Wirtschaft

Größter Sprung seit Jahrzehnten Inflation zwingt US-Notenbank zu radikalem Zinsschritt

Die US-Notenbank erhöht angesichts der hohen Inflation die Leitzinsen um 0,5 Prozentpunkte. Einen solchen Schritt hatte die Fed das letzte Mal vor mehr als 20 Jahren gemacht. Für die Notenbanker sind die getroffenen Beschlüsse ein Balanceakt.

Angesichts rasant steigender Preise hat die US-Notenbank Federal Reserve den Leitzins so stark angehoben wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Die Währungshüter um Fed-Chef Jerome Powell beschlossen einstimmig eine Erhöhung um einen halben Prozentpunkt auf die neue Spanne von 0,75 bis 1,00 Prozent. Experten hatten mit diesem aggressiven Schritt gerechnet, nachdem die Notenbank die Zinswende im März mit einer Erhöhung um einen Viertelprozentpunkt eingeleitet hatte. Für die kommenden Monate erwarten Experten eine Serie weiterer kräftiger Anhebungen. "Die Inflation ist viel zu hoch", sagte Zentralbankchef Powell vor Journalisten. "Wir handeln rasch, um sie wieder zu senken." Auch bei den nächsten Sitzungen des Zentralbankrats dürften daher wieder Erhöhungen um 0,5 Prozentpunkte anstehen, sagte er.

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Die Folgen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine, etwa mit Blick auf die Energie- und Lebensmittelmärkte, verstärkten den Inflationsdruck und dürften die Konjunktur belasten, erklärte die Fed. Auch die Corona-Lockdowns in China dürften für neue Probleme der globalen Lieferketten sorgen, was sich auf Inflation und Wachstum auswirken könnte. Der Zentralbankrat sei daher sehr auf die Inflationsrisiken fokussiert, hieß es weiter. Die Fed steht derzeit unter großem Druck, denn die Teuerungsrate ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die anhaltend hohe Inflation schmälert die Kaufkraft der Verbraucher. Im März etwa waren die Preise gegenüber dem Vorjahresmonat um 8,5 Prozent gestiegen - der höchste Stand seit über 40 Jahren.

Dadurch wird die Kaufkraft der Verbraucher geschmälert, womit eine gefährliche Lohn-Preisspirale in Gang kommen kann. Die Fed steht daher unter Zugzwang, die Zügel weiter kräftig anzuziehen. Bis Jahresende könnte der Leitzins Beobachtern zufolge bei oder knapp über 2 Prozent liegen. Auch will die Fed ihre infolge der Corona-Notprogramme auf rund neun Billionen US-Dollar angeschwollene Bilanz nun rasch abbauen. Ab Juni sollen pro Monat jeweils auslaufende Anlagen im Wert von insgesamt 47,5 Milliarden US-Dollar (45 Mrd Euro) nicht erneuert werden, wie die Zentralbank ankündigte. Bis September soll die monatliche Summe demnach auf 95 Milliarden Dollar ansteigen. Das wird den Märkten weitere Liquidität entziehen und Kredite verteuern.

Notenbankchef Powell hatte Ende April erklärt, das Ziel sei es, die Werkzeuge der Zentralbank so einzusetzen, dass sich Angebot und Nachfrage wieder anpassten und die Inflation zurückgehe. Die Konjunktur solle sich in einer Weise abkühlen, die nicht einer "Rezession" entspreche. Der Balanceakt werde nicht einfach sein, sagte er. "Es wird eine große Herausforderung sein. Wir werden unser Allerbestes geben, um das zu erreichen", versprach Powell.

Anleger reagieren erleichtert

Erhöhungen des Leitzinses verteuern Kredite und bremsen die Nachfrage. Das hilft dabei, die Inflationsrate zu senken, schwächt aber auch das Wirtschaftswachstum. Für die Notenbank ist es daher ein gefährlicher Balanceakt: Sie will die Zinsen so stark anheben, dass die Inflation ausgebremst wird - ohne dabei gleichzeitig Konjunktur und Arbeitsmarkt abzuwürgen.

Die Fed ist den Zielen der Preisstabilität und Vollbeschäftigung verpflichtet. Inzwischen brummt die US-Wirtschaft wieder, die Arbeitslosenquote war zuletzt auf niedrige 3,6 Prozent gefallen. Angesichts der hohen Teuerungsrate hatte die Fed im März den milliardenschweren Ankauf von Wertpapieren eingestellt und ihren Leitzins erstmals seit der Corona-Krise um 0,25 Prozentpunkte angehoben. Eine Erhöhung um 0,5 Prozentpunkte hatte es zuletzt vor 22 Jahren gegeben. Im Mai 2000 war der Zinssatz auf 6,5 Prozent gestiegen - kurz vor dem Platzen der Internet-Blase, deren Folgen ab 2001 zu einer Reihe von Absenkungen des Leitzinses führten.

Aktienanleger reagierten unmittelbar nach Verkündung der heutigen Zinserhöhung erleichtert. Die Leitindizes Dow Jones, Nasdaq und S&P 500 legten um jeweils mehr als ein halbes Prozent zu. Auch mit Staatsanleihen deckten sich Investoren ein. Dies drückt die Rendite der zehnjährigen T-Bonds auf 2,9773 von 2,9891 Prozent. Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, gab dagegen nach und verlor unmittelbar nach Bekanntgabe 0,2 Prozent auf 103,21 Punkte. Dass die Fed den Schlüsselsatz um einen halben Prozentpunkt anhob, sei beruhigend, da einige Investoren eine Anhebung um 0,75 Prozentpunkte befürchtet hatten, sagte Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses AvaTrade.

Quelle: ntv.de, fzö/rts/dpa

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