Wirtschaft

Preise sinken deutlich Putin droht Niederlage im Energie-Poker

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Wladimir Putin setzt Energie als Waffe ein.

(Foto: via REUTERS)

Milder Winter, Lieferungen aus Norwegen, neue Flüssiggas-Terminals: Am Energiemarkt entspannt sich die Lage für Deutschland. Hat sich Wladimir Putin verzockt?

Seit dem Überfall auf die Ukraine setzt Russlands Präsident Wladimir Putin die Energie-Lieferungen nach Europa als Druckmittel ein. Sein Kalkül: durch Lieferkürzungen für Engpässe zu sorgen und Europa dadurch zu zwingen, die Sanktionen gegen sein Land zu beenden und Waffenlieferungen an die Ukraine zu stoppen. Seine mächtigsten Waffen: der Gas-Gigant Gazprom und der Öl-Riese Rosneft. Doch derzeit sieht es so aus, als würde Putin den Poker verlieren.

Rohöl (Brent)
Rohöl (Brent) 83,08

Europas Gasspeicher sind gut gefüllt. Die Öl- und Gaspreise sind von ihren Höchstständen mittlerweile auf das Vorkriegs-Niveau gefallen. Europa hat sich weitgehend von russischem Erdgas unabhängig gemacht. Deutschland ersetzt es durch Lieferungen durch die Pipeline nach Norwegen und Flüssiggas-Transporte per Schiff aus anderen Ländern. Das ist besonders wichtig, da die Bundesrepublik vor dem Krieg den Löwenanteil seines Gases durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 aus Russland bezogen hatte.

Wegen dieser Abhängigkeit hatte die Ampel-Koalition sich trotz der russischen Invasion in der Ukraine nicht dazu durchringen können, den Import von Kreml-Gas zu stoppen. Zu groß war die Angst, dass ganze Industrien die Produktion einstellen müssen und Deutschland in eine schwere Wirtschaftskrise stürzt.

Doch Putin hat Europa auf Entzug gesetzt und vor allem die deutsche Industrie und die Bundesregierung gezwungen, sich von russischer Energie zu lösen. Zunächst ließ Gazprom noch vor dem Überfall seine Speicher in Deutschland fast leerlaufen. Während des Krieges wurden die Lieferungen durch Nord Stream 1 schrittweise gedrosselt und schließlich ganz eingestellt. Der schrittweise Entzug gab der EU und Deutschland die Zeit, sich nach Alternativen umzusehen und auf den kompletten Stopp russischer Lieferungen vorzubereiten.

Netzagentur-Chef ist zuversichtlich

Derzeit fließt noch russisches Gas in die EU, etwa nach Ungarn. Doch die Menge ist insgesamt sehr viel geringer als vor Kriegsbeginn. Außerdem hat die EU den Import von russischem Öl und russischer Kohle völlig eingestellt. Für den Kreml ist das ein Problem, weil Russland den Großteil seiner Einnahmen aus Energieverkäufen erzielt. Die Lieferungen in den Westen lassen sich nicht problemlos durch andere Kunden ersetzen, da beispielsweise die dafür nötigen Pipelines fehlen. Außerdem muss Russland hohe Preisnachlässe einräumen. Das zeigt sich etwa an der russischen Ölsorte Urals. Normalerweise kostet ein Fass etwa 60 US-Cent weniger als ein Fass der Nordseesorte Brent. Derzeit ist es knapp 26 Dollar billiger zu haben.

Die gut gefüllten Gasspeicher verringern den Handlungsspielraum des Kreml. Zur Einordnung: Die Füllstände liegen in Deutschland bei rund 90 Prozent. "So hoch waren sie in einem Januar nur selten", sagt der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller. "Bei aller Restunsicherheit: Ich rechne nicht damit, dass diesen Winter noch etwas schiefgeht."

Das hat mehrere Gründe. Deutschland hat in den vergangenen Monaten sehr viel Gas eingekauft, um mit gut gefüllten Speichern in den Winter zu gehen. Eine große Hilfe ist der milde Winter. Nach Einschätzung des ntv-Wetterexperten Björn Alexander dürfte auch der Januar deutlich wärmer als im langjährigen Mittel werden. Das könne im Februar ebenfalls der Fall sein. "Für diesen Monat sagen Langfristvorhersagen wärmere Temperaturen als gewöhnlich voraus - allerdings gibt es bei diesen Prognosen einen großen Unsicherheitsfaktor", so Alexander.

Hinzu kommt: Industrie und Haushalte sparen Energie ein. Der Bundesnetzagentur zufolge wurden in Deutschland 2022 insgesamt 14 Prozent weniger Gas verbraucht als 2021. Zur Entspannung der Versorgungslage tragen auch die Laufzeitverlängerung für AKW und der spätere Ausstieg aus der Kohleförderung bei. Außerdem kaufen deutsche Unternehmen verstärkt Kohle im Ausland ein. Deutschland ist mittlerweile ein guter Kunde Südafrikas.

Inflation geht zurück

Vor diesem Hintergrund sieht es derzeit auch für den kommenden Winter gut aus. Ziel ist es, mit zu 40 Prozent gefüllten Speichern in den Frühling zu gehen. Netzagentur-Chef Müller rechnet damit, dass der Speicherstand am Ende des Winters sogar bei mehr als 50 Prozent liegen wird.

Um eine Energie-Krise im nächsten Winter abzuwenden, treibt die Bundesregierung den Aufbau von Importinfrastruktur voran, damit Flüssiggas per Schiff nach Deutschland transportiert werden kann. Fünf schwimmende LNG-Terminals hat die Regierung gechartert. Eines davon hat in Wilhelmshaven bereits den Betrieb aufgenommen. Die privat finanzierte Anlage in Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern soll diese Woche eröffnet werden.

Das heißt nicht, dass Putin Europa und Deutschland keinen Schaden zugefügt hat. Die zeitweise rekordhohen Energiepreise haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die Inflation massiv an Fahrt gewonnen hat. Doch sie geht mittlerweile zurück.

Zwar kann noch viel passieren. Beispielsweise können Kälteeinbrüche und Lieferengpässe die Energiepreise wieder nach oben katapultieren. Ein Schreckensszenario: die Gaspipeline aus Norwegen könnte wie bereits der ungenutzte Strang Nord Stream 2 beschädigt werden. Chinas Ende der strikten Null-Covid-Strategie dürfte derweil dazu führen, dass sich die Industrie in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt wieder erholt - und der Energieverbrauch und damit die Preise steigen. Aber im Augenblick sieht es so aus, als ob Europa im Energiepoker das Schlimmste überstanden hat.

Quelle: ntv.de

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