Wirtschaft

Tengelmann-Chef weiter vermisst Haub hat noch minimale Überlebenschance

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Zu dem von Haub geleiteten Familienimperium gehören auch der Textil-Discounter Kik und die Baumarktkette Obi.

(Foto: dpa)

Auch wenn die Rettungskräfte nicht aufgeben - die Chance, dass Tengelmann-Chef Haub vier Tage nach seinem Verschwinden am Klein Matterhorn noch lebend gefunden wird, sinkt mit jeder Stunde. Die Staatsanwaltschaft schließt auch ein Verbrechen nicht völlig aus.

Es ist nicht das erste Mal, als Karl-Erivan Haub am Samstagmorgen seinen Rucksack schultert und das Hotel in Zermatt in Richtung Matterhorn verlässt. Der Tengelmann-Chef ist begeisterter Berg-Mensch und großer Zermatt-Fan. Im Ort ist sein Gesicht längst kein unbekanntes mehr. Dieses Mal will er für die traditionelle Patrouille des Glaciers, eines der anspruchsvollsten Rennen im Skibergsteigen, trainieren, sich ein bisschen akklimatisieren. Abends ist er schon wieder mit der Familie in Zermatt verabredet. Er trägt nur leichte Kleidung, als er um 8.30 Uhr den Lift am Klein Matterhorn nimmt. Videokameras zeichnen den 58-Jährigen, der zu den reichsten Deutschen zählt, dort auf. Dann verliert sich seine Spur - bis heute.

Kein Handy, kein Kleidungsstück und keinen Fußabdruck konnten die zeitweise bis zu 60 Rettungskräfte seither finden. "Der Mann kann sich nach jetzigem Stand überall befinden", sagt Anjan Truffer, Chef der Rettungsstation Zermatt. Um 8.33 Uhr am Samstagmorgen wird Haubs Handy im Bereich des Trockenen Steg ausgeschaltet. "Entweder hat er es bewusst abgeschaltet, weil er seine Ruhe wollte, oder der Akku war leer", sagt Truffer. Seither: Stille.

Aufgeben wollen Rettungskräfte und Familie auch vier Tage nach Haubs Verschwinden nicht, obgleich die Chance, den Milliardär noch lebend zu finden, mit jeder Stunde sinkt. "Es besteht die akute Gefahr einer Unterkühlung", sagt der leitende Rettungsarzt Axel Mann. "Aber es besteht noch eine minimale Chance, dass er lebend gefunden wird." Ausschlaggebend ist demnach, wie schnell die Körpertemperatur fällt: Sinkt diese schnell, dauert es nicht lange bis zum Herzstillstand.

Die Überlebenschancen am Berg hängen laut Klemens Reindl, Bundesleiter der Bergwacht beim Deutschen Roten Kreuz, aber ganz vom Einzelfall ab: "Im Freien kann ein durchtrainierter Bergsportler – und dazu gehört Haub – im Biwak durchaus vier Tage überleben. Wenn er aber verletzt in einer Gletscherspalte oder unter einer Lawine liegt, ist es deutlich schwieriger." Und: Wenn Haub mit leichter Ausrüstung unterwegs war, hatte er dann überhaupt ein Biwak dabei?

Sämtliche technische Mittel eingesetzt

Fakt ist: An mangelndem Geld scheitert die Rettungsaktion nach dem Vermissten nicht. Haubs Familie, deren Imperium geschätzte 4,2 Milliarden Euro wert ist, hat für die Suche unbegrenzte Mittel zur Verfügung gestellt, sagen die Retter. Für die Rettungskräfte macht das Geld bei ihrer Arbeit dennoch keinen Unterschied - irgendwann müsse man entscheiden, ob eine weitere Suche noch einen Sinn macht, sagt Truffer.

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Haub kannte das Gebiet rund um das Matterhorn gut.

(Foto: dpa)

Denn es wurden bereits sämtliche technische Mittel eingesetzt, sagt der Chef der Rettungsstation: "Wir haben sofort Teams zusammengestellt, per Hubschrauber und am Boden." Helikopter mit Wärmebildkameras hätten dem einsetzenden Schneefall zum Trotz das Gebiet überflogen, Bodentrupps seien systematisch über verdächtigen Gletscherspalten abgeseilt und Ortungskarten bestellt worden. "Alle Orte, an denen jemand verschwinden könnte, haben wir erfolglos abgesucht", sagt Truffer - jedes Biwak, jede Hütte und jede Skispur auf dem Skigebiet.

Die richtige Ausrüstung rettet Leben

Was die Suche so schwierig macht: Das hochalpine Gebiet, in dem Haub verschwunden ist, ist mehr als 240 Quadratkilometer groß, zerklüftet und von Gletscherspalten durchzogen. Lawinenabgänge sind keine Seltenheit. Und es nicht einmal sicher, ob die Rettungskräfte nach einem Unfallopfer suchen - oder ob Haub gar einem Verbrechen zum Opfer fiel. "Derzeit kann nicht gesagt werden, ob eine Straftat oder aber ein tragisches Unglück vorliegt", sagt der Walliser Staatsanwalt Dominic Lehner. Deshalb werden umfangreiche Ermittlungen durchgeführt. 

Was auch immer hinter dem Verschwinden des Tengelmann-Chefs steckt - die Gefahr, in solch einem anspruchsvollen Gelände zu verunglücken, ist immer da. Reindl mahnt deshalb, nur mit der richtigen Ausrüstung im Gepäck zu solch einer Tour aufzubrechen. "Das beginnt mit der richtigen Kleidung, dem Verschüttetensuchgerät und einer Lawinensonde. Wichtig sind aber auch eine Schaufel, Kräfteriegel und andere Verpflegung und ein Biwak, in das man nachts schlüpfen kann."

Wichtig ist demnach auch, sich per GPS-Gerät oder Handy stets bewusst zu machen, wo man sich gerade befindet. "Wir erleben es immer wieder, dass Verletzte einen Notruf absetzen und nicht wissen, wo sie gerade sind." Neben der Orientierung per GPS setzt Reindl deshalb vor allem auf eine alte Regel, die immer mehr in Vergessenheit gerät: "Vor der Tour sollte man unbedingt Bescheid geben, wo man hingeht. Wenn ich dem Hüttenwirt sage, wohin ich aufbreche, kann man das Suchgebiet schon einmal eingrenzen."

Haub hat das nicht getan. Welchen Weg er vom Klein Matterhorn aus genommen hat, ist völlig unklar. Die Suche geht deshalb in einem weitläufigen, zerklüfteten Gelände weiter. Vielleicht retten sein gutes Equipment und seine Erfahrung dem Tengelmann-Chef am Ende das Leben, und es ist nicht die letzte Matterhorn-Tour, zu der er am Samstag aufgebrochen ist. Doch alle Beteiligten wissen: Die Chancen auf ein glückliches Ende schwinden mit jeder Stunde.

Quelle: ntv.de

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