Ukrainische WirkungstrefferPutins Kriegswirtschaft stößt an ihre Grenzen
Von Jan Gänger 
Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo in Russland eine Raffinerie von ukrainischen Drohnen getroffen wird. Russlands Kosten für die Fortsetzung des Krieges steigen und werden auch für die Bevölkerung immer spürbarer.
Russlands Kriegswirtschaft war lange erstaunlich robust. Doch inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass sie an ihre Grenzen stößt. Der deutlichste Hinweis kam ausgerechnet aus dem Kreml. Wladimir Putin gab angesichts der erfolgreichen ukrainischen Drohnen-Angriffe auf Raffinerien zu, dass es Engpässe bei der Benzinversorgung gebe. Anschließend rief er eine Krisensitzung ein. Die Rohstoffmacht Russland erwägt inzwischen, Treibstoff zu importieren.
Die ukrainischen Drohnen erzielen mittlerweile erhebliche Wirkungstreffer. Sie erreichen Energieanlagen in Moskau und dringen tief in das Hinterland bis zum Ural vor. Manche Anlagen fallen für Wochen oder sogar Monate aus. Branchen-Insidern zufolge lag die tägliche Benzinproduktion zuletzt rund ein Viertel unter dem Vorjahresniveau.
Auch die russische Ölförderung sinkt. Der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge lag sie im vergangenen Monat um rund fünf Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. Die Folgen reichen weit über den Energiesektor hinaus. Öl- und Gaseinnahmen finanzieren einen erheblichen Teil des russischen Staatshaushalts und damit auch des Angriffskriegs gegen die Ukraine.
Lange Schlangen vor den Tankstellen sind der sichtbarste Ausdruck für die wirtschaftlichen Probleme Russlands. Die Wirtschaft stehe im "Endstadium", heißt es im "Kiel Report" des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und des Stockholmer Institute of Transition Economics. Der Kreml habe seine Geldreserven fast vollständig verbraucht. Gleichzeitig habe das Defizit des Staatshaushalts bereits in den ersten drei Monaten das für das gesamte Jahr angestrebte Ziel der Regierung überschritten.
Hohe Zinsen, hohe Inflation
Im ersten Quartal dieses Jahres ist die Wirtschaft nach offiziellen Angaben leicht geschrumpft - das war der erste Rückgang seit 2023. Derweil schichtet das Finanzministerium immer mehr Mittel in den Kriegsapparat um. Einer Analyse des PeaceRep-Programms der Universität Edinburgh zufolge machen die Militärausgaben sowie hohe Zahlungen an Soldaten und deren Familien fast die Hälfte der gesamten Haushaltseinnahmen aus - wobei betont wird, dass viele Kosten (wie etwa die Verwaltung besetzter Gebiete) in anderen Haushaltsposten versteckt sind.
Hinzu kommt, dass die Zentralbank die Zinsen hochhält, um die hohe Inflation im Zaum zu halten. Das verteuert Kredite und bremst damit die ohnehin schon schwächelnde Konjunktur. Gleichzeitig leidet die Wirtschaft unter einem akuten Arbeitskräftemangel. Er ist ein Ausdruck einer Umverteilung weg von zivilen Sektoren hin zur Rüstungsindustrie.
Verschärft wird der Mangel dadurch, dass zahlreiche Männer in den Krieg ziehen. Die Verdienstmöglichkeiten sind - zumindest der Werbung nach - hoch. Da Putins Krieg pro Monat Tausende Opfer in den eigenen Reihen fordert, müssen auch immer neue angeworben werden.
Russlands Kriegswirtschaft steht damit nicht vor dem Zusammenbruch. Aber sie verliert an Substanz, die sie in den vergangenen Jahren widerstandsfähig machte. Putin kann seinen Krieg zwar fortsetzen. Doch es wird immer schwerer, ihn zu finanzieren.