Wirtschaft

Weltweiter Preisschock Russlands Krieg lässt Entwicklungsländer leiden

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Die Ernährungskrise stürzt Sri Lanka bereits ins Chaos - in der Hauptstadt zünden Hungernde Villen von Politikern und Autos an.

(Foto: REUTERS)

Die Preise für Dünger und Treibstoff steigen kräftig, nicht nur in Sri Lanka sorgt das für gewaltige Probleme. Exportbeschränkungen verschärfen die Situation in vielen Ländern. Nun wächst die Angst vor Unruhen.

Sri Lankas Präsident lässt Rücktrittsforderungen an sich abprallen und reagiert mit einem Schießbefehl auf Plünderer. Unter dem Druck der Straße ist seine Regierung zurückgetreten, er wechselte den Regierungschef aus. Aber das asiatische Land taumelt weiter ins politische Chaos. Trotz Ausgangssperre zünden Hungernde in der Hauptstadt Villen von Ministern an, stecken Autos in Brand und greifen überforderte Polizisten an - so wird es zumindest über Twitter kommuniziert.

Sri Lanka steuert auf eine Ernährungskrise zu - die Ursachen dafür sind vielschichtig und teilweise hausgemacht. Aber Wladimir Putins Angriffskrieg in der Ukraine hat weltweit die Energie- und Agrarpreise in die Höhe getrieben. Mit der schwelenden Wirtschaftskrise ergibt das ein explosives Gemisch: Der Staat ist so überschuldet, dass er mit den verbleibenden Devisenreserven in zweistelliger Millionen-Dollar-Höhe noch Energieimporte für einen Monat bezahlen könnte. In der Not handelte Präsident Gutabay Rajapaksa mit Indien einen Ölkredit aus. Aber dann?

Der Treibstoffmangel, der seit Monaten zunimmt, trifft nicht nur Händler und Dienstleister. Auch Bauern fehlt der Diesel für die Traktoren. Ohnehin war ihr Einkommen geschrumpft, nachdem die Regierung vor einem Jahr den Einsatz von Kunstdünger verboten hat. Die Folgen werden erst jetzt richtig deutlich: Der Reis-Ertrag sank 2021 um eine halbe Million auf 2,9 Millionen Tonnen. Schmalere Ernten bedeuten auch weniger Mittel für die beginnende Pflanzsaison.

Auf der tropischen Insel bewirtschaften viele Bauern das Land mit Reis und Bananen - normalerweise im Überfluss. Ohne subventionierten Dünger stellten viele Bauern den Anbau ein; die wenigsten waren auf eine Umstellung vorbereitet. Offiziell wurde das Verbot mit einer umweltfreundlichen Agrarwende begründet. Aber Kritiker mutmaßen, die Regierung hätte großflächige Landnahmen für devisenbringende Pacht- oder Kaufverträge im Sinn - und das Scheitern vieler Kleinbauern einkalkuliert. Andere erklären das Verbot mit hohen Subventionskosten, die ebenso die Devisenreserven aufzehren. Durch den Ukrainekrieg würde der Import von Kunstdünger jetzt noch einmal teurer.

Was in Sri Lanka zur Zuspitzung beiträgt, bezeichnet die International Crisis Group , eine Organisation zur Beobachtung politischer Risiken, als "Ukraine-Effekt". Das Land wäre auch ohne die Invasion der Ukraine in einer Wirtschaftskrise, sagte deren Experte Alan Keenan der "Washington Post". Der Krieg verschärfe jedoch alles: "Durch den Ukraine-Effekt reicht ein Darlehen, das für zwei Monate Treibstoffimporte ausgereicht hätte, nun nur noch ein Monat", sagt er. "Selbst wenn es zu einem Schuldenerlass käme: Es werden weniger Nahrungsmittel, weniger Treibstoff, weniger Arzneimittel importiert."

