WG-Abenteuer für 800 EuroIn diesen Städten wird selbst ein Zimmer unbezahlbar

Mehr als ein Viertel aller 25-Jährigen wohnt laut Mikrozensus noch zu Hause. Kein Wunder - wer das "Hotel Mama" für Ausbildung oder Studium verlässt, kämpft nicht nur mit dem Haushalt, sondern auch gegen teils schwindelerregende Wohnkosten.
Selbst ein bescheidenes WG-Zimmer kann für Auszubildende und Studenten zur existenziellen Herausforderung werden. Laut Statistischem Bundesamt hatte die Hälfte der Studierenden im vergangenen Jahr weniger als 930 Euro pro Monat zur Verfügung. In einzelnen Städten reicht das gerade einmal für die Unterkunft, zeigen Zahlen des Moses-Mendelssohn-Instituts für Immobilienforschung der gleichnamigen Stiftung und des Wohnungsportals WG-gesucht.
Deren gemeinsame Auswertung von mehr als 10.000 Angeboten zeigt: Ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft zu zweit oder zu dritt kostet 512 Euro monatlich - zumindest auf der Mitte der Preisspanne, dem Median: Die Hälfte der Angebote ist teurer, die andere Hälfte günstiger. Ein WG-Zimmer kostet damit fast vier Prozent mehr als zu Beginn des vergangenen Sommersemesters. "Mit einem Zuschlag für übrige Lebenshaltungskosten sind wir schnell jenseits der 1000 Euro, um überhaupt studieren oder eine Ausbildung anfangen zu können. Das ist nicht nur ein Problem der jungen Menschen, sondern auch für viele Eltern, die ihre Kinder unterstützen müssen", sagt Projektleiter Stefan Brauckmann im Gespräch mit ntv.de.
In den Metropolen, bekannt für horrende Wohnkosten, stabilisieren sich die Preise für WG-Zimmer immerhin auf einem hohen Niveau. So fällt der Anstieg in Millionenstädten wie Berlin mit gut zwei Prozent nur halb so stark aus wie im Bundesvergleich. Das Zimmer kostet dort allerdings bereits 650 Euro, in München sogar 800 Euro - und zwar im Median, die Hälfte der Angebote ist noch teurer.
Deutschlandweit beobachten die Forschenden, dass günstige WG-Zimmer immer schwerer zu finden sind: "Das untere Preissegment rückt deutlich dichter an den Median von 512 Euro und wird damit immer kleiner. Das günstige Wohnen zwischen 380 und 440 Euro verschwindet vermehrt aus Städten, die im vergangenen Semester in dem Bereich noch ein seriöses Angebot hatten", berichtet Brauckmann. Selbst innerhalb von Bundesländern wie Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen tun sich zudem regionale Kluften auf: Ein WG-Zimmer in Düsseldorf kostet im Mittel mit 630 Euro beispielsweise rund 40 Prozent mehr als in Bochum.
Der Staat berücksichtigt dieses Dilemma für Studierende und Auszubildende bislang nicht im BAföG-Satz. Die vorgesehene Pauschale für Wohnkosten liegt aktuell bei 380 Euro pro Monat. Das ist immerhin genug für eine Unterkunft in Bielefeld, mit etwas Glück reicht es auch für ein halbes Zimmer in München. Wer sich sein WG-Zimmer nicht auch noch teilen möchte, muss in den meisten Hochschulstädten draufzahlen.
Zum kommenden Wintersemester ist laut Koalitionsvertrag mit einer BAföG-Reform auch eine höhere Pauschale von 440 Euro geplant. Aktuell stockt die Umsetzung allerdings, wie das "Handelsblatt" berichtet: Die Union wolle die Finanzierung dem SPD-geführten Finanzministerium zuschieben. Die SPD hingegen besteht auf den Etat des Forschungsministeriums, geführt von der CSU. Denn die Mehrkosten würden sich allein in diesem Jahr nach Berechnungen des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik auf rund 67 Millionen Euro belaufen.
Damit wäre allerdings viel gewonnen, sagt Brauckmann. Zumindest für jene, die nicht von Elternunterstützung leben. "Dadurch würden mehr Städte auf einmal leistbar. Es wäre aber auch eine Überlegung wert, den Zuschuss an den Wohnkosten der jeweiligen Region zu bemessen."
Denn in ein paar Städten bedeutet die BAföG-Wohnkostenpauschale nur einen Zuschuss, während sie in anderen Orten mehr als die Wohnkosten deckt. Besonders günstig wohnen können junge Menschen in Ostdeutschland. So kostet das WG-Zimmer an Hochschulstandorten in Sachsen-Anhalt im Mittel 358 Euro, in Sachsen liegt es mit 372 Euro ebenfalls weit unter dem Bundes-Median von 512 Euro. "Für Städte wie Magdeburg ist das ein Marketingvorteil, um mehr Studierende anzulocken", sagt Brauckmann.
Trotzdem drängen junge Menschen in die Metropolen. Allein in München, Hamburg und Berlin leben dem Institut zufolge insgesamt rund 400.000 Studierende. Die Nachfrage nach Studienplätzen in den teuren Millionenstädten sei um ein Vielfaches höher als das Angebot, so Brauckmann. "Städte wie Berlin haben eine wahnsinnige Anziehungskraft. Das liegt einerseits daran, wie international sie sind, andererseits am Angebot der Studiengänge, den Exzellenz-Unis und Universitätskliniken."
Die Preisentwicklung spiegelt allerdings nicht nur den Markt für Studenten-Zimmer. "Das Zwei- bis Dreifache der Preise entspricht häufig den Wohnkosten von Familien in vergleichbar urbanen Wohnlagen", so Brauckmann.
Außerdem werde das Konzept Wohngemeinschaft zunehmend von weitaus älteren Berufstätigen geprägt, die sich die steigenden Preise leisten können, zumindest für ein WG-Zimmer. Deren Nachfrage treibe die Kosten zusätzlich in die Höhe. Daran dürfte sich so schnell nichts ändern.