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Dienstag, 30. Mai 2017

Profit mit Hunger und Gewalt: Goldman Sachs kauft Venezuela-Bonds

Von Hannes Vogel

Immer blutiger schlägt Venezuelas Präsident die Proteste seiner Landsleute nieder. Auf die US-Bank Goldman Sachs kann Nicolas Maduro sich dagegen verlassen: Die Bank wittert im drohenden Bürgerkrieg ein Riesengeschäft.

Das Vertrauen vieler Venezolaner hat Nicolas Maduro längst verloren. Hungeraufstände und Plünderungen erschüttern das Land, die medizinische Versorgung ist vielerorts zusammengebrochen, und bei Massenprotesten wurden bisher Dutzende Menschen erschossen. So groß ist die Wut auf Maduro und seine Regierung, dass die Venezolaner inzwischen sogar Büsten von "Comandante" Hugo Chavez zerstören, der sie einst für den "Sozialismus im 21. Jahrhundert" begeisterte.

Trotz Massenprotesten mit dutzenden Toten hat Goldman Sachs Anleihen gekauft, die Venezuelas Regierung am Laufen halten.
Trotz Massenprotesten mit dutzenden Toten hat Goldman Sachs Anleihen gekauft, die Venezuelas Regierung am Laufen halten.(Foto: REUTERS)

Doch auf eine Unterstützerin kann Maduro trotz Wirtschaftscrash weiterhin zählen: die Investmentbank Goldman Sachs. Wie das "Wall Street Journal" (WSJ) berichtet, hat das Geldhaus letzte Woche massiv Anleihen von Venezuelas staatlichem Ölkonzern PDVSA gekauft. Maduros sozialistische Regierung, die hinter den Aufständen einen US-geführten Putsch vermutet und im Kapitalismus den "Weg des Teufels" sieht, hat ausgerechnet in dem Wall-Street-Institut einen Retter in der Not gefunden. Denn Venezuelas drohender Bürgerkrieg ist für Goldman Sachs ein Riesengeschäft: Er macht die Anleihen des Landes spottbillig.

"Auf der falschen Seite der Geschichte"

Laut "WSJ" zahlte Goldman Sachs für die Bonds im Nennwert von 2,8 Milliarden Dollar, die 2022 auslaufen, gerade mal 865 Millionen Dollar. Insider sagten der Zeitung, die Bank wette darauf, dass ein Sturz der Maduro-Regierung den Kurs der Schrottanleihen verdoppeln könnte. Ein hochrangiger venezolanischer Finanzbeamter hat den Kauf bestätigt. Goldman verhandelte dabei nicht direkt mit der Maduro-Regierung, sondern kaufte die Papiere von einem Zwischenhändler.

Für Maduro ist das Geld von Goldman Sachs überlebenswichtig: Seine zunehmend autoritäre Regierung hat es geschafft, das Land trotz der größten Ölreserven der Welt kaputtzuwirtschaften. Der Ölkonzern PDVSA ist der Motor, der sie noch am Laufen hält; die einzige Firma, die überhaupt etwas produziert, was Venezuela gegen harte Devisen verkaufen kann. Nur dank der Öleinnahmen ist das Land noch nicht pleite. Goldman Sachs stützt mit dem Investment eine Regierung, die das Vertrauen der Bevölkerung verloren hat, längst überfällige Wahlen abgesagt hat und die Opposition nun mit einer neuen Verfassung noch weiter entmachten will.

"Goldman stellt sich mit diesem Geschäft auf die falsche Seite der Geschichte", sagte Angel Alvarado, ein Abgeordneter der Opposition, dem "WSJ". Der Deal sei "ein schwerer Reputationsfehler". "Nicht nur aus ethischer, sondern auch aus geschäftlicher Sicht ist der Kauf eine schlechte Entscheidung", sagte Alvarado: Nach dem Machtwechsel werde eine neue Regierung keine Geschäfte mit Goldman mehr machen.

Rettungsring von der Wall Street

Nicht nur die US-Bank, sondern auch viele andere Investoren handeln trotz der massiven Pleitegefahr und den ethischen Problemen weiter mit den Anleihen von Venezuela. Denn obwohl im Land die Malaria wieder grassiert, die Inflation galoppiert, Menschen wegen Medikamentenmangel in den Krankenhäusern sterben und die Wirtschaft seit 2013 insgesamt 27 Prozent geschrumpft ist, hat es alle Schulden pünktlich bedient.

Maduro kratzt mit aller Macht das letzte Geld zusammen. Statt in Lebensmittelimporte steckt er es lieber in den Schuldendienst. 4,6 Milliarden Dollar muss er bis Ende des Jahres noch aufbringen. Langfristig können nur höhere Ölpreise ihn retten. Doch die sind bislang nicht in Sicht.

Also bleibt Venezuela bislang nichts anderes übrig, als sich auf seine ärgsten Feinde einzulassen. Mal wieder. Denn schon 2014 hat Goldman Sachs dem Land geholfen, sein letztes Tafelsilber zu Geld zu machen. Damals kaufte die Bank der Regierung in Caracas milliardenschwere Ölschulden ab, die die Dominikanische Republik bei Venezuela hatte - mit einem satten Abschlag von über 50 Prozent, versteht sich.

Quelle: n-tv.de