Wirtschaft

Geldwäsche-Verdacht bei Wirecard Mit "Fucking hell" wurde der Ganove gefeiert

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Wirecard war im Juni 2020 nach der Aufdeckung eines 1,9 Milliarden Euro großen Lochs in der Bilanz in die Pleite gerutscht.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Ein Deutscher muss in den USA wegen bandenmäßigem Bankenbetrugs ins Gefängnis. Er half dabei, über fingierte Online-Shops leichte Drogen zu verkaufen. Mitgemischt hat offenbar der weltweit gesuchte Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek. Wurde auch schmutziges Geld gesäubert?

Nach kurzem Plausch über das persönliche Befinden ging es sofort ums Geschäft. "Ich habe immer noch einige große Kunden, die ständig nach neuen Lösungen suchen", sagte "CS", was in dem Wortprotokoll des heimlich mitgeschnittenen Telefonats für "Confidential Source" ("vertrauliche Quelle") steht. Demnach drehte sich das Gespräch der Niederschrift zufolge, die ntv.de vorliegt, auch um Enthüllungen der britischen "Financial Times" (FT) über die Machenschaften bei Wirecard und das Zutun des Österreichers Jan Marsalek, der weltweit als Strippenzieher des gigantischen Bilanzskandals gesucht wird.

CS, ein Amerikaner, wollte wissen, wie es um Wirecard stehe. Sein Gesprächspartner in Europa, der Deutsche Ruben Weigand, hatte keine Ahnung, dass US-Ermittler an seinem Gegenüber dran waren, und redete frei von Misstrauen. Er bewertete die Lage als "ziemlich gut", da sich der Aktienkurs gerade erhole. "Die FT hat erreicht, was sie wollte. Ich denke, sie hat ihr Pulver verschossen." Nach einem Bericht der Zeitung hatte die deutsche Finanzaufsicht Bafin im Frühjahr 2019 für zwei Monate Wetten auf fallende Kurse des Unternehmens verboten. Die Behörde hatte - ebenso wie die Staatsanwaltschaft München - der von Wirecard gestreuten Mär geglaubt, Journalisten von "FT" und Bloomberg hätten mit Londoner Aktienhändlern einen Pakt gegen den damaligen Dax-Konzern geschlossen.

Das Gespräch zwischen dem Amerikaner und Weigand muss in jener Zeit geführt worden sein. Es liefert ein weiteres Indiz dafür, wie sehr die Bafin Marsalek aus der Hand fraß. CS wollte wissen: "Und Jan hat den Sturm überstanden?" Weigand antwortete, ohne den Österreicher beim Namen zu nennen, dass alles seinen Gang gehe. "Sie mussten sich reinhängen, um die - wie heißt das gleich? - Leerverkäufe ihrer Aktien…" CS warf ein "genau" ein, bevor der Deutsche fortfuhr: "Sie haben die Bafin dazu gebracht, Untersuchungen gegen Leute einzuleiten." Offenkundig schwer beeindruckt, erklärte CS: "Fucking hell!"

Tatsächlich erstattete die Bafin damals Strafanzeige gegen den "FT"-Reporter Dan McCrum. Die Staatsanwaltschaft München ermittelte gut ein Jahr gegen ihn, bevor das Verfahren eingestellt wurde. Das Wettverbot gegen Wirecard zeigte Wirkung: Es signalisierte Anlegern, dass die "FT" falsch gelegen habe. Weigand fand: "Es ist irre." CS stimmte zu und erklärte mit Blick auf das Wirecard-Management: "Sie sind ein bisschen kugelsicher, oder? Das ist völlig verrückt." Der Deutsche bejahte: "Es ist beeindruckend."

Dubioser Handel

Das Protokoll gehört zu den Beweismitteln der Ermittler eines New Yorker Prozesses gegen Weigand und den US-Bürger Hamid Ray Akhavan, in dem die "geheime Quelle" der Ermittler als Kronzeuge auftrat. Beide Angeklagte wurden Ende März wegen bandenmäßigen Bankenbetrugs verurteilt. Das Strafmaß wird am 25. Juni verkündet. Sie hatten laut einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft "ein komplexes System entwickelt", um Drogengeschäfte zu verschleiern. Sie verkauften Marihuana-Produkte wie Haschisch-Kekse oder fertige Joints für mehr als 150 Millionen US-Dollar und wickelten die Deals über amerikanische Banken und Kreditkartenbetreiber ab. Der Trick dabei: Die Ware deklarierten sie laut Anklage als "Hundeprodukte, Tauchausrüstung, kohlensäurehaltige Getränke, grünen Tee und Gesichtscremes".

