Wirtschaft

Ausstieg wird nicht ganz billig Nord Stream 2 ist nicht alternativlos

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Ein Ausstieg aus Nord Stream 2 wäre eine Zäsur in den politischen Beziehungen zu Russland.

(Foto: REUTERS)

Kurz vor der Ziellinie steht die Unterstützung der Bundesregierung für Nord Stream 2 auf der Kippe. Ein Abbruch des Projekts wäre zwar teuer, die Energieversorgung bliebe aber dennoch gesichert.

Kurz vor dem Ziel kann Nord Stream 2 doch noch scheitern. Rund 150 Kilometer der Ostsee-Pipeline von insgesamt 1230 Kilometern Länge müssen noch gebaut werden. Doch nach dem Giftanschlag auf den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny schließt auch die Bundesregierung einen Baustopp nicht mehr aus. Deshalb stellt sich die Frage: Kann es sich Deutschland leisten, auf das Projekt zu verzichten?

Das Kernargument der Befürworter, aus Gründen der Energiesicherheit sei Deutschland auf die Pipeline angewiesen, trifft jedenfalls nicht zu. Auch ohne Nord Stream 2 lässt sich der Gasbedarf decken.

Der Hintergrund: Die Gasquellen in Europa versiegen in den kommenden Jahren zunehmend, weshalb immer mehr importiert werden muss. Gas gehört in Deutschland zu den wichtigsten Brennstoffen beim Heizen. Die wichtigsten Gaslieferanten sind Russland, Norwegen und die Niederlande. Die Eigenproduktion sinkt derweil kontinuierlich.

Deutschland setzt bei der Gasversorgung vor allem auf Russland - nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bezieht die Bundesrepublik derzeit etwa 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Und mit der Inbetriebnahme der neuen Pipeline kann die Abhängigkeit durch die zusätzlichen Kapazitäten weiter steigen.

Dabei gibt es durchaus Alternativen. "Wir brauchen die Pipeline nicht aufgrund von Energiesicherheit, es gibt ausreichend Infrastruktur, die genutzt werden kann", sagt DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert im Gespräch mit ntv.de. Die weiter sinkende einheimische Produktion kann laut DIW durch vermehrte Importe aus Nordafrika und von Flüssiggas (LNG) ausgeglichen werden. "Über bestehende Pipelines in Europa kann der Gasbedarf gedeckt werden", sagte Kemfert. Viele LNG-Terminals in Europa sind nicht ausgelastet, es gibt ein Überangebot an Gas auf den internationalen Märkten.

"Energieversorgung ist gesichert"

Selbst Nord Stream 2 geht davon aus, dass Deutschland nicht auf das Projekt angewiesen ist. In einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Broschüre heißt es, die drohende Importlücke könne "entweder durch verflüssigtes Erdgas aus aller Welt oder russisches Pipeline-Gas" geschlossen werden. "Den entsprechenden Anteil dieser Lieferquellen wird der Markt entscheiden."

Nach Einschätzung Kemferts kann Deutschland sogar gänzlich auf russisches Erdgas verzichten. Es gebe ausreichend Gas, so die Ökonomin. "Sollte Russland den Gashahn komplett zudrehen, wäre die Energieversorgung in Deutschland nach wie vor gesichert. Europa muss allerdings einigen osteuropäischen Ländern helfen."

Die Preisunterschiede sind überschaubar. Eine von Nord Stream in Auftrag gegebene Studie der Universität Köln kommt zu dem Ergebnis: "Bei einer Nutzung von Nord Stream 2 würde der durchschnittliche, mengengewichtete Gaspreis in Polen im Jahr 2030 circa fünf Prozent unter dem Gaspreis liegen, der sich ohne die zusätzliche Bezugsroute einstellen würde. Somit profitiert Polen in ähnlichem Umfang von Nord Stream 2 wie Deutschland."

DIW-Expertin Kemfert ist bei ihrer Kostenkalkulation vorsichtiger. "Es kommt darauf an", sagt sie auf die Frage, ob Flüssiggas-Importe billiger oder teurer als Gas russischer Herkunft seien. "Derzeit ist der Erdgaspreis insgesamt sehr niedrig, was auch Flüssiggas billig macht." Pipeline-Gas unterliege außerdem oftmals einer Gaspreisbindung. Das lasse nur wenig Flexibilität und Reaktionen auf Änderungen auf den internationalen Märkten zu.

Firmen haben Milliarden investiert

Deutschland kann also durchaus mit einem Stopp von Nord Stream 2 leben - allerdings muss man dafür in Kauf nehmen, dass die Gaspreise etwas steigen. Außerdem werden möglicherweise Entschädigungszahlungen an die beteiligten Firmen fällig. "Das wäre ein hoher Betrag. Der müsste dann auch im Zweifel gezahlt werden", sagte Grünen-Chefin Annalena Baerbock im ZDF. Sie verwies aber auch darauf, dass etliche rechtliche Fragen rund um den Betrieb der Erdgas-Leitung von Russland nach Deutschland noch nicht geklärt seien: "Diejenigen, die da investiert haben, die haben sich die ganze Zeit auch dem Risiko gestellt, dass das rechtlich noch nicht final besiegelt ist." Deswegen dürfe man jetzt auch nicht vor einem Abbruch von Nord Stream 2 zurückschrecken.

Fest steht, dass bei einem Abbruch Milliarden-Investitionen - auch deutscher Unternehmen - buchstäblich in der Ostsee versenkt würden. Im Falle eines Baustopps müssten Investitionen in Höhe von acht Milliarden Euro abgeschrieben werden, sagt Timm Kehler, Vorstand von Zukunft Erdgas, einer Initiative der deutschen Gaswirtschaft. Weiterhin müssten die bereits aufgelaufenen Kosten für die Anbindungspipelines von vier Milliarden Euro von den Gaskunden gezahlt werden, ohne dass diese genutzt würden. Rund 120 Unternehmen aus zwölf europäischen Ländern seien direkt am Bau und Betrieb der Pipeline beteiligt.

Hinzu kommt neben der wirtschaftlichen die politische Dimension. Kritiker des Projekts warnen vor einer immer größeren Abhängigkeit von Russland, das unter Präsident Wladimir Putin Gas auch schon als politisches Druckmittel eingesetzt hat. So hatte Putin im Streit mit der Ukraine bereits mehrfach den Gashahn zugedreht. Einige der älteren Pipelines verlaufen von Russland durch die Ukraine und Polen, wofür die Länder Gebühren erheben. Mit den Ostsee-Röhren umgeht Russland die alten Routen.

Befürworter argumentieren, selbst in Zeiten des Kalten Krieges sei Gas und Öl zuverlässig vom damaligen Systemgegner Sowjetunion geliefert worden. Russland werde die Versorgung ebenfalls sicherstellen - allein schon deshalb, da Energie-Verkäufe die wichtigste Einnahmequelle Russlands seien.

Ein Ausstieg aus Nord Stream 2 wäre eine Zäsur in den politischen Beziehungen zu Russland. Sollte die Bundesregierung dem Projekt die Unterstützung entziehen, würde sie damit nicht nur klare Kante gegen Moskau zeigen, sondern gleichzeitig eines der Hauptstreitthemen mit den USA abräumen. US-Präsident Donald Trump attackiert die Pipeline mit Sanktionen - und will damit unter anderem erreichen, dass Europa mehr durch Fracking gewonnenes Gas aus den USA kauft.

Quelle: ntv.de, mit rts/dpa