Wirtschaft

Greift der Staat ein?Wenn es so weitergeht, bleiben die Gasspeicher leer 

26.03.2026, 18:40 Uhr Christina-LohnerVon Christina Lohner
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Einige Speicherbetreiber haben bereits Stilllegungen beantragt. (Foto: picture alliance/dpa)

Angesichts der hohen Erdgaspreise lohnt es sich nicht, die leeren Speicher wieder zu füllen. Energieministerin Reiche lehnt ein staatliches Eingreifen ab. Noch.

Energieministerin Katherina Reiche hat ein Problem: Um einen drohenden Gasmangel im nächsten Winter zu verhindern, müssten allmählich die nach dem kalten Winter stark geleerten Speicher wieder befüllt werden. Doch dafür gibt es für die Branche derzeit keinen Grund, im Gegenteil: Da Erdgas infolge des Iran-Kriegs zurzeit teurer ist als im Winter, lohnt es sich für die Speichernutzer nicht, jetzt Erdgas einzukaufen und einzuspeichern. Eine einfache Lösung sieht Gasmarktexperte Sebastian Gulbis nicht - "teuer wird es in jedem Fall", sagt der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Enervis im Gespräch mit ntv.de.

Die Situation ist von zahlreichen Unwägbarkeiten geprägt: Wie lange wird der Iran-Krieg dauern, wie viel Energieinfrastruktur in Nahost beschädigt oder zerstört, wie lange bleibt die Straße von Hormus für den Öl- und Flüssiggas-Transport geschlossen? "Die Branche sucht händeringend nach Marktsignalen", sagt Gulbis. Auch wenn viele Faktoren unsicher sind, geht der Branchenbeobachter in jedem Fall nicht davon aus, dass in den nächsten Wochen große Gasmengen eingespeichert werden, sondern nur die Mengen, die bergbaurechtlich vorgeschrieben sind.

Ministerin Reiche wartet erst einmal ab und setzt auf den Markt. Ein Grund für ihr Abwarten dürfte sein, dass Marktteilnehmer auf ein staatliches Eingreifen wetten und deshalb zusätzlich die Preise erhöhen. Nach Gulbis' Einschätzung ist diese Ursache für gestiegene Preise bisher jedoch nicht entscheidend. Der zentrale Grund für die starke Teuerung ist in seinen Augen der Iran-Krieg und die Aussicht, dass in der Folge auch die Sommerpreise hoch sein werden. Unabhängig von der weiteren Kriegsdauer bleibt der Preisdruck hoch. Maßgeblich dafür ist die Beschädigung der katarischen LNG-Exportinfrastruktur in Ras Laffan. Dadurch stehen rund 17 Prozent der katarischen Exportkapazitäten mittelfristig nicht zur Verfügung. Das verknappt das physische LNG-Angebot auf dem Weltmarkt und erhöht den Druck auf die Gaspreise.

Allein durch die Hormus-Blockade fehlt dem Markt derzeit ein Fünftel der weltweiten Flüssiggas-Mengen. Deutschland hat seine Gasversorgung wegen Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine neu aufgestellt, die Speicher spielen inzwischen nicht mehr allein die Hauptrolle. Denn Flüssiggas (LNG) kann bei niedrigen Wintertemperaturen kurzfristig eingekauft werden und eine gewisse Rolle in der strukturierten Bereitstellung von Wintermengen spielen. Direkt aus Nahost bezog Europa bisher nur vier Prozent seines Erdgasbedarfs. Doch zum einen steigt nun der Preisdruck massiv, weil infolge des Iran-Kriegs europäische Länder plötzlich verstärkt mit asiatischen Staaten - den Hauptabnehmern von LNG aus Nahost - um die verfügbaren Mengen konkurrieren. Zum anderen genügt die Strukturierung über LNG nicht allein, um den europäischen Gasbedarf im Winter zu decken, wie Gulbis erklärt.

Kommt die strategische Reserve?

