Reederei kaufte über 100 TankerSchattenflotte transportierte arabisches Öl im Dunkeln durch die Straße von Hormus

Innerhalb kürzester Zeit kaufte sich eine koreanische Reederei mithilfe des Schifffahrtsgiganten MSC die größte Supertankerflotte der Welt zusammen. Dann begann der Iran-Krieg und bot eine einmalig lukrative Chance.
Etwas vergleichbares hatten Schiffsbroker und Händler nie zuvor gesehen: Ende vergangenen Jahres begann die südkoreanische Reederei Sinokor, Supertanker aufzukaufen. Das Unternehmen, das bis dahin vor allem im Containergeschäft tätig war, kaufte innerhalb weniger Monate mehr als 100 der größten Rohöltransporter und stieg zum Betreiber der weltgrößten Flotte an Supertankern auf. Eine milliardenschwere, - aus damaliger Sicht - riskante Wette, hinter der eine Kooperation mit dem Reedereigiganten MSC aus der Schweiz steckte, die kurz darauf 50 Prozent der Anteile an der koreanischen Firma übernahm.
Was damals niemand wissen konnte: Nur Tage nachdem bekannt geworden war, dass Sinokor zum größten Supertanker-Besitzer der Welt aufgestiegen war, griffen Israel und die USA den Iran an. Dieser wiederum blockierte mit der Straße von Hormus den Öltransport aus einer der wichtigsten Förderregionen der Welt. Während die Schiffe anderer Reeder teilweise monatelang bewegungslos im Persischen Golf ankerten, nutzte Sinokor einen Teil seiner Tanker, um in der Krise ein glänzendes Geschäft zu machen. Wie unter anderem das Finanzportal Bloomberg berichtet, bildeten die Sinokor-Tanker den Kern einer Schattenflotte, die den Rohölexport aus der Golfregion wochenlang in wohl deutlich größerem Ausmaß aufrechterhielt als zunächst bekannt war.
Offiziellen Zahlen zufolge brach der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus mit Kriegsbeginn fast vollständig ein. Statt wie vor dem Krieg mehr als 100 waren in den Statistiken täglich nur noch einzelne Schiffe zu sehen, die die Fahrt durch die Meerenge wagten. Was allerdings in den Daten nicht zu sehen war: Die sogenannte Schattenflotte, Schiffe, die ihr automatisches - eigentlich vorgeschriebenes - Identifikationssystem (AIS) ausschalten und teils im Dunkeln versuchen, unerkannt an ihr Ziel zu kommen.
Solche Schattenflotten sind seit einigen Jahren im Auftrag von Russland und auch dem Iran unterwegs, um trotz internationaler Sanktionen Rohöl auf dem Weltmarkt verkaufen zu können. Im Iran-Krieg unterstützten dagegen unter anderem die USA aktiv einen solchen "dunklen Transit" durch die Straße von Hormus, um den Öltransport aufrechtzuerhalten. Laut Bloomberg fuhren unter anderem mindestens zehn Sinokor-Tanker als eine Art Öl-Shuttle von arabischen Häfen an der Golfküste hauptsächlich bei Nacht in Konvois unter dem Schutz des US-Militärs dicht an der Küste des Omans durch die Straße von Hormus. Auf der anderen Seite der Meerenge, im Golf von Oman luden sie ihre Fracht auf andere Tanker, die das Rohöl vor allem nach Asien weitertransportierten. Anschließend fuhren sie zurück in den Persischen Golf, um die Reise erneut anzutreten.
VAE exportierten trotz Blockade auf Vorkriegsniveau
Zur Zahl solcher Transporte und der Menge des so auf den Weltmarkt gekommenen Öls gibt es keine genauen Daten. Die Schätzungen von Analysten reichen von zwei Millionen bis zu sieben Millionen Fass Rohöl, die so täglich transportiert worden sein könnten. Das wäre immerhin mehr als ein Drittel des Vorkriegsniveaus gewesen. Hinzu kommt, dass vor allem Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) auch über Pipelines begrenzte Mengen Rohöl zusätzlich exportieren konnten. Laut Bloomberg konnten die VAE dank Schattenflotte und Pipeline zusammen einige Wochen nach Kriegsbeginn wieder ihr Vorkriegsniveau beim Ölexport erreichen.
Damit dürften die Schattentransporte einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet haben, dass ein von vielen Experten erwartetes Horrorszenario für die Weltwirtschaft mit Ölpreisen von 150 oder 200 Dollar pro Fass ausblieb, obwohl die Straße von Hormus rund drei Monate lang gesperrt blieb und sich der Schiffsverkehr bis heute nicht normalisiert hat.
Offizielle Zahlen gibt es auch zu den Einnahmen nicht, die Sinokor und andere Reeder mit ihren Fahrten durch die Straße von Hormus während des Kriegs gemacht haben. Doch die massive Investition in die neue Tankerflotte dürfte sich weit mehr ausgezahlt haben, als es noch Ende vergangenen Jahres zu erwarten war. Tagesraten für das Chartern von Supertankern sprangen mit Kriegsbeginn auf Rekordwerte von bis zu 500.000 US-Dollar, mehr als das Zehnfache des Durchschnitts der Vorjahre.
Auch nach Ende der Kampfhandlungen beschert die neue Flotte ihrem Eigner Traumrenditen. Aktuellen Zahlen zufolge übersteigt die Nachfrage der Produzenten, die ihr Öl nun vom Golf auf den Weltmarkt bringen wollen, die vorhandenen Tankerkapazitäten bei Weitem. Dank der im Vergleich zum Vorkriegsniveau weiter stark erhöhten Frachtraten dürfte sich die Investition in die über 100 Supertanker mehr als gelohnt haben.