Wirtschaft

Börsengang von Knorr-Bremse Selfmade-Milliardär gibt mit 77 noch mal Gas

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Heinz Hermann Thiele

picture-alliance / dpa/dpaweb

Er gilt als ruppig, hat Führungskräfte reihenweise gefeuert. Aber er hat Knorr- Bremse groß gemacht. Heute ist Heinz Hermann Thiele einer der reichsten Deutschen und nach 30 Jahren immer noch besessen vom Erfolg. Deshalb will er es noch mal wissen.

"Es ist der Zeitpunkt gekommen, zu entscheiden, wie lange ich die Belastung noch als Mensch tragen kann", hat Heinz Hermann Thiele im Interview kürzlich unumwunden zugegeben. Doch dafür lässt der 77-Jährige es jetzt noch mal richtig krachen. Inmitten der Börsen-Turbulenzen schickt er am Freitag nach über 30 Jahren am Unternehmensruder seine Firma Knorr-Bremse aufs Parkett. Ganz freiwillig tut er das nicht, aber am Ende war es für ihn die beste Option.

Das Leben hat es mit dem Selfmade-Milliardär überwiegend gut gemeint. Als 46-Jähriger erkennt er die Gunst der Stunde, schnappt sich das Unternehmen, bei dem er eigentlich nur angestellt ist, und schreibt mit dem Bremsenhersteller im Laufe der Jahre eine seltene Erfolgsgeschichte. Heute fährt jeder zweite Zug oder Lkw mit Bremssystemen von Knorr. Der Börsengang soll die Krönung seines Lebenswerks werden. Trotz der Zitterpartie an den Börsen stehen die Chancen, dass der Schritt aufs Parkett glückt, gut. Rund vier Milliarden Euro nimmt Thiele für den Verkauf von 30 Prozent der Familienanteile ein.

Ein schneller Abschied von der Firmen-Bühne wird der Börsengang jedoch noch nicht sein. Dafür fühlt Thiele sich immer noch zu sehr mit dem Unternehmen verbunden. Er war der goldene Retter von Knorr-Bremse, als sich die Nachfahren des gleichnamigen Gründers - das Unternehmen wurde 1905 gegründet - in einen bizarren Familienstreit verzettelten.

Thiele, der seit 1969 als Sachbearbeiter für Patente bei Knorr-Bremse arbeitete und sich zum Leiter der Lizenzabteilung hochgearbeitet hatte, kaufte ab 1984 kreditfinanziert Firmenanteile, bis ihm 1989 das komplette Unternehmen gehörte. Möglich gemacht haben soll das der frühere Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen. Und mit diesem Geld machte Thiele, der 1987 auch den Vorstandsvorsitz übernahm, im Laufe der Jahre aus einem runtergewirtschafteten Unternehmen einen Weltkonzern. Er selbst sagt von sich, er sei "besessen" gewesen von dieser Idee.

Ein alter Haudegen mit viel Biss

Zwischen 1985 und 2015, als er als Aufsichtsratschef aufhörte, verdreißigfachte sich der Umsatz, das Ergebnis vor Zinsen und Steuern stieg um 20.000 Prozent. Mit einem Vermögen von 15 Milliarden Euro ist Thiele laut "Manager Magazin" heute der siebtreichste Deutsche. Dass ein großer mittelständischer Weltmarktführer, der über Jahrzehnte von einer Unternehmerpersönlichkeit geprägt wurde, nun auch noch den Gang an den Kapitalmarkt wagt, kommt selten vor. Aber es passt zu Thiele. Er ist immer seinen eigenen Weg gegangen.

In der Wirtschaft genießt Thiele allerdings nicht nur den Ruf erfolgreich zu sein. Er gilt als hart und unerbittlich, sein Führungsstil als brutal. Er selbst sieht sich aber nicht als strengen Patriarchen. So einer könne ein Unternehmen nicht 30 Jahre lang von Erfolg zu Erfolg führen, sagte er kürzlich der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). "Sie müssen die Leute hinter sich bringen, sie überzeugen und vor allem auch zuhören können. Alles andere wäre dumm."

Richtig aber ist, dass Kompromisse und Verlieren nie eine Option für ihn waren. Um den Bahntechnik-Anbieter Vossloh ist er jahrelang herumgeschlichen und hat versucht, den Erben ihre Anteile abzujagen. Durch die Hintertür hat er am Ende auch seinen Willen bekommen. Heute hält er 45 Prozent am Unternehmen.  