Ums Einspeichern kommt Deutschland somit nicht herum. Die Rufe nach einem staatlichen Eingreifen nehmen zu, nicht nur aus der Branche selbst. Allerdings treiben auch staatliche Eingriffe den Preis, da dann die Nachfrage steigt. Reiche erwägt inzwischen eine strategische Gasreserve und lässt Gutachten erstellen. Bei einer solchen Reserve würde, ähnlich wie beim Öl, eine gewisse Menge in nationalen Gasspeichern vorgehalten, finanziert beispielsweise über eine Umlage oder Steuern. Beim Befüllen der Speicher sieht die Ministerin noch keinen Handlungsbedarf.

Gulbis befürwortet eine strategische Reserve, den Rest solle erst einmal der Markt lösen. "Ich hätte mir gewünscht, dass man aus der Erfahrung des Ukraine-Kriegs heraus schon früher die Frage nach einer strategischen Reserve stärker diskutiert hätte", sagt der Branchenkenner. Denn diese würde dem Markt gewisse Speicherkapazitäten entziehen. Für die verbleibenden Speicher würde das Einspeichern dadurch wieder attraktiver. Eine strategische Speicherreserve könnte zudem zu einem gewissen Teil die durch den Import von LNG entstandene Abhängigkeit von geopolitischen Ereignissen und dem Weltmarkt reduzieren.

Bereits vor dem Iran-Krieg lohnte sich angesichts wärmerer Winter das frühere Geschäftsmodell der Gasspeicher immer weniger. Gulbis zweifelt grundsätzlich am Speicher-Markt, da das System auf kalte Winter ausgelegt ist. Damit dieser Markt wieder funktioniert, bräuchte er neben den Temperaturen weitere Preissignale, beispielsweise große Industriekunden, die ihren Verbrauch reduzieren, um Flexibilität in angespannten Situationen bereitzustellen und damit einen Preis zu setzen.

Schon jetzt ziehen sich Speicherbetreiber aus dem Markt zurück, einige haben bei der Bundesnetzagentur Stilllegungen beantragt. Auch die derzeitigen Vorgaben für die Befüllung können leere Speicher nicht verhindern: Speichernutzern, die ihre gebuchten Kapazitäten nicht befüllen, werden diese entzogen. Dadurch verlieren sie zwar das dafür bereits gezahlte Geld. Doch würden sie die Kapazitäten mit Gas befüllen, das mehr kostet, als sie beim Ausspeichern dafür erhalten können, würden die Unternehmen noch mehr Verlust machen. In dem Fall lassen sie gebuchte Speicherkapazitäten lieber verfallen.

Privatkunden könnten Heizung wieder kalt lassen

Gulbis erwartet daher eine Art Zwangsbefüllung, Ministerin Reiche könnte ihre Zurückhaltung bald aufgeben. Auch wenn es teuer wird. Schließlich ist der deutsche Heizungskeller noch immer von Erdgas dominiert.

Falls sich Reiche für eine strategische Reserve entscheidet, wäre jetzt ein guter Moment, bereits die regulatorischen und operativen Voraussetzungen zu schaffen. Aktuell ist die Differenz zwischen den Sommer- und Winterpreisen wieder geringer. Der Aufbau einer Reserve wäre damit zwar nach wie vor teuer, aber zu günstigeren Konditionen möglich als zuletzt.

Wenn der Iran-Krieg so lange dauert, dass irgendwann auch die Winterpreise für Gas steigen, könnten diese die Sommerpreise wieder übersteigen. Das wäre auch für die Speichernutzer ein Grund, wieder einzuspeichern.

Derzeit sind die Speicher nur zu etwa 22 Prozent befüllt. Gulbis: "Wenn wir mit dem Stand in den nächsten Winter starten würden, gäbe es irgendwann nicht mehr nur ein Preis-, sondern auch ein Versorgungsproblem." Einen einfachen Lösungsansatz, der das Mengenproblem zumindest nachfrageseitig lindern würde, sieht der Marktexperte aber doch: "Den Verbrauch im Winter zu senken, ist immer ein gutes Mittel dafür." Wie bereits nach Beginn des Ukraine-Kriegs könnten im nächsten Winter somit auch Privathaushalte wieder die Heizung herunterdrehen.

Quelle: ntv.de

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