Einer der Zahlungsdienstleister, die in den dubiosen Handel verwickelt waren, war Wirecard. Akhavan wird eine tiefe Freundschaft zu Marsalek nachgesagt. Ein anderer Wirecard-Manager setzte sich dafür ein, dass Weigand nach seiner Festnahme auf dem Flughafen Los Angeles im März 2020 auf Kaution aus dem Gefängnis kommt. Nach Hinterlegung von fast 3,5 Millionen Dollar darf er sich - elektronisch überwacht - in seiner New Yorker Mietwohnung aufhalten. Akhavan und der 38-Jährige haben den Vorwurf des Betrugs bestritten, da niemand finanziell Schaden erlitten habe.

Auch Whatsapp-Botschaften der Angeklagten und des Kronzeugen geben Hinweise, dass Marsalek direkt beteiligt war. Das Portal "Business Insider" berichtete: "Die Chatprotokolle geben Einblicke in die Versuche der Gruppe, die Online-Shops ihrer Scheinfirmen bei den Zahlungsdienstleistern anzudocken." So habe sich Akhavan einmal geärgert, weil drei Webseiten bei der Kontrolle durchgefallen seien: "Alle drei Anträge von uns lösten Alarmsignale aus, wir sind also total am Arsch." Später habe Akhavan in der Dreier-Gruppe erklärt: "Jan schlug vor, dass wir Nutra-Seiten machen sollen". Zu Nutrazeutika zählen pflanzliche Heil- und Nahrungsergänzungsmittel.

Das Gericht sprach von einem "komplexen Fall von Wirtschaftskriminalität" mit zahlreichen Verästelungen. Er dürfte in den USA weitere Ermittlungen nach sich ziehen, wohl auch wegen Geldwäsche, und die Staatsanwaltschaft München interessieren, die diverse Ex-Wirecard-Manager auf dem Korn hat. Auch hierzulande lautet der Vorwurf auf bandenmäßigen Betrug. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft machte keine Angabe dazu, ob die US-Akten angefordert werden, da sie sich nie zu Rechtshilfegesuchen äußere. "Wir ermitteln weiterhin ergebnisoffen in alle Richtungen, nicht etwa begrenzt auf bestimmte Delikte", sagte sie zu der Frage, ob es auch um Geldwäsche gehe.

2000 Verdachtsmeldungen

Der Verdacht steht seit Monaten im Raum, dass Wirecard nicht nur Anleger um Millionen gebracht, sondern auch dazu gedient habe, Geld aus schmutzigen Geschäften zu legalisieren. Die FIU, die beim Zoll angesiedelte Anti-Geldwäsche-Einheit des Bundes, stieß in ihren Datenbanken 2020 auf mehr als 2000 Verdachtsmeldungen mit Bezug zu Wirecard. Die britische "Times" meldete vergangenen Sommer, Mastercard sei 2016 vor "Verbindungen von Wirecard zu einem mutmaßlichen Geldwäsche-Netzwerk" gewarnt worden.

Der Abgeordnete Fabio De Masi, der die Linke in dem Bundestagsausschuss vertritt, der den Skandal untersucht, hatte gar schon im Mai 2019 - mehr als ein Jahr vor der Insolvenzmeldung des Konzerns - Alarm geschlagen. "Selbstverständlich muss die Finanzaufsicht Bafin Verdachtsfällen auf Marktmanipulation nachgehen. Aber auch die Vorwürfe wegen Geldwäsche sind ernsthaft zu prüfen", erklärte er damals.

Durch die New Yorker Ermittlungen sieht er sich in seinen bösen Ahnungen ein weiteres Mal bestätigt. Der Linke-Politiker hat zwei Theorien: Durch schärfere Regeln des Online-Glücksspiels in den USA und die extreme Zunahme kostenloser Pornos im Internet sei Wirecard das Geschäftsmodell weggebrochen. "Sie haben begonnen, die Bilanz aufzupumpen, um mit Beschaffungskriminalität den Rubel am Rollen zu halten", sagte er der "Berliner Zeitung".

Variante zwei hält De Masi für wahrscheinlicher: Demnach habe Wirecard "schon früh" mit der organisierten Kriminalität Geschäfte gemacht. "Glücksspiel ist ideal für Geldwäsche, das zieht die Mafia an." Wirecard habe - das erinnert an den New Yorker Fall - Einnahmen aus Online-Glücksspiel etwa über Blumenläden abgewickelt. "Ich habe von Leuten, die sich mit organisierter Kriminalität etwa in Lateinamerika gut auskennen, gehört, dass Wirecard eine bekannte Adresse war."

Quelle: ntv.de

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