Wirtschaft

Chinas Häusermarkt "Privatunternehmen sind wichtigster Motor"

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In Städten wie Shanghai steigen die Immobilienpreise um 30 Prozent pro Jahr.

(Foto: picture alliance / dpa)

Chinas Wirtschaft zeigt im dritten Quartal Zeichen der Stabilisierung. Das Wachstum fiel damit genauso hoch aus wie in den ersten beiden Quartalen des Jahres und traf genau die Erwartungen von Analysten. Im Interview mit n-tv.de erklärt Margot Schüller wieso Peking sein Wachstum auch einem boomenden Immobilienmarkt verdankt und weshalb der Export ein wichtiger Wachstumstreiber bleiben wird.

n-tv.de: Im dritten Quartal wächst Chinas Wirtschaft weiter kräftig. Ein Plus von 6,7 Prozent sieht auf den ersten Blick gut aus - auf den zweiten auch?

Margot Schüller: Dass die Wachstumsrate bei 6,7 Prozent liegt, ist gar nicht überraschend. Denn es entspricht durchaus den Zielen der chinesischen Wirtschaftspolitik der sogenannten neuen Normalität - einem Wirtschaftsmodell, das die Restrukturierung mit geringerem aber qualitativ höherwertigem Wachstum anstrebt. Das neue Modell hat ein stärker innovationsgetriebenes, nachhaltigeres und weniger exportabhängigeres Wachstum zum Ziel. Es soll zudem auch stärker auf einem privaten Konsum basieren. Überhaupt sollen private Unternehmen in der Produktion, bei Investitionen und Exporten stärker werden. Einige dieser Ziele wurden in den ersten beiden Quartalen bereits erreicht.

Mit 6,7 Prozent fällt das Wachstum genau so aus, wie von der Führung in Peking angepeilt. Außerdem ist es damit so hoch wie in den vergangenen beiden Quartalen. Wie seriös sind diese Zahlen? 

Ob politisch motivierte Einflüsse die Aussagen zum Wachstum bestimmen, darüber kann man nur spekulieren. Die Wachstumsrate ist eine politische Vorgabe, dementsprechend kann man nicht wissen, inwieweit dort eine Beeinflussung stattgefunden hat. Um Rückschlüsse ziehen zu können, sollte aber sowieso lieber auf die Statistik im Detail geschaut werden. Das erscheint mir sinnvoller. Tatsächlich gibt es aber Anzeichen für neue Wachstumstreiber, die diese Wachstumsrate durchaus erklären.

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Frau Margot Schüller ist Senior Research Fellow am GIGA Institut für Asien-Studien in Hamburg.

Welche wären das?

Im Produktionsbereich beispielsweise sind Wachstumsraten der Hightech-Industrien von zehn Prozent in den ersten drei Quartalen deutlich höher als das durchschnittliche Industriewachstum von sechs Prozent. Zusätzlich haben der private Konsum und Privatunternehmen insgesamt an Bedeutung gewonnen. So stieg der Einzelhandelsumsatz in den ersten drei Quartalen um zehn Prozent, im Online-Handel sogar um 26 Prozent. Privatunternehmen sind bei den Investitionen inzwischen der wichtigste Motor. Auf sie entfallen mehr als die Hälfte der gesamten Investitionen.

Das robuste Wachstum deutet auf eine Stabilisierung hin. Doch gemessen an Chinas Vergangenheit schwächt sich das Wachstum der Volksrepublik ab. Dieses Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt wohl so langsam wachsen wie seit 25 Jahren nicht mehr. Ist das ein Grund zur Besorgnis?

Nein, denn es ist Teil dieser neuen Strategie. In der Restrukturierungsphase werden Einbrüche normal. Es müssen Einbrüche in Kauf genommen werden, weil das aktuelle Modell nicht weiter fortbestehen kann. Wenn man auf die qualitative Veränderung schaut, würde ich die aktuellen Entwicklungen sogar eher positiv bewerten.

Die aktuellen Zahlen hat Peking auch einem boomenden Immobilienmarkt zu verdanken. Die Preise in den Großstädten laufen heiß. Der Internationale Währungsfonds warnt vor einer Kreditblase in China. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Hier haben wir tatsächlich die Gefahr einer Spekulationsblase, die wirtschaftlich destabilisierend ist. In Städten wie Shanghai steigen die Preise um 30 Prozent pro Jahr. Viele Haushalte haben das Geld, um sich Wohnungen und Häuser zu kaufen und tun das auch. Dadurch wird der Immobilienmarkt angeheizt. Ein anderes destabilisierendes Merkmal spielt dabei aber auch eine wichtige Rolle: Mehr als zwei Drittel der vergebenen Bankkredite wurden im Juli und August für Immobilienkäufe aufgenommen. Einerseits besteht tatsächlich noch ein hoher Bedarf an neuen Wohnungen, andererseits spiegelt sich hier auch ein systemisches Problem wider.

Welches Problem?

Private Haushalte haben im chinesischen Finanzsystem kaum Möglichkeiten, ihr Geld gewinnbringend anzulegen, da der Kapitalmarkt nicht ausreichend entwickelt ist. Gleichzeitig liegt das Problem hoher Wohnungspreise am eingeschränkten Markt für Grundstücke, die wiederum von den Lokalregierungen als ihr Vermögen genutzt werden. Solange diese marktverzerrenden Hindernisse bestehen, werden dämpfende Maßnahmen der Regierung - wie beispielsweise Preisobergrenzen und Begrenzung des Kaufs von Wohnung pro Haushalt - nur wenig wirken.

Wie nachhaltig ist das Wachstum in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt?

Das was seit 2013 unternommen wurde, ist gerade eine Veränderung des Wirtschaftsmodells hin zu einer nachhaltigen Entwicklung. Nachhaltig bedeutet, dass die Haushalte ihr Geld im Finanzsektor anders anlegen und dass die Industrie nicht nur Billigware herstellt. Zusätzlich müssen auch innovativere Produkte hergestellt werden, um höhere Einkommen zu generieren, die auch den Lebensstandard heben.

China will dieses neue Wirtschaftsmodell aufbauen, das weniger abhängig von billigen Exporten ist und mehr auf Innovation und Konsum setzt. Wie weit ist das Land damit bis jetzt gekommen?

Der Export wird ein wichtiger Wachstumstreiber bleiben. Allerdings hat man in der globalen Finanzmarktkrise gesehen, dass die Abhängigkeit von den Exporten enorm groß ist. Um das zu beschränken, will man eher den privaten Konsum als Wachstumstreiber haben. In den USA trägt dieser mehr als zwei Drittel zum Wachstum bei. In China liegt er bei ungefähr 40 Prozent. Da gibt es noch viel Spielraum nach oben.

Die Frage ist auch: Wie geht es in China ökonomisch weiter?

Ich bin der Überzeugung, dass diese Veränderung des Wirtschaftsmodells auch die nächsten Jahre bestimmen wird. Man möchte natürlich versuchen diese innovationsgetriebene Wachstumsrate schnell zu erreichen, aber wir müssen damit rechnen dass es die nächsten fünf Jahre noch größere Einbrüche in verschiedenen Bereichen gibt. Gleichzeitig kann China gestärkt aus dieser Restrukturierung hervorgehen. Das würde für alle von Vorteil sein.

Mit Margot Schüller sprach Juliane Kipper

 

Quelle: n-tv.de

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