Wirtschaft

Kurse steigen und steigen Jetzt noch bei Börsenparty mitfeiern?

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An der Börse geht es derzeit aufwärts.

(Foto: picture alliance / dpa)

Viele Privatanleger aber auch Profi-Investoren reiben sich derzeit verwundert die Augen. An der Börse steigen die Kurse als gäbe es keine Corona-Pandemie. Der Dax hat seit seinem Virus-Tief rund 50 Prozent zugelegt - und klettert munter weiter. 

Kaum zu glauben: An der Frankfurter Börse klettern die Kurse immer weiter. Im Vergleich zum Beginn des Jahres steht der Leitindex Dax nur rund sieben Prozent im Minus. Corona-Pandemie – war da was? Noch vor weniger als drei Monaten war der deutsche Aktienmarkt wegen der wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Ausbreitung knapp 40 Prozent unter Wasser gerauscht. Kursziele von 6000 oder 7000 Punkten wurden aufgrund des weltweiten Corona-Lockdowns herumgereicht. Nun geht es Richtung 13.000.

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Kopfschmerzen dürften derzeit nicht nur Kleinanleger haben, die im Frühjahr zu ängstlich waren, sondern auch zahlreiche institutionelle Investoren. Auswertungen einer globalen Umfrage unter Fondsmanagen zeigen, dass kaum ein Stratege eine solche Erholung erwartet hat - und ihre Depots meist einen viel zu geringen Aktienanteil aufweisen. Zur Einordnung: Die Cashquote in den Fonds sank zuletzt nur marginal auf 5,7 Prozent und liegt weiterhin deutlich über dem zehnjährigen Durchschnitt von 4,7 Prozent.

"Grund für die Zurückhaltung ist vor allem die Sorge vor einer zweiten Coronavirus-Welle und ihren wirtschaftlichen Folgen", meint Gil Shapira, Chefstratege beim Broker Etoro. "Diese könnte nach Meinung mancher Wissenschaftler noch heftiger ausfallen als die erste Coronavirus-Pandemie." Auch eine anhaltend hohe Arbeitslosigkeit und somit geringe Konsumneigung werden als Belastungsfaktoren genannt. In der Konsequenz dominiert daher Skepsis: Nur rund ein Viertel der weltweiten Fondsmanager bewertet die aktuelle Erholung als neuen Bullenmarkt, also als einen Markt mit über einen längeren Zeitraum steigenden Kursen. Knapp 70 Prozent von ihnen erwartet dagegen eine Bärenmarktrally mit anschließender Korrektur.

Fomo und Tina im Fokus

Fest steht: Mit der aktuellen Rally geraten die Profis immer stärker in Zugzwang und werden angesichts der rasanten Entwicklung in den Aktienmarkt gezwungen, um den Anschluss nicht zu verlieren. "Fomo" heißt das im Börsensprech, das steht für "fear of missing out". In der Konsequenz bedeutet dies, dass jeder noch so kleine Rückschlag zum Kauf von Aktien genutzt wird und die Aufwärtsbewegung sich damit selbst verstärkt.

Außerdem müssen sich derzeit zahlreiche Leerverkäufer mit Aktien eindecken, um Schadenbegrenzung zu betreiben - und pushen die Kurse damit ebenfalls nach oben. Der Hintergrund: Mit Leerverkäufen wetten Anleger auf einen Kursverfall einer Aktie. Dabei leihen sie sich Wertpapiere gegen eine Gebühr und verkaufen sie dann. Sinkt der Preis bis zum vereinbarten Rückgabe-Datum, können sie sich billiger mit den Titeln eindecken und streichen die Differenz ein. Das ist allerdings nicht ohne Risiko: Steigt der Aktienkurs, geht die Wette schief.

Angetrieben wird der Effekt auch durch den Mangel an Alternativen. Auch dafür gibt es eine Bezeichnung. Sie lautet "Tina", das steht für „there is no alternative“. In Europa und den USA sind die Zinsen sehr niedrig - und das wird sich wohl nicht so schnell ändern. Anleiheninvestments oder Zinspapiere sind daher im Vergleich zu Aktien unattraktiv.

Realwirtschaftliche Entwicklungen und Perspektiven scheinen an der Börse kaum noch eine Rolle zu spielen. Doch die hohe Bewertung der Aktien mahnt zur Vorsicht. Während die Kurse kräftig gestiegen sind, haben Analysten die Gewinnschätzungen kräftig nach unten korrigiert. Die Folge: Viel beachtete Kennzahlen wie das Kurs-Buchwert-Verhältnis liegt mit einem Faktor von 20 auf dem höchsten Niveau seit der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende. Was damals folgte, haben viele Anleger noch in schmerzlicher Erinnerung. Angetrieben wird die laufende Rally zudem von Branchen, die ohnehin schon hoch bewertet waren. Wachstumswerte sind gefragt, defensive Titel mit Substanz trotz den sehr unsicheren Perspektiven werden gemieden.

Notenbanken treiben Aktienmärkte an

Verzerrt wird der Markt vor allem durch die Notenbanken. Die Börsenweisheit "Never fight the Fed" ist aktueller denn je. Die beispiellose Liquiditätsflut der Notenbanken und der Regierungen befeuert die Aktienmärkte - auch neue Rekorde sind schon bald möglich. Je stärker das Pendel nun aber auf der Oberseite übertreibt, desto größer werden die Risiken.

Daher bietet sich im aktuellen Umfeld ein defensiver Einstieg an, etwa über sogenannte Discountzertifikate. Drei defensive Papiere auf den Dax und die derzeit begehrtesten Dax-Aktien Wirecard und Daimler sind: VE3E8P (Vontobel), MC6627 (Morgan Stanley) und DF1KCN (DZ Bank). Die Laufzeit für alle Papiere endet im September 2020, und sie erzielen auch dann noch die maximal mögliche Rendite, wenn der Aktienkurs oder der Dax um rund fünf Prozent fällt. Sie liegt bei 28 Prozent (Wirecard), 11 Prozent (Daimler) und 4,5 Prozent (Dax).

Die ausgewählten Papiere bieten außerdem einen Puffer gegen fallende Kurse. Das ist bei Discountzertifikaten der Rabatt zum aktuellen Aktienkurs, mit dem Anleger im Dax oder in die jeweilige Aktie einsteigen. Durch den gewährten Rabatt ist das Kursrisiko immer geringer als bei einem direkten Aktienkauf. Dafür sind seine Gewinnchancen nach oben durch eine Obergrenze, dem sogenannten Cap, begrenzt. Ein Umstand, den Anleger aktuell aushalten können, sollte es in den traditionell volatilen Sommermonaten mal wieder zu Hitzegewittern kommen.

Dieser Beitrag stellt keinerlei Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Anlageprodukten wie Zertifikaten auf den Dax oder einzelne Aktien dar. Für die Richtigkeit der Daten wird keine Haftung übernommen.

Benjamin Feingold betreibt das Börsenportal Feingold Research. Es bietet täglich einen Börsenbrief an, den Sie für 14 Tage kostenfrei testen können. Melden Sie sich unter info@feingold-research.com an.

Quelle: ntv.de