Den Biss des alten Haudegens bekommen auch seine Mitarbeiter zu spüren. Manager hat Thiele reihenweise gefeuert. "Ich sehe es als meine Pflicht an, einzugreifen, wenn ich der Meinung bin, da ist ein Kollege, der bringt es nicht." Nicht nur von sich, sondern auch von seinen Mitarbeitern erwartet er nie weniger als Höchstleistung. Spaß mache ihm so was nicht. Es sei vielmehr eine Notwendigkeit, sagt er.

Gewerkschaften sind für Thiele ein rotes Tuch. Schon vor 14 Jahren trat Knorr-Bremse aus dem Arbeitgeberverband aus. Inzwischen bekommen die Beschäftigten zwar annähernd Tariflohn, müssen dafür aber 42 Stunden pro Woche arbeiten. Kaum einer der Beschäftigten begehrt auf, Knorr-Bremse taucht regelmäßig in der Liga der besten Arbeitgeber für technische Berufe in Deutschland auf.

Selbst sein Sohn Henrik hat vor zwei Jahren die harte Hand des Vaters zu spüren bekommen. 2015 sollte er in den Vorstand einziehen. Kurz vorher hat es angeblich einen heftigen Streit mit dem Vater gegeben. Henrik Thiele verließ die Firma daraufhin. Was vorgefallen ist, darüber herrscht Schweigen. Das sei Privatsache und gehe niemanden etwas an, meint Thiele.

"Börse ist der richtige Weg"

Am Ende ist der Erfolg Thiele Beweis genug, alles richtig gemacht zu haben. Mit dem Börsengang will er jetzt die "Substanz" erhalten. Gleichzeitig regelt er sein Erbe. "Börse erschien mir nach vielen Überlegungen der richtige Weg", sagt er. Thiele hat entschieden, dass er lieber Investoren über das Unternehmen wachen lassen, als seine Familie. Auch Verkaufen war offenbar keine Option.

Die 48,4 Millionen Aktien, die ab Freitag an der Börse gehandelt werden, stammen ausschließlich aus dem Besitz von Thiele und seiner 47-jährigen Tochter aus erster Ehe, Julia Thiele-Schürhoff. Der Erlös geht deshalb auch ausschließlich an die Familie. Er fließt auf die Konten ihrer Vermögensverwaltungsgesellschaften. Angeblich gibt es Überlegungen für eine Stiftung. Dem Unternehmen selbst wird kein Geld zufließen. Knorr-Bremse brauche kein frisches Kapital, sagt das Unternehmen.

Die Transparenz, die mit dem Börsengang einzieht, hat Thiele überzeugt. Sein Nachfolger Klaus Deller wird künftig vom Markt beobachtet. Und der mag es nicht, wenn Prognosen nicht eingehalten werden. Die Strafe folgt dann prompt. Das dürfte Thiele aber nicht davon abhalten, selbst auch zu poltern - solange er kann.

Er hat zwar seit 2016 formal keine Ämter mehr bei Knorr-Bremse, er hat sich in den 90er- Jahren aber die Mehrheit der Stimmrechte an der Familienholding Stella, die weiterhin der Großaktionär sein wird, über Sonderrechter gesichert. So kann er sich nicht nur in alles einmischen, sondern auch weiter bestimmen.

"Das Unternehmerleben ist ein unvermeidlicher, immerwährender Kampf", hat Thiele einmal gesagt. Er wolle "bis zum letzten Atemzug" Unternehmer bleiben. Selbst mit 77 hat er noch große Pläne. Das Unternehmen will zur technologischen Avantgarde gehören und auch bei Entwicklungen wie dem autonomen Fahren mitspielen.

Am Freitag wird sich erstmal zeigen, ob der Weltmarktführer die Erwartungen an der Börse erfüllen wird. Die Zeiten sind turbulent. Am Dienstag hat Möbel-Onlinehändlers Westwing sein Börsendebüt verpatzt. Knorr-Bremse werden bessere Chancen eingeräumt. Investoren mögen das solide hochrentable, stabile Geschäft mit Bremssystemen für Züge. Das Potenzial zum MDax-Kandidaten hat der Bremsenbauer allemal.

Quelle: n-tv.de

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