Sprit wird unbezahlbar

Die Gemengelage ist kritisch. Bauern, die durchschnittlich ein Viertel weniger geerntet haben, werden sich keinen Sprit mehr leisten können. Zugleich steigen die Kosten der Versorgungswege vom Land in die Städte: Lebensmittelpreise legten um etwa 50 Prozent zu. Großmärkte berichten, Chilischoten seien zum Vorjahr um 40 Prozent teurer, Okra um 50, Kartoffeln um 60 und Limetten um 240 Prozent. Stromausfälle gibt es schon seit Monaten, bald müssen Nahrungsmittel importiert werden. Auch Kochgas wird teilweise unbezahlbar.

Rajapaksa hatte ausgerechnet auf Russen und Ukrainer gesetzt, um den lahmenden Tourismus anzukurbeln. 2021 stellten sie ein Viertel der Besucher. In Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) soll die Staatspleite umschifft werden - damit wenigstens wieder Ölimporte ins Land kommen, die nicht nur Mobilität und Industrie am Laufen halten, sondern auch 40 Prozent der Stromproduktion. Auf die politischen Verwerfungen infolge des Wirtschaftschaos reagiert die Regierung vor allem mit der Verhängung des Ausnahmezustands.

Verstörende Bilder von Plünderungen in Lebensmittelgeschäften im Iran werfen derweil die Frage auf, ob sich nun eine Serie von Unruhen ankündigt. Klar ist: Der dramatische Preisanstieg auf dem Weltmarkt für Kraftstoffe, Dünger und Getreide trifft Entwicklungsländer am härtesten. Am Rand des Bankrotts stehen neben Sri Lanka auch Sambia und Mosambik. 60 Prozent der Länder mit geringem Einkommen seien überschuldet, warnt die Weltbank. Die meisten sind auf Importe von Lebensmitteln und Energie angewiesen. Die staatlichen Haushalte sind nach der Corona-Pandemie aber erschöpft. Vor allem Afrika hat die erste Rezession seit Jahrzehnten hinter sich - und ringt um finanziellen Spielraum.

Erdrückende Lebensmittelpreise waren ein Auslöser für den arabischen Frühling vor zehn Jahren, mahnt Vera Songwe, Exekutivdirektorin der UN-Wirtschaftskommission für Afrika. Sie weist auf eine Lebensmittelinflation von derzeit 50 Prozent in Äthiopien hin. Der IWF hat infolge der Ukrainekrise die diesjährigen Wachstumsaussichten des Kontinents auf 3,8 Prozent gesenkt - zu wenig für eine Erholung. Mögliche soziale Unruhen, die sich an untragbaren Lebenshaltungskosten entzünden könnten, befürchten auch Ökonomen der Oxford Economics Africa. Mehrkosten für Mahlzeiten und Energie erzeugten bei höherer Arbeitslosigkeit in der Pandemie ein "volatiles politisches Umfeld".

Es droht Hunger

In Ägypten und Nigeria haben Regierungen Pläne zum Abbau von Subventionen für Nahrung und Treibstoff vertagt. Marokko, Kenia und Benin erhöhten ihre Mindestlöhne. Südafrika erweiterte die Hilfe für Arbeitslose und setzte Abgaben auf Treibstoff aus. Wo der Ausgabenspielraum enger ist, könnten aus Sicht von Oxford Economics aber Unruhen bevorstehen - beispielsweise in Ghana und Tunesien. In Ghana kletterte die Inflation jüngst auf ein 18-Jahreshoch, die Teuerungsrate für Ernährung auf 26,6 Prozent. Zu den Risikostaaten zählt die Ratingagentur Moody's wegen hoher Importabhängigkeit für Energie und Nahrung, niedrigen Einkommen und sozialen Spannungen Mosambik, Togo, Tunesien und Namibia - sowie Libanon und Jordanien in Nahost.

