Wirtschaft

Krise als mörderische InspirationKrimiautor Markaris seziert Griechenland

22.05.2015, 18:31 Uhr
imageVon Diana Dittmer
Tsipras
Syriza ist nicht nach Markaris' Geschmack. Aber die größere Gefahr ist für ihn die "Goldene Morgenröte" (Foto: REUTERS)

Morde vor der Kulisse der griechischen Krise. Dazu ein schrulliger Kommissar, der umso härter arbeitet, je weniger der Staat ihm zahlt. Erfolgsautor Petros Markaris liefert tiefe Einblicke in die griechische Gesellschaft - ein Prophet ist er deshalb nicht.

Nichts liegt näher, als Petros Markaris, den Erfinder und Autor der Kostas-Charitos-Krimis, auf das griechische Finanzchaos anzusprechen. Seine Bücher sind nicht nur Kriminalromane, sondern detaillierte Beschreibungen der griechischen Gesellschaft in der Krise. Korruption, Vetternwirtschaft, soziale Notstände und dazu die Macht der Familie. Das ganze Spektrum.

Markaris
Petros Markaris - der Grieche, dem das Lachen definitiv nicht vergangen ist. (Foto: picture alliance / dpa)

Trotzdem ärgert es Markaris, ständig als "Krisenexperte" bemüht zu werden. Deutschland ist ein besonders schlimmes Pflaster: "Es ist mir unheimlich. Immer wenn ich nach Deutschland komme, muss ich den Propheten spielen", schimpft er bei seiner Buchpräsentation in Berlin. Immer wenn er sich in Athen zum Schreiben hinsetze, klingle das Telefon. Immer wolle irgendein Journalist wissen, wie es weitergehe. So könne er nicht arbeiten. Die Lacher sind auf seiner Seite. Markaris ist nicht nur Schriftsteller, Übersetzer, Krimi- und Drehbuchautor. Er ist auch ein begnadeter Entertainer. Der Humor ist ihm in der Krise nicht abhanden gekommen. Mit "Zurück auf Start" hat der 78-Jährige, der studierter Volkswirt ist, jetzt den neunten Fall von Kostas Charitos vorgelegt. Es ist gleichzeitig der vierte Band seiner ursprünglich nur als Trilogie angelegten Krisen-Serie.

Im Mittelpunkt stehen wieder der Athener Kommissar Kostas Charitos und seine Familie. Figuren, die sich Markaris vor 20 Jahren in einer schöpferischen Flaute als Drehbuchautor fürs Fernsehen gegen seinen Willen aufgedrängt haben, wie er erzählt. Eigentlich habe er nichts mit ihnen zu tun haben wollen. Aber daraus entwickelte sich eine Beziehung, die einige griechische Regierungen überdauert hat.

Die Geschichte dreht sich um eine Mordserie, für die eine unbekannte Gruppe mit dem Namen "Griechen der fünfziger Jahre" Bekennerschreiben hinterlässt. Die Morde scheinen nur durch diese Schreiben miteinander verbunden zu sein. Wer verbirgt sich hinter der Bezeichnung "Griechen der fünfziger Jahre"? Klar scheint, dass die Taten einen politischen Hintergrund haben müssen. Denn die Schreiben enden stets mit der gleichen Forderung: "Kehrt um und geht zurück auf Start!" Was sich entfaltet, ist die Geschichte einer Gesellschaft, die viele Umbrüche erlebt, aber keinen davon verarbeitet hat.

Die fatale Spaltung der Gesellschaft

Wie in den drei Krisen-Romanen zuvor geht es auch in "Zurück auf Start" um historisch begründete Selbstjustiz. Es ist eine Abrechnung mit der alltäglichen Korruption und der Ungerechtigkeit. Der Hass der Mörder richtet sich konkret gegen das mafiöse Bildungssystem, das die Kinder Reicher bevorzugt. Und im Allgemeinen gegen Zustände, die weit von dem entfernt sind, was die Bürgerkriegsgeneration sich einst für ihre Nachfahren gewünscht hat.

Die Täter sind Menschen, die "sich an anständige Griechen erinnern", sagt Markaris. "Sie glauben, dass sie damals trotz Armut, trotz Schwierigkeiten vieles richtig gemacht haben." Denn "sie haben unter viel schwierigeren Umständen gelebt als die heutigen Griechen". Heute kümmere sich jeder nur noch um seine eigenen Angelegenheiten und versuche, irgendwie durch die allgegenwärtige Krise zu kommen.

