für seinen Klienten "ein paar Sachen geraderücken" wollte. Da sich der Untersuchungshäftling in einer "sehr speziellen Situation" befinde, könne er sich "nicht selbst zu Wort melden und sich nicht selbst gegen Vorverurteilungen verteidigen. Ihm ist es aber wichtig, gelegentlich falschen Darstellungen entgegentreten zu können."

Das übernahm Metz, der etwa erklärte, dass sich der Beschuldigte keinesfalls "als ein blasser Technokrat" sehe, "der größenwahnsinnig wurde", und nicht zum Kronzeugen der Anklage tauge, weil dieser nichts von etwaigen Machenschaften mitbekommen habe. Für Braun stehe fest, "dass eine Tätergruppierung" über Briefkastengesellschaften und Offshore-Konten aus seinem Unternehmen "immense Geldbeträge herausgeschleust und veruntreut" habe. Der Gefängnisinsasse lege "entschieden Wert auf die Feststellung, dass er von diesen Schattenstrukturen und Veruntreuungen nichts gewusst" habe.

Verteidiger hält Anklage für konstruiert

Kurzum: In der Darstellung von Metz, der das Mandat im September niederlegte, ist Braun unschuldig. Das entspricht auch der Verteidigungsstrategie von Dierlamm. Der Anwalt nutzte im Laufe des Strafverfahrens dann doch noch die Medien, sich zum laufenden Verfahren zu äußern. Der Jura-Professor reichte nach eigenen Angaben am 16. März 2022 einen gut 300 Seiten langen Antrag beim Landgericht München ein, den Prozess nicht zu eröffnen. Dem "Handelsblatt" sagte er, sollten die Richter "den Verfahrensstoff objektiv", also "vor allem unbeeinflusst von öffentlichen Vorverurteilungen meines Mandanten" prüfen, was "bedauerlicherweise" bisher nicht geschehen sei, könne der Schluss nur lauten, dass die Anklage konstruiert sei.

Die Kammer sah es anders, folgte der Staatsanwaltschaft und ließ die Anklage zu. Alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen. Das Oberlandesgericht München hatte mehrere Haftbeschwerden Brauns zurückgewiesen, was heißt, dass es der Version des Beschuldigten vom unwissenden Opfer übler Intrigen nicht zuneigte, sondern Fluchtgefahr und einen Schuldspruch für möglich hielt. Zuletzt hatte es aber die Staatsanwaltschaft aufgefordert, die Ermittlungen zu beenden, sonst sei eine Fortsetzung der Untersuchungshaft nicht mehr vertretbar. Braun, der aus Österreich stammt, sitzt seit zweieinhalb Jahren ein. Um einen Verdächtigen so lange in U-Haft zu lassen, muss die Staatsanwaltschaft gute Gründe vorbringen.

Am Donnerstag beginnt der Prozess rund um den Jahrhundertbetrug. Wirecard, einst gefeiert als deutsche Antwort auf Amazon und Apple, fingierte Umsätze, erfand Drittpartnergeschäfte: Am Ende fehlten 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz. Bis heute ist unklar, ob das Geld in der Höhe je existierte und wohin es verschwand. Braun, einst gefeiert als deutsche Antwort auf Jeff Bezos und Steve Jobs, wird gewerbsmäßiger Bandenbetrug vorgeworfen. Er soll mit Komplizen Banken und andere Geldgeber, private wie professionelle, in Bezug auf die Finanzlage des einstigen DAX-Unternehmens getäuscht haben. Weitere Anklagepunkte lauten auf Marktmanipulation in 26 Fällen, Veruntreuung in sechs Fällen und Bilanzfälschung.

Kronzeuge B.

In ihrer Pressemitteilung zur ersten Anklageerhebung im Wirecard-Komplex "gegen Dr. Markus B. und zwei weitere Angeschuldigte" spricht die Staatsanwaltschaft von geschönten Zahlen in öffentlichen Mitteilungen und Bilanzabschlüssen mit dem Ziel, den Aktienkurs nach oben zu treiben und hoch zu halten. "Jedem Angeschuldigten war spätestens ab Ende 2015 klar, dass die Wirecard AG mit dem tatsächlichen, realen Geschäft nur Verluste erwirtschaftete, was letztlich in eine Insolvenz münden würde."

Nun muss die Anklagebehörde das Gericht davon überzeugen, dass Braun und die zwei Mitangeklagten aus dem ehemaligen Top-Management tatsächlich eine Bande gebildet und von den krummen Geschäften profitiert hatten. Entscheidend werden sicher die Aussagen eines der drei Beschuldigten sein, der als Kronzeuge auftritt. Oliver B. war im Juli 2020 - nach der Pleite des Konzerns - freiwillig aus den Vereinigten Arabischen Emiraten nach München gereist, um sich zu stellen. B. war Chef der "Fälscherwerkstatt", wie die Wirecard-Tochter in Dubai intern genannt worden sein soll. Nach eigenen Angaben agierte er in enger Abstimmung mit dem flüchtigen Ex-Vorstandsmitglied Jan Marsalek, der in Russland vermutet wird.

Braun müsste der Darstellung seiner Verteidigung zufolge von all den Vorgängen nichts mitbekommen haben. Ehemalige Kollegen hatten ihn - zum Teil auch als Zeugen vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages - als den starken Mann bei Wirecard beschrieben, der sich sieben Tage die Woche um alles, sogar um kleinste Details, selbst gekümmert habe. Seine Ex-Assistentin hatte, wie sie sagte, "nur komische Aufträge" wie die Organisation von Kindergeburtstagen und Opernbällen. Interne Anrufe für Braun habe sie manchmal angenommen. Die meisten Telefonate habe er mit seinem Handy geführt, Mails direkt erhalten.

Schilderungen wie diese könnten die Verteidigungsstrategie durchkreuzen. Ein akribischer Workaholic, der sich um den Inhalt von Statements auf Twitter kümmerte, aber keine Ahnung hatte, wie sein Konzern ausgenommen wurde? Jörn Leogrande, einst Mitarbeiter Brauns, nannte in seinem Buch "Bad Company" zwei Möglichkeiten zur Charakterisierung des ehemaligen Konzernchefs: Gangster oder Versager. "Entweder er gibt den dümmsten CEO aller Zeiten, nämlich jenen Manager, der nicht weiß, wo über 75 Prozent der Um­sätze seines Unternehmens wirklich herkommen. Oder er gesteht, dass er an einem bandenmäßigen Betrug beteiligt" (gewesen) sei, schrieb er. Braun habe sich entschieden: "für die erste Variante".

Quelle: ntv.de

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