Außenministerin Annalena Baerbock erwartet einen Anstieg der weltweiten Hungerzahlen um 43 Millionen, wie sie nach einem Treffen der G7 unter deutscher Präsidentschaft sagte. Weltweit drohe zusätzliche Ernährungsunsicherheit. Die G7-Agrarminister wollen sich gegen das Bunkern von Agrarprodukten durch einzelne Länder stemmen, das "unsolidarisch" zu noch höheren Preisen führe. Eine stärkere Preisüberwachung soll auch Produktionsmittel wie Dünger erfassen.

Ein von Indien jüngst verkündetes Exportverbot für das Brotgetreide Weizen hat die Preise an den Terminbörsen noch einmal nach oben getrieben. Indien produziert jährlich rund 110 Millionen Tonnen. Derweil sind in der Ukraine rund 20 Millionen Tonnen eingelagertes Getreide blockiert. Auch für die kommende Ernte, die in Kiew trotz Krieg auf etwa 40 Millionen Tonnen geschätzt wird, bleibt fraglich, wie sie außer Landes gebracht werden kann. Die G7 wollen dabei helfen. Aber gegen Indiens Exportverbot - auch zur Sicherung der eigenen Ernährung - sind sie trotz ihres Appells für offene Märkte machtlos.

Neben Russland (und der Ukraine) haben Experten für Ernährungspolitik vom Institut IFPRI in Washington Exportbeschränkungen von 17 anderen Ländern dokumentiert - darunter die Türkei und Indonesien. Es seien 15 Prozent aller weltweit gehandelten Kalorien von Verboten oder Begrenzungen betroffen - 36 Prozent aller Weizenexporte und 78 Prozent aller Ausfuhren von Sonnenblumenöl.

Dünger wird teurer

Weltweit beobachten die Welternährungsorganisation FAO und die Weltbank den Preisschock auf den Märkten von Agrarprodukten. Nach den jüngsten Zahlen der Weltbank von Anfang Mai liegt dieser Preisindex 41 Prozent höher als im Januar 2021. Die Preise für Mais und Weizen seien jeweils 54 und 60 Prozent höher. Der FAO-Index hatte sich im April zwar stabilisiert, im März aber den stärksten je registrierten Sprung verzeichnet. Dabei sieht IFPRI das Schlimmste noch lange nicht vorüber: Die von der Invasion ausgelöste Unsicherheit wird laut Chefanalyst Joe Glauber die Agrarmarktpreise mindestens bis Sommer 2023, wenn nicht bis 2024 über dem Vorkriegsniveau halten.

Angeheizt wird diese Krise auch vom Anstieg der Düngemittelpreise, weil zu den Hauptausfuhrländern Russland und Belarus gehören, die Exporte beschränken. Nach Schätzungen wird Afrika 30 Millionen Tonnen weniger Nahrung produzieren können, weil Düngemittel fehlen. Die Ernten von Reis und Mais könnten um ein Drittel fallen. Die Abhängigkeiten sind ausgeprägt: 22 Länder des Kontinents beziehen ihren Kunstdünger auch aus der Schwarzmeerregion. Äthiopien oder Sudan sind bis zu 90 Prozent darauf angewiesen.

In zahlreichen Ländern Afrikas ist überdies Treibstoff nicht nur teurer, sondern auch knapp. Davon zeugen Warteschlangen an Tankstellen und zunehmender sozialer Unmut. Afrika zieht bei der Versorgung mit Öl und Treibstoff den Kürzeren, weil es nur kleine Mengen abnimmt und Händler die aktuell hohen Preise lieber im schnellen Umschlag in Asien kassieren. Acht ölexportierende Länder profitieren zwar von höheren Preisen, aber die Einfuhrkosten des Kontinents werden um 19 Mrd. Dollar anschwellen, warnt der IWF. Und auch in Afrika hängen knapp 40 Prozent der Energieproduktion an Erdöl.

Dieser Text erschien zuerst bei "Capital"

Quelle: ntv.de

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