Der in Istanbul geborene Sohn einer Griechin und eines Armeniers, der in Wien studierte, beschreibt eine zutiefst gespaltene Gesellschaft. Ein Volk, das den Bürgerkrieg nie verarbeitet hat, wie er sagt. Es habe "nie eine vernünftige Diskussion" über diese Zeit gegeben. Tatsache ist, kaum eine Nation war so fremdbestimmt und hat so viele Schuldenkrisen hinter sich wie die griechische. Und kein Land hat sich selbst so zerfressen: Der Bürgerkrieg von 1946 bis 1949 hinterließ einen tiefen Riss zwischen Linken und Rechten. Nach Markaris' Überzeugung hat die Finanzkrise diesen wieder bloßgelegt. Die Linken sind mittlerweile mit Syriza an der Macht.

"Zurück in die Armut - ohne Werte"

Neben dieser tiefen politischen Zerrissenheit beschreibt Markaris einen zweiten Bruch in der Gesellschaft. Er unterscheidet das Griechenland vor dem Jahr, in dem das Land der EU beigetreten ist, mit dem nach 1981. Griechenland habe sich danach verändert, sagt er. "Wir Griechen hatten zwar immer eine Kultur der Armut, mit der wir gut umgehen konnten - aber wir haben es nie gelernt, mit einer Kultur von Reichtum und Luxus umzugehen." Durch den Strukturfonds floss viel Geld ins Land - nach Angaben der EU-Kommission rund 52 Milliarden Euro zwischen 1981 und 2006. Nur, "die Griechen wussten nicht, dass auch Reichtum eine Kultur hatte", führt Markaris aus. Als die Krise ausbrach, "gingen die Griechen zurück in die Armut - aber ohne Werte".

Die Strategie der Griechen, mit all dem fertig zu werden, ist die Familie. "Die Menschen überleben nur dank der Familie", sagt Markaris. Mehr Familiensinn als Kostas Charitos in Markaris' jüngstem Buch hat nur dessen resolute Frau Adriani. Sie nimmt alle unter ihre Fittiche: Die gemeinsame Tochter namens Katerina, die sich als Anwältin von Asylbewerbern engagiert und die von Neonazis der "Goldenen Morgenröte" zusammengeschlagen wird. Deren Mann Fanis Ousounidis, der als Kardiologe im Krankenhaus arbeitet, sowie Mania eine Freundin und Mitarbeiterin Katerinas, die von Beruf Psychologin ist. Hinzu kommt noch deren deutscher Freund Uli. Am Ende kümmert sich Adriani auch noch um Fanis Eltern. Ständiges Thema ist dabei, wie sie die nimmersatten Mäuler Tag für Tag stopfen kann. Das Ergebnis ist ein Leitfaden für billiges Kochen.

Griechische Überlebensstrategie

Überhaupt ist Geld sparen ein großes Thema im Roman. Markaris schildert ausgiebig, wie erfinderisch Menschen in der Not werden. Wie alle Durchschnittsfamilien im Land ist auch Charitos' Familie von den Auswirkungen der Finanzkrise im Alltag stark betroffen. Der Kommissar nimmt den Bus und nicht den Privatwagen, um Geld zu sparen. Der Schwiegervater seiner Tochter muss das Geschäft aufgeben, weil er die Steuern nicht mehr zahlen kann. Die Familie findet vorübergehend Unterschlupf bei den Verwandten in Athen. Alle leiden unter den Verhältnissen und der schlechten Stimmung im Land.

Die Lage ist frustrierend. Ob es Hoffnung gibt, bleibt wieder offen. "Woher soll ich das wissen? Ich bin kein Prophet", kontert Markaris die entsprechende Frage. Was 100 Jahre gedauert habe, sei in zehn Jahren nicht zu ändern. Griechen seien anders als zum Beispiel Spanier, die seien selbstkritisch. Griechen suchten erstmal immer die Schuld bei Anderen. Markaris hat Syriza nicht gewählt, aber er plädiert dringend dazu, der Partei eine Chance zu geben. Wenn Syriza scheitere, bleibe nur die "Goldene Morgenröte". Wie diese die Polizei unterwandert, erfährt man auch in "Zurück auf Start".

Wen die Sicht eines Griechen mit kosmopolitischem Hintergrund interessiert, der kann sich bei Markaris viele Anregungen zur Einordnung des griechischen Dilemmas holen. Wer aber absolute Wahrheiten sucht, der ist bei ihm an der falschen Adresse. "Wie, sie mögen meine Bücher nicht und lesen sie trotzdem? Dann sind sie ein Fall für den Psychiater." Es gebe genug anderes zu lesen. Kritik kann er gut wegstecken, aber die griechische Krise lässt ihn nicht los. Im Kopf hat er schon den Stoff für den nächsten Fall von Kostas Charitos. Er muss ihn nur noch aufschreiben. Wenn das Telefon nicht klingelt.

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Quelle: ntv.de

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