Wirtschaft

Ökonom warnt vor zu frühem Exit "Ohne Shutdown ist der Schaden größer"

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Für manche Einschränkungen haben Wirtschaftsvertreter kaum noch Verständnis - etwa die Schließung von Geschäften mit mehr als 800 Quadratmetern.

(Foto: picture alliance/dpa)

Immer lauter werden die Stimmen, die fordern, die Corona-Einschränkungen schnell zu lockern. Der Schaden durch den Shutdown sei einfach zu hoch, so die Argumentation. Dabei wird vergessen, dass die Epidemie selbst der Wirtschaft massiv schadet. Vor allem, wenn sie nicht mit konsequenten Maßnahmen in Schach gehalten wird, sagt der Ökonom und stellvertretende Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Oliver Holtemöller im ntv.de-Interview.

ntv.de: Den wirtschaftlichen Schaden durch die Maßnahmen gegen das Coronavirus, den Lockdown, begreift jeder, der die geschlossenen oder fast leeren Läden in den Innenstädten sieht. Doch auch die Epidemie selbst verursacht erhebliche Schäden. Wie?

Oliver Holtemöller: Zum einen würde ökonomischer Schaden entstehen, wenn viele Menschen krank würden und nicht zur Arbeit gingen. Bis eine Epidemie - ohne Shutdown - durch eine Herdenimmunität gestoppt würde, müsste die große Mehrheit der Bevölkerung erkranken, was zu einem großen Arbeitsausfall führen würde. Das ist ein temporärer Schaden. Zum anderen würde es aber auch zu einer erhöhten Sterblichkeit durch eine Überlastung des Gesundheitssystems bei vielen Infektionen in kurzer Zeit kommen. Diese Verstorbenen wären, neben der menschlichen Tragödie, auch ein langfristiger Verlust für die Wirtschaft.

Was bedeutet das ökonomisch gesehen für die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt, den Shutdown zu beenden?

Zunächst muss sich die Gesellschaft der Frage stellen, wie viel mehr Tote sie bereit ist hinzunehmen, um wie viel mehr an Freiheit wiederzuerlangen. Diese Frage kann kein ökonomisches Modell beantworten. Das mag sich zunächst rabiat anhören. Implizit treffen wir diese Entscheidung aber auch in anderen Bereichen. Wir könnten ganz auf Autoverkehr verzichten und hätten dann keine Verkehrstoten mehr. Die Gesellschaft wägt hier offenbar ab, wie viel Einschränkung angemessen ist. Aber auch wirtschaftlich gibt es einen Zielkonflikt: Ein Shutdown mit harten wirtschaftlichen Folgen jetzt, der uns Zeit gibt, die Ausbreitung des Virus in den Griff zu bekommen und andere Maßnahmen wie umfangreiche Tests und Quarantäne für Infizierte vorzubereiten, mindert die langfristigen Schäden. Untersuchungen beispielsweise zu verschiedenen US-Städten während der Spanischen Grippe 1919/1920 zeigen: Diejenigen, die schnell und konsequent reagierten, hatten nicht nur weniger Tote zu beklagen, sondern standen auch langfristig wirtschaftlich besser da.

Kann man diese historischen Erfahrungen mit Seuchen denn auf Covid-19 und die moderne Wirtschaft übertragen?

Die Wirtschaft ist heute anders strukturiert. Aber die grundsätzlichen Wirkungskanäle einer Epidemie haben sich nicht geändert. Zudem zeigen historische Untersuchungen und theoretische Modelle in die gleiche Richtung: Ohne konsequenten kurzfristigen Shutdown ist der langfristige Schaden durch die Epidemie größer als mit. Mit quantitativen Aussagen muss man aber aufgrund der großen Unsicherheit vorsichtig umgehen.

Anders als die Spanische Grippe trifft Covid-19 allerdings hauptsächlich ältere Menschen, die nicht mehr im Berufsleben stehen.

Wenn das Gesundheitssystem durch eine ungehinderte Ausbreitung des Virus überlastet würde, dann würde sich das wahrscheinlich ändern. Zum einen würde die Sterblichkeitsrate von Covid-19 steigen, auch jüngere Corona-Patienten könnten nicht mehr optimal versorgt werden. Zum anderen würde auch für den 55-jährigen Manager mit Herzinfarkt das Risiko zu sterben steigen, ebenso wie für den 47-jährigen Angestellten mit Schlaganfall.

Und wann genau wäre für die Wirtschaft der richtige Zeitpunkt für den Exit aus dem Shutdown?

Um den konkret zu berechnen, wissen wir leider viel zu wenig über das Virus. Darauf warten, bis die Virologen und Epidemiologen es hinreichend erforscht haben, können wir aber nicht. Daher bleibt nur, Lockerungen langsam und mit Augenmaß zu testen. Wir müssen bereit sein, wenn nötig zum Shutdown zurückzukehren. Eine zweite, ungebremste Infektionswelle wäre verheerend, auch für die Wirtschaft.

Mit Oliver Holtemöller sprach Max Borowski

Quelle: ntv.de