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"Einfach nur blamabel" Misslingt der Sprung in die Gigabit-Ära?

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Der Breitbandausbau gehöre auf die Agenda, fordert das Fraunhofer Institut für Innovationsforschung.

(Foto: picture alliance / Daniel Reinha)

In Deutschland sind Daten im Internet vergleichsweise langsam unterwegs. Das muss sich dringend ändern. Doch der Netzausbau kommt nur langsam voran.

Fahrzeuge, die dank Kameras, Antennen und zahlreicher Sensoren allein fahren können, gehören zu den großen Zukunftsvisionen deutscher Autobauer. Ob das autonome Fahren letztlich aber unfallfrei und zuverlässig über die Bühne geht, hängt neben den Autos vor allem von den Echtzeitdaten ab, mit denen die Fahrzeuge permanent und ohne Unterbrechung beliefert werden müssen.

Genau dafür sind superschnelle Datenverbindungen nötig, die es bisher in Deutschland kaum gibt. Zum einen muss dafür die nächste Generation an Funknetzwerken (5G) marktreif sein - und das ist wohl erst 2020 der Fall. Zum anderen ist ein flächendeckendes Gigabit-Glasfasernetz erforderlich.

Während ersteres in den meisten Ländern noch Zukunftsmusik ist, hinkt Deutschland beim Ausbau der schnellen Datenautobahnen weltweit massiv hinterher. Bisher stehen laut einer Erhebung der Bertelsmann-Stiftung erst sieben Prozent der gut 40 Millionen deutschen Haushalte schnelle Glasfaserverbindungen zur Verfügung. Zum Vergleich: In Estland sind es 73 Prozent, in Spanien 53 Prozent. In der Rangliste der OECD-Länder kommt Deutschland auf Platz 28 von 32.

"Diese Zahlen sind für Deutschland einfach nur blamabel", sagt Technologie-Experte Bernd Beckert vom Fraunhofer Institut für Innovationsforschung. Der Breitbandausbau gehöre auf die Agenda. "Ein Staat sollte dafür sorgen, dass die Infrastruktur eher zur Verfügung steht als der Bedarf. Die Infrastruktur regt Innovationen an, wodurch eine neue Wertschöpfung entstehen kann", sagt auch Breitbandexperte Andreas Windolph vom TÜV Rheinland.

Sonderfall Vectoring

Im Gegensatz zu anderen Ländern setzt die Deutsche Telekom nicht ausschließlich auf Glasfaser, sondern auf eine Kombination, um das bestehende Kupfernetz weiterhin nutzen zu können. Dabei kommt auf den letzten Metern das sogenannte Vectoring (maximal 100 Mbit/Sekunde) zum Einsatz, bei dem herkömmliche Kupferleitungen für höhere Geschwindigkeiten nachgerüstet werden. Die Technologie unterdrückt Störsignale zwischen den Kupferdrähten, doch funktioniert sie nur, wenn andere Breitbandanbieter das Feld räumen.

Dies sorgt seit jeher für Stress mit Vodafone und United Internet. Auch die Industrie ist skeptisch, dass hier weiterhin ein Verfahren propagiert wird, dass für Firmen bereits jetzt nicht mehr ausreicht. "50 Megabit in der Sekunde genügen vielen Privatpersonen noch, nur eben nicht Unternehmen", sagt Digitalisierungsexperte Clemens Otte vom Industrieverband BDI.

Marktführer Telekom wehrt sich gegen Kritik und setzt nun verstärkt auf den Ausbau in Gewerbegebieten. "Wir investieren pro Jahr fünf Milliarden Euro in Deutschland. 75 Prozent der Kabeltiefbaukapazitäten arbeiten aktuell nur für die Telekom. Wir stemmen also schon sehr viel", sagt Claudia Nemat, die im Telekom-Vorstand das Ressort Technologie und Innovation verantwortet. Die deutschen Verbraucher hätten durch das Vectoring keine Nachteile: "Ein durchschnittlicher Privathaushalt benötigt heute noch keine Glasfaser."

Von Gigabit-Geschwindigkeiten sind die meisten Kunden allerdings meilenweit entfernt. Laut einer Erhebung des Infrastrukturbetreibers Akamai kommt die Bundesrepublik weltweit auf Platz 25 mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 15,3 Megabit in der Sekunde - weit hinter Rumänien und Lettland und weitab vom Ziel der Bundesregierung, dass ab dem Jahr 2018 jeder Haushalt einen Anschluss mit mindestens 50 Megabit in der Sekunde hat.

"Dadurch kann unsere Volkswirtschaft ins Hintertreffen geraten", warnt BDI-Mann Otte. Viele neue Geschäftsmodelle ließen sich ohne leistungsfähige Internetanschlüsse nicht realisieren. Mit den rasant wachsenden Datenmengen und der sprunghaft steigenden Anzahl von Maschinen und Smartphones, die beim Internet der Dinge vernetzt werden, steigen die Anforderungen ans Datennetz kontinuierlich.

Industrie fordert stärkeren Wettbewerb

Schnelles Internet wird immer mehr Grundvoraussetzung für wirtschaftlichen Fortschritt. "Im gewerblichen Bereich steigt die Nachfrage nach mehr Bandbreite sehr stark an, weil immer mehr Firmen ihre komplette IT und Serverinfrastruktur auslagern und deswegen schnelle Anbindungen benötigen", sagt Otte und schlägt vor, in Deutschland auch das oberirdische Verlegen von Kabeln zu erleichtern. In Südkorea, das als besonders fortschrittlich gilt, sei dies gang und gäbe. Zugleich richtet Otte den Blick auf eine investitionsfreundliche Regulierung des Infrastrukturzugangs: "Im Allgemeinen ist das der größte Hebel."

Derzeit muss beispielsweise die Telekom, sobald die Leitungen liegen, ihre regulierten Preise auch Firmen anbieten, die nicht selber bauen wollen. "Wenn wir bei Glasfaser überhaupt keine Regulierung hätten, wäre der Investitionsanreiz deutlich höher", sagt Telekom-Vorstand Nemat.

Insgesamt misst das Glasfasernetz der Telekom inzwischen 455.000 Kilometer. Um eine bundesweite Abdeckung zu erreichen, beziffern Experten die Kosten auf bis zu 80 Milliarden Euro. Ein Teil dieser Summe soll aus der 5G-Frequenzauktion im nächsten Jahr kommen.

Nemat warnt vorsorglich vor Preistreiberei: "Je mehr Geld wir für Frequenzen ausgeben, desto weniger können wir in den weiteren Ausbau inklusive 5G investieren." Deutschland habe gegenüber China, Korea und den USA die erste Halbzeit der Digitalisierung im Privatkundensegment verloren. Bei 5G habe man noch "eine Super-Chance", vorn dabei zu sein.

Quelle: Nadine Schimroszik, rts

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