Wirtschaft

Viele offene Fragen Grexit entzweit Ökonomen

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Zuletzt fand in Griechenland 1974 ein Referendum statt.

(Foto: REUTERS)

"Wir haben nichts zu verlieren", ruft Ministerpräsident Tsipras seinen Anhängern zu. Das sehen auch internationale Ökonomen so. Doch was wäre die Griechenland-Frage, wenn es nicht auch Experten gäbe, die das genau anders sehen?

Kurz vor dem Referendum in Griechenland sind sich führende internationale Ökonomen uneins über die potenziellen Folgen eines Abschieds des Landes aus der Euro-Zone - sowohl was Griechenland selbst angeht, als auch was die Währungsunion betrifft. Einige glauben, dass angesichts der bestehenden Probleme eine Rückkehr des Landes in die Eigenständigkeit die bessere Option sein könnte, andere sehen auch dann noch viele Fragezeichen.

"Solange Griechenland in der Eurozone ist, wird es zu erheblichen Spannungen kommen. Politische Konflikte und wirtschaftliche Probleme sind programmiert", sagt etwa Kai Konrad, Direktor am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen. "Die griechische Wirtschaft würde sich viel besser entwickeln können, wenn das Land nicht im Euroraum ist." In den letzten Jahren hätten die Verhandlungen um Kredite und Transfers die Politik in Griechenland dominiert. "Nach dem Ausstieg könnte das Land sich wieder darauf konzentrieren, die Weichen für eine wirtschaftliche Gesundung zu stellen", so Konrad.

Für Clemens Fuest, Präsident des Mannheimer Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und designierter Nachfolger von Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, setzt die Mitgliedschaft im Euro voraus, dass ein Land grundlegende Spielregeln einhält. "Mit der aktuellen Regierung und den bestehenden institutionellen Defiziten ist Griechenland außerhalb der Eurozone besser aufgehoben. Wenn Institutionen und Politik sich ändern, kann das Land zurückkehren", sagt er.

Auch nach dem Austritt keine Genesung

Andere Ökonomen verweisen allerdings darauf, dass das Land derzeit vermutlich nicht einmal über die notwendigen Rahmenbedingungen verfügt, um nach einem Euro-Austritt tatsächlich genesen zu können. Damit steige die Gefahr von extremen wirtschaftlichen Verwerfungen. "Eine kluge und gleichzeitig starke Regierung könnte versuchen, den Abschied aus dem Euro dazu zu nutzen, um Griechenland wieder auf die Beine zu stellen", urteilt Peter Bofinger, Wirtschaftsprofessor in Würzburg und Mitglied des Sachverständigenrates.

"Wenn allerdings Athen der Versuchung nicht widerstehen kann, die Pensionen zu erhöhen und mehr Staatsbedienstete einzustellen, um die extrem hohe Arbeitslosigkeit und die wachsende Armut der Bevölkerung zu bekämpfen - dann ist das Risiko groß, dass der Austritt aus dem Euro in einer Hyperinflation endet."

Auch US-Währungsexperte Barry Eichengreen von der Universität Berkeley in Kalifornien sieht im Falle eines Grexit viele Fragezeichen. "Ein Abschied Griechenlands aus der Währungsunion würde das Land vor eine Zerreißprobe stellen und eine noch stärker schrumpfende Wirtschaft sowie Inflation auslösen", sagte er der "Welt am Sonntag". "Das Chaos würde noch für sehr lange Zeit, vermutlich über Jahre, bestehen."

Auch auf die Euro-Zone kämen nicht unerhebliche Risiken zu. "Ein Grexit würde den Zusammenhalt der Währungsunion schwächen und sie noch anfälliger für Krisen machen. Das nächste Mal, wenn ein Land einen wirtschaftlichen Schock erleidet, dürften Investoren deutlich schneller als bisher den Notausgang suchen.

Humanitäre Katastrophe als Szenario

Noch deutlicher wird Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und früherer EZB-Ökonom. Aus seiner Sicht würde der Grexit sogar zu einer noch tieferen humanitären Katastrophe führen. Und auch für Deutschland und Europa sei dies die schlechtestmögliche Option, da in diesem Fall noch weniger Kredite zurückgezahlt und damit noch höhere Kosten auf die deutschen Steuerzahler zukommen würden.

Fratzscher warnt daher davor, die Fehler der Lehman-Pleite vom September 2008 zu wiederholen und die Gefahr einer Ansteckung kleinzureden. "Wir alle - Griechen, Deutsche, alle Europäer - profitieren stark von der gemeinsamen Währung."

Der Münchner Finanzwissenschaftler Konrad sieht das anders und glaubt, dass ein Ausscheiden Griechenlands sogar zum Vorteil für die krisengeschüttelte Währungsunion werden könnte. "Der Verhandlungsmarathon hat das politische Klima in Europa vergiftet und bis an seine Grenzen belastet. Die permanenten Verteilungsauseinandersetzungen wären erst einmal zu Ende", sagt er. "Der Grexit wäre auch ein klares Signal für die verbleibenden Mitglieder: Wer darauf setzt, dass die Eurozone zu einer Transferunion wird, trägt am Ende die Konsequenzen."

Quelle: ntv.de, ppo/DJ

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